Herzlich willkommen bei diesem Projekt- und Selbstversuch!

Guten Tag Ihr Lieben,

 

mein offizieller Name tut hier nichts zur Sache. Als Autorin bin ich die Paula Grimm, die hoffnungslos prosaisch durch Buchwelten und das Web streift. Und in diesem Webprojekt geht es um meine Buchreihe Felicitas. Was bereits im Online- und Präsenzbuchhandel verfügbar ist, findet ihr auf der Seite Buchhandlung in diesem Blog.

 

Das Felicitasprojekt, die Geschichte von Felicitas Haechmanns, ist als Romanserie angelegt. Der erste Band mit dem Untertitel die ersten sieben Leben eines Pumas erschien als Ebook, Taschenbuch und Audiobook im Frühjahr 2017. Bei diesem Blogprojekt könnt ihr mir virtuell bei der Arbeit daran, wie es mit Felicitas weiter geht, über die Schulter schauen, zumindest in gewisser Weise. Und ihr dürft nicht nur zuschauen. Ich wünsche mir ausdrücklich, dass ihr auch „euren Senf“ dazu gebt. Wozu haben Blogs denn sonst eine Kommentarfunktion?

 

Lesen und mitdiskutieren Est in diesem Blog selbstverständlich kostenlos. Alles, was hier eingestellt wird, wird irgendwann ein Buch werden. Auf das Endergebnis, das in verschiedenen Buchformaten veröffentlicht werdenwird, könnt ihr gespannt sein. Denn den „Feinschliff“ mache ich ganz allein. Aus diesem Grund bleiben die Kapitel, die ich hier einstelle, so lange hier, bis das Buch fertig ist. Und ich behalte mir vor, Anregungen, die ich von euch bekomme, erst in die Endbearbeitung einzufügen. So wird es am Ende noch manche Überraschung geben, da bin ich mir sicher! Und obwohl die Entwicklung dieser einzelnen Projekte sehr spannend ist, wird es nach dem Ende eines jeden Teils alles auf Anfang gestellt. Sonst wird es einfach zu viel.

 

Ich freue mich auf euch, eure Leseeindrücke, Fragen und Ideen!

 

Liebe Grüße

 

Paula Grimm

 

P. S.: Hintergrundwissen zur Lebenswelt von Felicitas und interessante Dinge, die nicht in die Bücher passen, findet ihr unter http://www.felicitasblogblog.wordpress.com – Viel Freude damit! :)Und wundert euch nicht über die Datierung der eingestellten Beiträge. Ich habe das Enddatum des jeweiligen Tagebuchs genommen und gehe rückwärts, damit die Geschichte in der chronologischen Reihenfolge gelesen werden kann.

Felicitas – Wie alles begann

Guten Tag Ihr Lieben,

 

hier kommt eine Kurzvorstellung von Felicitas. Wer sich für interessante Aspekte aus Felicitas‘ Lebenswelt und das interessiert, was in den Büchern keinen Platz gefunden hat, wird unter http://www.felicitasblogblog.wordpress.com fündig. Um euch einen kleinen Eindruck von Felicitas Haechmanns zu geben, habe ich in diesem Artikel einfach den Klappentext und die Daten des ersten Bandes eingestellt.

Titel: Felicitas

Untertitel: Die erstensieben Leben eines Pumas

Klappentext

Im Juli des Jahres 2012 kauft die Journalistin und Autorin Tamara Sänft ein Haus in Tannhuysen am Niederrhein. Dort findet sie das Tagebuch von Felicitas Haechmanns aus dem Jahr 1990. Direkt nachdem Tamara die Kladde ergriffen hat, spürt sie die magische Anziehungskraft, die von diesem Band ausgeht, noch bevor sie ein Wort gelesen hat. Als sie das Buch fasziniert in der Hand hält, erscheinen Felicitas’ und ihr Krafttier, ein Pumaweibchen, um Tamara davor zu warnen dieser Geschichte habhaft werden zu wollen. Sie ignoriert diese Zeichen. Und die beiden Zeitungsartikel, die sie in der Kladde findet, spornen sie an, diese Geschichte abzuschreiben und unter dem eigenen Namen als Roman zu veröffentlichen. Denn diese beiden Ausschnitte scheinen einfach nur ein Garant für eine spannende Geschichte zu sein: „Brutale Vergewaltigung an der Bushaltestelle Jungfernweg

Wie die örtliche Kriminalpolizei mitteilt, wurde am Mittwoch dem 16. März gegen 19.10 Uhr die siebzehnjährige Friseurin Terese Haechmanns an der Bushaltestelle Jungfernweg in Tannhuysen brutal überfallen und vergewaltigt. Sie wurde, nachdem sie an der Bushaltestelle ausgestiegen war, von drei Männern mit Vogelmasken überfallen und zumindest von einem der Männer hinter dem Bushäuschen vergewaltigt. Der Mann trug eine Taubenmaske. Seine beiden Helfershelfer sollen eine Papageien- und eine Spatzenmaske getragen haben. Das erklärten die Geschädigte und Richard Bongartz, der zufällig mit dem Fahrrad am Tatort vorbei kam, und dem es zumindest gelang die Täter in die Flucht zu schlagen. Bislang konnten die Täter nicht ermittelt werden.

Tannhuysener Gemeindeblatt: . 1978 1. Kalenderwoche

Wir sind glücklich über die Geburt von Felicitas Haechmanns, geboren am 28.12.1977 um 19.28 Uhr in Tannhuysen. Herzlich willkommen, Fee! Terese, Isabel und Heinrich Haechmanns.“

Tamara Sänft bekommt durch Felicitas’ Aufzeichnungen und durch die Verwicklungen der Ereignisse aus der Vergangenheit mit ihrem Leben tatsächlich eine überaus spannende Geschichte, die die Geheimnisse aus den Jahren 1977 bis 1990 enthüllen. Aber sie wird dieser Geschichte und Felicitas Haechmanns nicht Herr, wie sie es geplant hat. So muss sie unter anderem einsehen, dass ihr Mann, Sigmund Sänft, mehr als ein dunkles Geheimnis hat.

Ebook:

Preis: 3,99 €

Link zum Ebook bei Xinxii:: http://www.xinxii.com/felicitas-p-375280.html

ISBN: 9783961426003

Hörbuch:

http://www.xinxii.com/felicitas-p-375730.html.

ISBN: 9783961457185

Taschenbuch

Preis: 15,49

Link zum Taschenbuch bei Epubli:

http://www.epubli.de/shop/buch/Felicitas-Paula-Grimm-9783745085457/63672

In der Buchhandlung deines Vertrauens

ISBN: 9783745085457.

 

Übrigens, ist Tannhuysen eine Erfindung von mir. Haechmanns ist ein recht geläufiger Familienname am Niederrhein. Also ist die Ähnlichkeit mit lebenden Personen rein zufällig. Ich wünsche euch eine gute Zeit mit Felicitas!

 

Liebe Grüße

 

Paula Grimm

Motto des Buches Texte aus 1001 Nacht – Das Inkubatormodell Lici 2000

Motto
„Sei stets darauf gefasst, dass die meisten Menschen menschliche Größe nicht vertragen können und nur wenige mit und an dir wachsen möchten! Und um dich kleinzukriegen werden sie dir immer kleinmütig begegnen. Sei stets darauf gefasst, dass auch das Leben selbst deine Größe nicht unwidersprochen duldet! Und um dich kleinzukriegen, verfolgt es einen größenwahnsinnigen Plan. So bietet es dir oft nur eine Auswahl von abträglichen und gefährlichen Wegen an. Und dann ist der einzige Trost, dass du nur einen Weg wählen und gehen kannst, sodass du viel aber nicht alles ertragen musst. Vergiss nicht, dass dir trotz alledem die Größe und die Freiheit bleiben dich im Leben umzusehen, voraus zu schauen, um großartige Dinge und Menschen zu finden, an denen du wachsen kannst, die dir Schutz und Hilfe gewähren, die du schützen und unterstützen darfst. Sei stets auf all das gefasst, um Gelegenheiten, die sich dir bieten beim Schopf zu packen, um Freude, Liebe und Hilfe zu bekommen, die dich stärken und groß machen! Sei stets auf all das und auf mehr gefasst!

Etwas Blaues braucht die Fee

Holt, Sonntag, 01. September 2013

Alle Augen warten auf mich. Und der Anblick, den ich biete, während ich von meinem Auto aus auf das Hauptportal von St. Marien zufahre, gibt ihrer Neugier mehr als genug Speise, damit sie nicht zum ersten Mal so richtig gemästet wird. Dass ich Aufsehen errege, liegt nicht daran, dass ich in meinem Aokshopper sitzend auf sie zu komme, und dass das für die Leute ein noch ungewohnter Anblick ist, obwohl ich seit dem 16. November 2012 wieder in der Gegend bin. Hier und in Tannhuysen, wo ich am 28. Dezember 1977 geboren wurde, habe ich immer Aufsehen erregt, wenn ich draußen, in einer der Kirchen, im Kindergarten oder in der Schule war. So wie früher will ich kein Aufsehen erregen. Doch obwohl ich es nicht anders kenne, als dass mich die meisten Menschen in dieser Gegend neugierig anstarren, habe ich mich nie so richtig daran gewöhnt. Es heißt: „Man kann sich an alles gewöhnen!“ Hat man wirklich Lebenszeit genug, um sich an alles zu gewöhnen? – Wohl kaum! Und das ist wahrscheinlich auch besser so. So hat sich, was das Aufsehen betrifft, einiges geändert, was ich wohl überhaupt nicht bemerken könnte, wenn ich mich an das Aufsehen, das ich errege, vollkommen gewöhnt hätte. Was sich vor allem geändert hat, bin ich. Das Ding, das die meisten Leute mit verächtlich zwischen den Zähnen gezückter Zunge „Lici“ genannt haben, gibt es nicht mehr. Ich bin Felicitas Haechmanns, 35 Jahre alt, lebe mit meinen drei Hunden in meinem Haus in Tannhuysen, habe eine Detektivlizenz und führe einen Blog, der Hundebesitzer berät und hoffentlich auch viel Freude bereitet.

Ich habe ungefähr die Hälfte der Strecke von meinem Auto bis zum Hauptportal der Kirche zurückgelegt, als die Glocken zu läuten beginnen. Es ist also zwölf Minuten vor drei. Denn Kirchenglocken dürfen offiziell zwölf Minuten lang Gläubige zum Gottesdienst oder zur Messe rufen. Und mich erfasst der Ruf der Glocken im wahrsten Sinn des Wortes. Ich höre den vollen Klang. Ihr Klang und ihre starke Schwingung erfassen meinen gesamten Körper. Und obwohl ich mich durch den Klang und die Schwingung fühle, als ob ich getragen werde, bleibe ich erst einmal stehen, um mich zu sammeln und zu genießen, was ich höre und empfinde, bevor ich den Rest des Weges zurücklegen werde. „Warum bin ich nicht mehr Lici das Ding sondern eine gestandene Frau, obwohl ich jetzt in einem Ding sitzen und fahren muss und nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen und meinen Lebensweg machen kann?“, frage ich mich, während ich mitten auf dem Kirchplatz stehe. Ich spüre das Aufsehen noch, das ich errege. Aber es stört mich im Moment nicht mehr. Schließlich bin ich nicht allein mit ihm. Der Klang ist da. Und die Schwingung, die mich trägt, ist da. Von allen guten Geistern bin ich auch nicht verlassen. Und das ist gerade jetzt gut und wichtig so. Schließlich fahre ich auf eine Kirche zu, die mich im Juli 1990 mit ihrem Prunk aus der Zeit des Rokoko zweimal angegriffen hatte. Diesmal ist es wieder einmal meine Oma Isabel. Sie berührt mich nur einen kurzen Moment lang an der linken Schulter und schenkt mir einen Augenblick, in dem sie mich ruhig ansieht. Das gibt mir Kraft und Ruhe. Nicht nur, dass mich das wunderbare, bronzefarbene Gesicht mit den schmalen, dunklen Augen wie so oft schon ansieht. „!Fee, todo està bièn!“, sagt die tiefe und leicht raue Stimme meiner Großmutter zu mir. Und die Ruhe, die ich von meiner Abuela bekomme, ist von der Art, dass ich genau die Ruhe finde, die das Tüpfelchen auf dem I ist, das mir noch an Ruhe gefehlt hat, um von dem Klang und der Schwingung des Läutens getragen lange genug innezuhalten, still an dieser Stelle weiterzudenken und weiterzufühlen, bevor ich mit klarem Verstand, gestärkt und erfrischt zum Taufgottesdienst von Felicitas Sänft fahren kann,, bevor ich die Aufgabe der Patenschaft wirklich auf mich nehmen kann.

„Warum bin ich nicht mehr Lici das Ding sondern eine gestandene Frau, obwohl ich jetzt in einem Ding sitzen und fahren muss und nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen und meinen Lebensweg machen kann? müsste ich jetzt in diesem Ding, an das ich gefesselt bin, nicht noch viel mehr ein Ding sein als früher?“

Zunächst gibt es keine Antworten auf diese Frage. Ich fühle nur, dass ich Felicitas Haechmanns, die 35jährige Frau, die 1.90 M groß ist, ein dunkles Gesicht mit gebogener Nase und schmalen Augen hat und einen Bauernzopf mit einer blauen Blumenspange trägt, bin. Ich spüre und weiß, dass ich kein Ding sondern Felicitas Haechmanns bin. Denn ich sehe, wie die Sonne scheint, fühle den leichten Wind, der meine Haut streichelt, höre und fühle das Läuten der Glocken. Die Antworten auf meine beiden Fragen brauche ich hier und jetzt. Sie müssen nicht endgültig sein. Sie müssen nicht alles restlos erklären. Ich brauche Anhaltspunkte, um weiterzumachen, und was Neues anzufangen, zum Beispiel, um eine gute Patin zu werden wie Lenchen und Senta die Ältere es für mich immer noch sind.

„Ich bin nicht mehr Lici das Ding sondern Felicitas, weil ich bei allem, was ich erlebt habe, nicht von allen guten Geistern verlassen worden bin. Sie haben mich begleitet. Sie haben mich so gut wie möglich geschützt. Sie haben mir geholfen mich zu verändern. Ich kann kein Ding mehr sein, weil ein Ding nicht überleben kann. Aber ich habe schon vieles überlebt. Beinahe wäre ich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli gestorben. Und eine Schießerei habe ich auch überlebt. Ich bin nicht mehr Lici das Ding sondern Felicitas, weil ich mich bewusst für diesen mechanischen Rollstuhl mit den Vollgummireifen und nicht für einen Erolli entschieden habe. So komme ich als Selbstfahrerin auf die Geschwindigkeit, die zu mir passt und kann meine Hände, die unversehrt geblieben sind, gebrauchen. Ich liebe alles Manuelle. Und meinem Fahrzeug geht die Energie nicht schneller aus als mir selbst.“

Jetzt kann ich die Greifräder fassen und flink vom Klang und der Schwingung der Glocken getragen auf das Hauptportal von St. Marien zufahren, wo einhundertzwanzig Leute stehen, und mit einem Einheitsaufsehblick auf mich warten. Ich habe keine Angst vor der Kirche, obwohl sie mich zweimal mit ihrem Prunk aus der Zeit des Rokoko angegriffen hat, nicht nur weil ich zu schlicht für sie war.

Der heiße Reifen, den ich fahre, kommt den Leuten vor der Kirchentür wohl wie eine Flucht nach vorn, eine heil- und sinnlose Flucht vor der Realität, vor dem, was ich wahrnehmen, denken und fühlen kann, vor. Doch diese Schnelligkeit kann keinen Geschwindigkeitsrausch bei mir verursachen. Und das liegt nicht nur daran, dass die Geschwindigkeit viel höher sein müsste, damit ein übersteigertes Hochgefühl Wahrnehmung und Denken teilweise ausblenden könnte. Die Schnelligkeit, die ich mit meiner eigenen Hände Kraft erzeuge, ist mir angemessen, erdet mich so, wie es mit einem Fahrzeug mit Motor nicht möglich wäre. So bleibe ich auf dem Boden der Tatsachen und nehme klar und deutlich wahr, was um mich her und mit mir passiert.

Und es passiert etwas Erstaunliches.. Ungefähr vier Meter vom Hauptportal der Kirche entfernt ist es als ob ich durch eine unsichtbare Mauer fahre. Und dahinter gibt es diesen Gemeinschaftsaufsehblick plötzlich nicht mehr. Wie kann das sein, dass ein derart starker und weitreichender Blick, der immerhin eine Wirkmächtigkeit von mehr als 50 Metern hatte, sich auf einmal Einfach so auflöst? Bezogen auf den Gemeinschaftsblick scheint es einen Mittelpunkt gegeben zu haben, den ich wohl zerstört habe. Aber es hilft mir nicht, dass die gefräßige Neugier auf einen Schlag einfach nicht mehr da ist. Denn sofort schlägt mir von den anwesenden Leuten etwas anderes entgegen, ihre Unversehrtheit. Dazu diese Unversehrtheit mit all ihren Einzelheiten auf mich wirken zu lassen, komme ich nicht. Nur eine Sache fühle und weiß ich ganz genau. Es ist nicht nur die körperliche Unversehrtheit und Makellosigkeit, die mir von all diesen Menschen entgegen schlägt.

Das Hauptportal von St. Marien steht natürlich bereits offen. Und darin steht Tamara Sänft die Mutter des Kindes, dessen Patin ich gleich werden soll. Sie trägt ein grünes Kleid, das dieselbe Farbe wie ihre Augen hat. Sie macht mir ein Zeichen, dass ich sofort in den Vorraum der Kirche kommen soll. Und ich fahre die Rampe hoch und in die Kirche hinein. Und die Augen von Nina Baumschatz, die die zweite Patin ist, der Großmutter des Kindes und des Gemeindepriesters Thomas Münzer warten voller Ungeduld auf mich. Ich sehe auf meine Armbanduhr. Es ist zehn vor drei. Sind wirklich nur zwei Minuten vergangen von dem Augenblick an, als ich mitten auf dem Kirchplatz inne gehalten habe, bis jetzt? Wie dem auch sei! Ich bin nicht zu spät gekommen, obwohl sie mich das alle glauben machen wollen. Gelassen sehe ich mich um und bewundere das Taufkleid des Kindes, das mit geschlossenen Augen in seinem Wagen liegt. Hochwürden reißt plötzlich der Geduldsfaden. Und es ist als ob ihn dieser Faden nur von mir hatte fernhalten sollen. Denn dieses Reißen katapultiert ihn auf mich zu und er kann über mich herfallen. Schließlich spürt und weiß er, dass er jetzt etwas tun und sagen muss, was er gar nicht will. Gern würde er jetzt laut und vorwurfsvoll „lici Haechmanns!“, zu mir sagen. Das steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Aber auch für ihn ist das mit dem Lici endgültig vorbei. So stürzt er grußlos auf mich zu, sieht zu mir herab, japst und sagt heiser: „es gibt da ein Problem, ein gigantisches Problem!“ „Das da wäre?“ Immer noch vollkommen gelassen sehe ich zu ihm auf. „Die arme Frau Baumschatz hier hat eben einen Blick in den Kirchenraum und den Mittelgang entlang geworfen. und jetzt fühlt sie sich außer Stande das Kind nach vorn und später zum Taufbecken zurückzutragen!“

Endlich sieht mich Nina selbst direkt an und sagt: „Da-da-da ist doch dieser große mittelblaue Fleck an der Decke vom Mittelgang. Da kann ich doch kein Kind drunterhertragen.“ Kaum hat sie das gesagt, ist es mit ihrem Mut schon wieder vorbei. Sie kann mir nicht mehr direkt in die Augen sehen. -„Immer diese blau- und grauäugigen Leute!“ – „Das Kind ist am 02. August geboren. So kleine Kinder können noch gar keine Farben sehen!“ Das nimmt Nina nichts von ihrer unbegründeten Angst und Unsicherheit. Für so ein kleines Kind sind die Ängste und Unsicherheiten der Menschen, mit denen sie es zu tun bekommen, mit Sicherheit gefährlicher als jede Farbe und mag es noch so ein großer blauer Fleck sein. Mein Blick geht zu Tamara. Und auch sie ist nicht bereit ihr Kind durch den Mittelgang zu tragen. „Wenn ihr niemanden da draußen fragen wollt, wovon ich ausgehe, dann müsst ihr eben aushalten, dass die Fee, ehm, Felicitas von mir mitgenommen wird, obwohl sich das auf den Fotos und in dem Film nicht so gut macht. Und wenn ich das Kind halten soll, muss jemand meinen Aokshopper schieben.“ Es ist zum Auswachsen. Niemand reagiert.

Die Gottesdienstbesucher kommen langsam in die Kirche. Zunächst sehe ich zwar einige bekannte aber kein vertrauenswürdiges Gesicht. Aber dann betritt meine Cousine Senta Löwenherz den Vorraum der Kirche. Wie konnte ich nur vergessen, dass sie auch kommen würde. Sie ist Hebamme und besucht nach Möglichkeit jede Taufe der Kinder, deren Geburt sie betreut hat. „Senta, könntest du die kleine Fee tragen oder meinen Rollstuhl schieben? Oder hast du Angst uns durch den Mittelgang zu begleiten?“ Senta lächelt. Und ihre Augen bekommen wieder diese tiefblaue Farbe, die ich bislang noch bei keinem anderen Menschen gesehen habe. „Du bist eine ihrer Patinnen. Darum wirst du sie halten. Und ich fahre euch!“ Sie ist eben Senta Löwenherz. Diesen Namen hat sie sich im Juli 1990 verdient, als sie sich in der Nacht vom 27. zum 28. Juli beherzt gegen ihre Eltern, ihren älteren Bruder, ihre beiden älteren Cousins und auf meine Seite gestellt hat. Damals war sie noch nicht einmal sieben Jahre alt. Und seither hat sie dem Namen, Senta Löwenherz, alle Ehre gemacht. Das wissen Thomas Münzer, Nina Baumschatz und vor allem Tamara Sänft, die durch Senta ihren Willen zwar nicht vollkommen bekommen hat aber mit ihrer Hilfe endlich schwanger geworden ist. Die kleine Fee ist wie Senta eine Löwin und bekommt hoffentlich auch ein Löwenherz.

Es ist gut, dass Senta da ist und mir den Rücken stärkt und frei hält. Als ich erfahren habe, dass die Taufe in St. Marien und nicht in St. Johannes in Tannhuysen stattfinden soll, musste ich natürlich sofort daran denken, wie ich zweimal im Abstand von nicht einmal 24 Stunden im Innern dieser Kirche angegriffen worden bin. Obwohl die Erinnerungen an den Lärm, der mich beim ersten Angriff gelähmt hat und an den Kampf mit dem Bild, das früher an der Decke des Mittelganges war, sehr deutlich sind, habe ich keine Angst vor St. Marien. Denn da, wo das Bild von Maria als Himmelskönigin war, ist seit dem 28. Juli 1990 eine große, rechteckige Fläche in meiner Farbe, in blau. Und Münzers versuche, die blaue Fläche überstreichen und das prunkvolle Bild wieder herstellen zu lassen, sind gescheitert. Und das Blau fügt sich auf wunderbare Weise in das Innere der Kirche im Rokokostil ein, obwohl sie ein Widerspruch gegen all das Gold und die verschwenderischen Formen ihrer Umgebung ist.

Jeder in Tannhuysen und Holt kennt die Geschichte dieser großen blauen Fläche. Denn Tamara Sänft fand am 27. Juli 2012 mein Tagebuch aus dem Jahr 1990 und hat es inzwischen unter dem Titel Felicitas und mit dem Untertitel die ersten sieben Leben eines Pumas veröffentlicht. Es ist auch ein Teil ihrer Geschichte geworden, was in den Jahren von 1977 bis 1990 passiert ist. Ein Tagebuch oder auch ein anderer Gegenstand, der irgendwo zurückgelassen wird, damit jemand wie ich etwas hat, um wieder an einen Ort zurückzukommen, den er oder sie nicht freiwillig verlassen hat, dessen Leben bleibt nicht unberührt von einer Geschichte, mag sie auch noch so lange zurückliegen. Und Nina Baumschatz kennt die Geschichte auch. Schließlich ist sie die beste Freundin von Tamara Sänft und arbeitet mit ihr zusammen. Beide sind Journalistinnen, Ghostwriter und Autorinnen. Sie wissen beide wie mein Gebet und die Pfote meines Krafttiers das Bild zerstört haben und Münzer war selbst dabei. Aber sie scheinen nichts verstanden zu haben. Denn, wenn sie wirklich begriffen hätten, warum die Himmelskönigin verschwinden musste, müssten sie keine Angst haben auch nicht wegen des Kindes, obwohl das noch nicht blau sehen kann. Und da die Sonne durch die bunten Fenster scheint, ist auch das zauberhafte Leuchten des blauen Flecks nicht zu sehen. „Doch spätestens zu St. Martin werde ich mit der kleinen Fee am Abend in diese Kirche kommen, dass sie das blaue Licht sehen kann!“, denke ich so bei mir, als ich die Fee, die im Gegensatz zu mir wirklich so hell und zierlich aussieht wie eine richtige Fee, aus ihrem Kinderwagen nehme.

Hochwürden macht eine ungeduldige Handbewegung und eilt Richtung Kirchenraum. Doch niemand von uns lässt sich von seiner plötzlichen Hektik anstecken. Auf dem Gesicht von Nina Baumschatz zeigt sich ein leicht ängstlicher Ausdruck. Aber auch sie schafft es sich ruhig in Bewegung zu setzen. Auch Müntzer verringert bald seine Geschwindigkeit. Gerade unter dem blauen Fleck an der Decke angekommen, werden seine Schritte langsamer und vorsichtig. Sogar in leicht geduckter Haltung bewältigt er das Stück des Weges zum Altar, bei dem er unter dem großen Rechteck hindurch gehen muss. Auch Tamara Sänft und Nina Baumschatz senken die Köpfe, als sie vor uns den Mittelgang entlang gehen.

Senta und ich senken unsere Köpfe nicht. Und obwohl ich es nicht direkt ansehe, bemerke ich doch, dass das Kind in meinem Arm genau in dem Moment, als wir unter die blaue Fläche kommen, die Augen öffnet. Und gleich, nachdem wir das Blau passiert haben, schließt es die Augen wieder. Dabei kann sie doch noch gar nicht blau sehen. Meine beiden Patinnen haben die Patenschaft mit Kopf, Herz und Hand angenommen und ein sehr gutes Gespür für meine Belange gehabt, was mir eine große Hilfe war. Senta die Ältere und Lenchen haben eigentlich immer intuitiv gewusst, was sie zu tun hatten, um mich positiv zu beeinflussen und Abträgliches zu mildern. Haben ihre Qualitäten zumindest etwas auf mich abgefärbt? Ist davon genug auf mich übergegangen, sodass ich ihr zuträglich sein kann, sie stärke und nicht schwäche?

St. Marien ist vor fünf Jahren aufwendig modernisiert worden. So gibt es auch eine Rampe, die zum Altar hinauf führt und eine neue Orgel. Den blauen Fleck haben die Maler aber Gott sei Dank nicht überstreichen können. Sie haben mehrfach versucht die Farbe wegzubekommen und den vermeintlichen Makel mit einem neuen Bild wettzumachen. Aber jedes Mal, wenn sie am nächsten Morgen oder nach dem Wochenende zurückkamen, war er wieder da, der blaue Fleck. Vor dem Altar angekommen versuche ich mich in die Musik der Orgel fallen zu lassen, um einfach nur da zu sein, nichts zu fühlen und zu denken, damit nichts da ist, was die Fee in meinem Arm negativ beeinflussen könnte. Doch meine Gedanken und Gefühle hören nicht auf zu arbeiten, obwohl es nicht mehr die alte Orgel ist, deren Klang am 27. Juli 1990 einen akustischen Angriff auf mich ausgelöst hat, und obwohl eine blutjunge Organistin, die damals noch nicht hier war, das Instrument spielt. Erst, als ich meinen Blick auf das blaue Rechteck an der Kirchendecke richte, klären sich meine Gefühle und Gedanken, sodass es zumindest unwichtig wird, dass Tamara Sänft mich in gewisser Weise aus unlauteren Gründen zur Patin gemacht hat. Keiner ihrer Verwandten wollte Pate oder Patin von Felicitas werden, das Kind von einem alten Knacker, der jetzt in Pont einsitzt. Dabei hat sich nicht nur Tamara in diesem „schrägen Vogel“ mit großem Schnabel und Spatzenhirn getäuscht. Bis er im November des vergangenen Jahres sein wahres Gesicht zeigen musste, fanden sie ihn alle großartig. Sie hatten sich übrigens seiner Zeit nur standesamtlich getraut. Tamara Sänft macht mich zur Patin ihrer Tochter, um mich in ihrer Nähe zu haben. Auf eine bestimmte Art mag sie mich wirklich. Aber sie will auch noch mehr von meiner Geschichte haben. Sie will meiner Geschichte und meiner Selbst immer noch habhaft werden. Ihr reicht nicht, was sie von mir schon hat, und was ich für sie und ihr Kind zu tun bereit bin. Sie wusste natürlich genau, welche Knöpfe sie drücken musste, welche Strippen zu ziehen waren, um mich dazu zu bewegen die Patin ihres Kindes zu werden. So weiß sie aus meinem Tagebuch aus dem Sommer des Jahres 1990, wie froh und dankbar ich meinen Großeltern und meiner Mamita war, dass sie mir durch die Auswahl des Namens einen Glückwunsch für meinen ganzen Lebensweg mitgegeben haben. Und sie hat es ihnen gleich getan. Aber das war selbstverständlich nicht die einzige Sache, mit der sie erfolgreich versucht hat, mich als Patin für Felicitas zu gewinnen. Auch, dass ich ein gutes Beispiel dafür bin, wie gut es sein kann, dass Paten nicht mit dem Täufling verwandt sind, wusste sie aus meiner Geschichte. Und auch dieses Argument führte sie an, um mich zu überzeugen. Leichtgläubig, vielleicht allzu leichtgläubig bin ich ihren Worten und dem spontanen Gedanken gefolgt, dass es nur um das Kind geht.

Ich habe das Gefühl, dass Felicitas auf meinem Schoß, in meinem Arm, durch den Klang der Orgel und durch die starke Präsenz des blauen Flecks vor den Blicken und den negativen Gedanken und Gefühlen der Menschen in dieser Kirche geschützt ist. Und ich hoffe inständig, dass ich mir das nicht nur einbilde. ich selbst bin alles andere als unbehelligt von dem, was um uns her geschieht.

Gefräßige Neugier kommt nicht mehr auf und auf mich zu. Misstrauen, subtile Vorwürfe, Missgunst, wohlmeinende Herablassung und ausgewachsener Argwohn schlagen mir entgegen. Und diese Gefühle, die aus den Gesichtern und der Haltung der Menschen in St. Marien sprechen, verändern sich unablässig. Darum dauert es bis zur Predigt, bis ich begreife, wo oder besser gesagt bei wem der Mittel- und Ausgangspunkt dieser Gefühle ist, bei Thomas Müntzer. Hochwürden schafft es aber, professionell zu wirken, und obwohl er im Kreuzfeuer negativer Gefühle steht, wie ein Brennglas ist, bleibt er zumindest äußerlich betrachtet ruhig und sicher. Mit festem Blick in den grauen Augen steht er aufrecht und kerzengerade da.

Das ändert sich erst bei der Taufzeremonie selbst. Seine Haltung ist kaum verändert. Aber der Klang seiner Stimme ist unsicher. Vor allem der Name des Kindes kommt ihm alles andere als leicht über die Lippen, als er sagt: „Felicitas, ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“ Obwohl ich mit dem Vertreter von Müntzer, der ursprünglich die Taufe geben sollte, darüber gesprochen habe, weiß ich nicht mehr, ob und wie die Paten im Namen des Kindes beim Taufversprechen angeredet werden. Mir fällt aber auf, dass es dem Priester nicht gelingt diese Taufe auf das Kind und nicht auf mich zu beziehen. Immer, wenn er Felicitas sagt, was er vielleicht gar nicht tun müsste, klingt er widerwillig. Denn er ist überhaupt nicht damit einverstanden, dass ich das Recht haben soll, eine Patenschaft zu übernehmen. Aber das mein verzweifeltes Gebet dazu beigetragen hat, das Bild Mariens als Himmelskönigin zu zerstören und einen blauen Fleck zu erzeugen, ist lange her, lag nicht in meiner Absicht und hat nicht dazu geführt, dass ich das Abendmahl nicht mehr zu mir nehmen darf, dass ich aus der Kirche ausgestoßen wurde.

„Felicitas, widersagst du dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?“ „Ich widersage.“ „Felicitas, widersagst du den Verlockungen des Bösen, damit es nicht Macht über dich gewinnt?“ „Ich widersage.“ „Felicitas, wiedersagst du dem Satan, dem Urheber des Bösen?
„Ich widersage.“ Dann fragt der Priester:
„Felicitas, glaubst du an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde?
„Ich glaube.“ „Felicitas, glaubst du an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, der geboren ist von der Jungfrau Maria, der gelitten hat und begraben wurde, von den Toten auferstand und zur Rechten des Vaters sitzt?“
„Ich glaube.“ „Felicitas, glaubst du an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben?“ „Ich glaube.“
Der Priester schließt:
Der allmächtige Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, hat uns aus dem Wasser und dem Heiligen Geist neues Leben geschenkt und uns alle Sünden vergeben. Er bewahre uns durch seine Gnade in Christus Jesus, unserem Herrn, zum ewigen Leben.

Dann ist die Zeremonie zu ende. Und ich bin erleichtert. Es ist mir gelungen mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und für das Kind Stellung zum Glauben zu beziehen, für es da zu sein. Mir sind die Worte klar und deutlich über die Lippen gekommen. Während des Taufversprechens habe ich abwechselnd zum blauen Fleck und zu Nina Baumschatz geblickt und mir wird klar, dass sie mich in gewisser Weise im Stich gelassen hat und die kleine Felicitas auch. Ihre Lippen haben sich zwar bewegt. Doch ihre Stimme ist nicht zu hören gewesen. – Lippenbekenntnisse, im wahrsten Sinne des Wortes!

Gut ist, dass Tamara mit dem Kinderwagen kommt. Ich lege Felicitas hinein, sodass sie nicht von der Einsamkeit erfasst wird, die von mir nach und nach Besitz ergreift. In einer Gruppe von Menschen einsam zu sein hat viele Gesichter. Und von diesen Gesichtern kenne ich schon viele. Auch die Einsamkeit, die durch Blicke entsteht, die von den Vorstellungen sprechen, die sich die Menschen um einen her machen, die in Gestalt von rechthaberischen, herablassenden, unverschämten und boshaften Haltungen und Gesichtsausdrücken zur Schau gestellt werden.

Es folgen die Wandlung und das Abendmahl. Und ich frage mich nicht zum ersten Mal „Bin ich würdig und rein genug, das Abendmahl zu empfangen?“ Das frage ich mich, als ich auf die Gruppe der Menschen zufahre, die in einer Reihe stehen, um das Abendmahl zu bekommen, obwohl ich doch wissen müsste, dass ich dazu würdig bin. Gott sei Dank bekomme ich Hilfe. von oben durch den Anblick des blauen Flecks und von der Seite. Denn plötzlich ist mein Krafttier Salvadora zur Stelle. Mein Puma ist für mich da wie damals, als ich vor dem Altar um Hilfe gebeten hatte und der Puma gekommen ist, um gegen die Herrschaft der Himmelskönigin zu kämpfen. Sie ist zu meiner linken an der Seite, die von Herzen kommt. ich nehme das Abendmahl. aber nicht aus der Hand von Thomas Müntzer. Und ich fühle mich gestärkt.

Fortsetzung von etwas Blaues braucht die Fee

Tannhuysen, Sonntag 01. September 2013

Ich sitze in meiner Küche und trinke Pfefferminztee. Ich habe viel Kraft gebraucht. Im Rappen, der sich in der unmittelbaren Nachbarschaft von St. Marien befindet, hat die Taufgesellschaft zusammengesessen und Kaffee getrunken. Tamara hat mir mitgeteilt, dass wir am Mittwoch ein Interview über das Buch Felicitas – Die ersten sieben Leben eines Pumas geben müssen. Und sie und Nina Baumschatz haben mich mit ihrer Ungeduld belästigt. „Wann kommst du endlich mit mehr Texten aus deinem Leben ‚rüber?“ – „Du hast doch gesagt, dass du noch mehr im Petto hast. Es geht doch dabei nur darum, deine Tagebücher zu bearbeiten.“ ich blicke auf meine Handrücken, zuerst auf den Rechten, wo in roten Lettern die Initialen der Feinde zu sehen sind, die mich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1990 im wahrsten Sinne des Wortes K.O gemacht haben, mit irgendwelchen Tropfen. Drei von den vier jungen Kerlen waren meine älteren Cousins. Wer solche Verwandten hat, braucht keine anderen Feinde mehr, hat aber meistens noch viele andere Feinde. So war der Tätowierer der Freund meiner Cousins. Dann blicke ich auf meine linke Hand, wo der Herr über die Farbnadeln eine blaue Taube hinterlassen hat. Meine Cousins hielten dieses Motiv für eine besonders gute Idee, da in dieser Zeit von meinem Vater nur bekannt war, dass er ein Typ mit einer Taubenmaske war, der meine Mamita zusammen mit zwei anderen Kerlen mit Vogelmasken im März des Jahres 1977 überfallen hatte. Die Farbe blau war eine schlechte Wahl. Denn schon immer war blau meine Farbe. Und so erlebte ich mit Hilfe dieser Zeichnung manches blaue Wunder und zwar im besten Sinn.

Ich sehe die blaue Taube auf meinem linken Handrücken sehr lange an. Gleich morgen früh ist eine gute Zeit mit meinem neuen Buch anzufangen. Denn einen Auftrag habe ich derzeit nicht. Den letzten Auftrag, bei dem ich als Büroangestellte getarnt einen Fall von Betriebsspionage aufgedeckt habe, konnte ich am Donnerstag beenden. „Du machst das Ding auf deine Weise und ziehst es allein durch. Du sorgst diesmal dafür, dass niemand in die Geschichte verwickelt wird. Sie erfahren alle noch früh genug, was Sache ist!“, ermahnt nich eine innere Stimme. Und dann entscheide ich mich spontan dafür morgen früh im Februar des Jahres 2000 anzufangen. Das ist ein guter Anknüpfungspunkt. Denn das Jahr 2000 war ein ereignisreiches Jahr, das mir trotz der vielen Geschehnisse viel Zeit und Gelegenheit gab, mich auch mit dem zu befassen, was ich in den 90er Jahren erlebt habe.

Texte aus tausendundeiner Nacht für tausendundeinen guten Geist

Kleines Motto
„Lebensdumm stellt sich, wer sich selbst der Einfachheit halber glauben macht, dass seine Quälgeister ihn in Ruhe lassen, wenn er sie gerade nicht hört, sieht oder fühlt. Ebenso lebensdumm stellt sich, wer sich selbst glauben macht, dass seine guten Geister ihn verlassen, wenn er sie gerade nicht hört, sieht oder fühlt.“

Tannhuysen, Montag, 02. September 2013

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Tamara meint, dass ich ihr etwas wegnehme, auf das sie Anspruch zu haben glaubt, wenn ich allein diejenigen Texte auswähle und bearbeite, die in diesem und mindestens einem weiteren Buch mit dem Untertitel Texte aus tausendundeiner Nacht zusammengestellt werden. Wie dem auch sei! Auch oder vor allem das ist wahr, ich nehme ihr viel ab, wenn ich die Geschichten meines Lebens selbst in die Hand und die Verantwortung dafür übernehme. Wenn ich das Schreiben selbst in die Hand nehme, nehme ich ihr weniger weg als ich ihr abnehme. Ich nehme ihr viele kleine und größere Entscheidungen ab und die Verantwortung für die Texte, die sie haben aber auch nicht haben will.

Als ich im Februar spontan den Untertitel Texte aus tausendundeiner Nacht vorgeschlagen hatte, damals, als ich Tamara im Rappen getroffen hatte, hörte und fühlte sich das Passend und stimmig an. Und obwohl mir erst gestern Abend, nachdem ich mich endgültig dazu entschieden habe, alles wieder selbst in die Hand zu nehmen, die Gründe eingefallen sind, warum der Untertitel passt und stimmig ist, fühlen und hören sich die Worte nach wie vor so angemessen und stimmig an wie eh und je. Es ist auch vernünftig sich auf tausendundeine Nacht zu beschränken, obwohl es in den zweiundzwanzig Jahren, in denen ich nicht in Tannhuysen lebte, viele Nächte mehr gegeben hat, in denen ich geschrieben habe, was ich erlebt habe. Doch ich habe nicht nur geschrieben sondern auch gelesen. Dabei waren auch die Märchen aus tausendundeiner Nacht. Aus diesem Grund sind die Texte, die ich zusammenstelle auch Scheherazade und anderen vor allem schreibenden Frauen gewidmet, die mir mit ihren Gedanken zu guten Geistern geworden sind. Gioconda Belli mit ihrem Buch bewohnte Frau, um nur eine zu nennen. Den letzten Satz ihres Romans werde ich wohl nie vergessen: „Niemand, der liebt, stirbt jemals.“

Doch tausendundeins ist in gewisser Weise eine symbolische Zahl, denn nicht nur Erzählerinnen und Erzähler wurden für mich gute Geister, da sie mich an ihren Geschichten haben mitleiden, miterleben, mitlieben ließen. Und es sind ihrer wahrscheinlich schon mehr als tausendundein guter Geist, wenn ich sie zählen würde. Doch da sind auch noch diejenigen, die mir begegnet sind, mit denen ich mitgelitten, mitgelebt und mitgeliebt habe, und die mit mir mitlitten, mitlebten und mich liebten oder lieben. Und sie hatten viel mitleiden und mitzuerleben, von denen ich so oft auch spüren durfte, wie sie mich lieben und mitleiden, was ich ins Herz geschlossen habe.

Darum sind die Texte aus tausendundeiner Nacht meinen Großeltern, meiner Mamita, Willem, der mir im Jahr 1990 eine neue Identität gegeben hat, meinen Patinnen Lenchen und Senta, meiner Cousine Senta Löwenherz, Richard Bongartz, Sezen, Lola und vielen anderen, die in meinen Aufzeichnungen vorkommen werden, gewidmet.

Dankbarkeit und Liebe sind Atem und Energie für die Seele. Mit dieser Auswahl danke ich euch allen ihr guten Geister und sage euch, wie sehr ich euch liebe. Die Seele atmet aus und spendet Energie, wenn man sich herzlich bedankt und von Herzen Liebe zeigt. Es fällt mir leicht. Atem zu holen und so Dank und Liebe zu bekommen, fällt mir oft schwer. Ich hoffe einfach nur, dass ich das im Verlauf meiner Arbeit besser lerne.

Es fühlt sich gut und richtig an, Texte aus tausendundeiner Nacht den guten Geistern zu widmen, die mich begleiten. Aber wie soll die erste Etappe, in denen die Aufzeichnungen aus dem Jahr 2000 stehen werden, lauten? Ich blicke auf die blaue Taube, dann schließe ich meine Augen. Und vor meinem inneren Auge leuchtet in mittelblauer Schrift: „Das Inkubatormodell Lici 2000.“ Auch das wird schon seine Richtigkeit haben.

Im Blaulicht der Erkenntnis

0001. Hohlburg, Dienstag 22. Februar 2000

Valeria hat sich endlich in den Schlaf geweint wie ein kleines Kind. Hoffentlich haben die Tränen genug von ihrem Kummer weggespült, dass sie diesmal wirklich gut schlafen kann. Es ist die zweite Nacht, in der wir beide diese Zelle des Untersuchungsgefängnisses teilen. Es ist meine dritte Nacht in Hohlburg. Die erste Nacht verbrachte ich in der Zugangszelle. Valeria sitzt doppelt so lange hier ein. Seit dem Hofgang gestern Vormittag weiß ich, dass man der kleinen, runden Frau, die zehn Jahre älter ist als ich, den Namen Walze verpasst hat.

Wir dürfen von 09.00 bis 10.00 Uhr an die frische Luft. Nachdem ich dass Haus verlassen hatte und noch keine zehn Schritte gegangen war, kam eine rotblonde Frau auf mich zu und blieb vor mir stehen. Während sie noch auf mich zugekommen war, hatte ich mich dazu entschlossen ihr nicht stumm wie ein Fisch aber wortkarg Rede und Antwort zu stehen.

„Felicitas?“ Ich nickte. „Und wer bist du?“ „Ich bin Annegret! Aber alle hier nennen mich Greta, Greta wie die Garbo!“ Dass ich dazu nichts sagte, ruhig vor ihr stand und sie gelassen betrachtete, war nicht das, was sie erwartet und gewollt hatte. Greta ist knapp 1.70 m groß, verfügt über einen sehr weiblichen Körperbau und Gesichtszüge. Sie ist sich ihrer Reize sehr bewusst. Das strahlen ihre Haltung und der Ausdruck ihrer blauen Augen aus. Zwei Sachen wurden mir sofort klar. Die Greta hat hier das Sagen, ein Gewohnheitsrecht, weil sie häufiger schon hier war, eine Menge Knasterfahrung hat. Sie findet überall Leute, die sie um den Fingerwickeln oder unterdrücken kann.

Nach einer kurzen Pause begann sie auf mich einzureden, mir ihren Standpunkt klarzumachen. „Du teilst die Zelle mit der Walze. Da will ich überhaupt nicht mit dir tauschen. Aber für euch passt das. Die eine ist klein und dick, lässt sich irgendwann bis aufs Blut reizen und schlägt ihren Macker tot. Und die andere ist groß und klapperdürr, lässt sich eines Tages von ‚nem Macker bis aufs Blut reizen und schlägt ihn tot. Ein Mauerblümchen mit Kummerspeck und ‚ne verhärmte Nutte, die jeweils ‚nen Kerl auf dem Gewissen haben. Das passt wie Arsch auf Eimer, oder nicht? – Willst du wissen, woher ich das weiß? – Die Wände hier haben Ohren, sehr gute Ohren. Und darum Weißich alles, was ich wissen will, obwohl ich im Moment die einzige bin, die trotz Überbelegung ‚ne gemütliche Einzelzelle hat. Und ich hab‘ noch jede kleingekriegt, weil ich immer Bescheid weiß!“

Es ist ein Fehler sich absolut auf seine Sinne oder einen Sinn zu verlassen. So haben die Wände überall auf der Welt Ohren, gute Ohren. Doch überall sind die Ohren der Wände auf das Hören bestimmter Worte und Geräusche geeicht. Das bedeutet, dass sie vieles auch viel Nützliches hören aber eben noch lange nicht alles. Und was nützen die besten Zusatzohren, wenn man nicht zuhören will oder kann.

Gestern waren wir draußen. Und der Hof ist von Mauern umgeben. Aber das ist nicht das Gleiche und erst recht nicht das Selbe, wie das, was sich hinter den Wänden im Inneren des Gebäudes tut. Aber auch, wenn die Greta und ich uns in einem der Sozialräume begegnet wären, hätte ich keine Verstärkung von den Wänden gebraucht, um genau zu hören, was ich hören und wissen musste. Sie machte einige Fehler, aus denen ich bislang zwar kein Kapital schlagen konnte, die aber in Zukunft schwerwiegende Folgen für unsere Feindschaft haben können.

Greta verließ sich auf ihre bisherigen Erfolge und ihren sozialen Status hier im Bau. Sie unterschätzte meine Aufmerksamkeit, meine Augen und meine Ohren. So hörte ich die Schwächen ihrer recht hohen und klaren Stimme. Mit dieser Stimme kann sie auf kleines, harmloses Mädchen machen, schmeicheln und sie auf die Spitze treiben, um einem Gegenüber den letzten Nerv zu rauben, ihn niederzukreischen. Aber sie verschwendet viel zu viel Atem. Und die Stimme hält nicht besonders lange durch vor allem, wenn Greta sie auf die Spitze treibt. Dann schnappt sie leicht über und dann geht ihr die Luft aus. Es ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Es gibt bestimmt einige Dinge, mit denen man sie auf die Palme bringen kann, sodass sie ihre Stimme auf die Spitze treibt und nach Luft japsen muss. Und während sie um Atem und Fassung ringt, ist genug Zeit, um ihr in aller Ruhe und so, dass es ihr einen tiefen Eindruck macht, den eigenen Standpunkt klarzumachen.

Ich lasse mir Zeit Greta genau zu studieren. Gestern war sie es, die unbedingt herausfinden wollte, wie sie mich auf die Palme bringen kann. „Ich weiß genau Bescheid, Lici! Ich muss aber sagen, dass ich immer wieder verblüfft bin, was für ein dummes und naives Ding man doch sein kann und wie schnell manche doch ihre Nerven verlieren! Ich hab’ sie alle im Griff, die Totschlägerinnen und die anderen auch! Und du hättest bestimmt Angst, die Zelle mit mir zu teilen. Ich könnte dich im Schlaf erschlagen. Aber so was ist nicht meine Sache!“ ein besonders breites Grinsen zeigte sich auf ihrem Gesicht. Und sie stand siegessicher vor mir.

Auf die Strategie von Feinden durch die Verunglimpfung meines Vornamens und die Verdinglichung angegriffen zu werden, bin ich seit Kindertagen stets gefasst. ich habe mich zwar keineswegs absolut daran gewöhnt, sodass ich immer noch jedes Mal darauf reagieren muss. Aber auf die Palme oder zur Weißglut kann man mich damit schon lange nicht mehr treiben. Und so war es mir auch gestern Vormittag ein Leichtes den Impuls zu unterdrücken ihr mit einer schnellen und kräftigen Bewegung die linke Faust mit der blauen Taube auf dem Handrücken entgegenzuschleudern, ohne sie direkt zu berühren. Den besten Trumpf spielt man nicht ohne Weiteres aus. Es war erst ein Vorspiel unserer Feindschaft.

Aber natürlich sollte auch der Punktgewinn der ersten Runde nicht an sie gehen. Langsam machte ich einen großen Schritt rückwärts. Sie dachte, ich würde kneifen und mich vollkommen zurückziehen. Das konnte ich deutlich in ihrem Gesicht lesen. Und als ich nicht wegging und ihr fest und ruhig in die Augen sah, konnte ich erkennen wie verblüfft sie war, dass ich ihr nicht aus dem Weg ging und Stellung bezog. Diesmal machte sich auf meinem Gesicht ein Grinsen breit. „Ich hab’ mir schon gedacht, dass Totschlag nicht deine Sache ist. Aber du bist nicht so ‚ne coole Sau wie du uns weismachen willst. Betrug, Erpressung, Diebstahl, Anstiftung zu allen möglichen Verbrechen, das sind deine Sachen. Dabei macht man sich nicht schmutzig. Und wenn gerade mal keiner da ist, den man dazu anstiften kann, jemanden aus dem Weg zu räumen, dann tut’s auch die Überdosis von ‚nem Medikament. Du hast keine Ahnung davon, wie anstrengend und hart es ist, bis aufs Blut gereizt nicht aus der Haut fahren zu können und darum aus Wut der Verzweiflung jemanden zu erschlagen oder zu erstechen. Du machst wahrscheinlich kaum was selbst. Im Vergleich zu anderen hier bist du so was wie arbeitsscheues Gesindel!“ Hinter mir lachte jemand auf. Ich erschrak. Der Schreck durchfuhr mich heftig. Es war kein Schrecken von der Art, die mich zusammenfahren, die Haltung verlieren oder erzittern ließ. Es war ein schrecken von der Art, der wie beiläufig in einen eindringt und sich nicht für immer aber doch für lange Zeit mit all seiner Heftigkeit in Körper, Geist und Seele einnistet. Ich kann ihn auch jetzt, während ich im Bett liege und im Blaulicht der Taube auf meinem linken Handrücken schreibe, so deutlich spüren wie gestern Vormittag. Und damit dieser Schrecken sich nicht wie einer dieser Dübel, die in der Wand immer größer werden, ausbreitet, muss ich einen langen Moment die ganze Kraft meines Denkens und meiner Hoffnung auf ihn richten. Und es gelingt mir schließlich der Erkenntnis genug Raum zu geben, um mich genauer an das erste Mal zu erinnern, bei dem ich diesen Schrecken erlebt habe. Und ich erkenne jetzt, dass ich sofort wusste, dass ich diejenige, der das Lachen aus Angst oder übertriebenem Respekt vor Greta nicht im Hals stecken geblieben war, durch meine Größe vor dem Anblick von Gretas Augen verdeckte. Und ich kann hoffen, dass ich auch wie eine Schallschutzmauer war, sodass Greta die Stimme der Frau nicht erkannte.

Greta verging die Lust mich zu provozieren. Sie sah nur noch einmal kurz zu mir auf und Fauchte: „Ich hab’ bisher noch jede kleingekriegt“ Und glaub’ ja nicht, dass du irgendwas vor mir geheim halten kannst!“ Dann wandte sie sich schnell um und ging auf eine Gruppe von drei Frauen zu, auf die sie leise einzureden begann. Hatte ich nicht doch schon zu viel gesagt? Aber was hatte mich so erschreckt? Und was erschreckt mich immer noch so? Wie ein Blitz vor Energie strotzt, enthielt der Schrecken mindestens eine Erkenntnis. – Hier und in Hacktal muss ich menschlich auf neue art und ganz besonders auf der Hut sein!

Jemand tippte mir auf die Schulter. Und ich drehte mich langsam um. Eine junge Frau mit kastanienbraunem Haar und großen, grünen Augen, sah zu mir auf. „Tach auch, Felicitas! Ich bin die Meike!“, sagte sie mit leicht rauer Stimme, die ich als diejenige erkannte, die eben gelacht hatte. „Warum hast du ihr nicht einfach eine ‚reingehauen? Ihre beiden Beschützerinnen mussten am Freitag schon weiterziehen!“ „Und woher sollte ich das wissen, dass sie jetzt nur ‚rumplänkelt, weil ihre Schießhunde schon weg sind?“ Meike senkte ihren Kopf und in ihren Augen zeigte sich ein verschämter Ausdruck. „Das stimmt natürlich! Und dass sie wahrscheinlich am Freitag auch verlegt wird, konntest du ja auch nicht wissen. Und das nützt ja auch nichts. Wer von uns verurteilt wird, bekommt nach der Uhaft sowieso mit ihr zu tun. Denn alle, die Weiterbrummen müssen, kommen nach Hohlburg-Hackttal, weil da die nächste Abteilung für Frauen ist.“

Wer im Knast sitzt, ist nicht aus der Welt! Auch hier ist es offenbar ganz einfach sich Feinde zu machen, ob man will oder nicht. Und es ist wie immer und überall. Bei manchen weiß man sofort, ob sie Freund oder Feind sind. Bei manchen merkt man es nicht gleich oder es entscheidet sich später, wie man zueinander steht. Bei Meike hatte ich ein merkwürdiges Gefühl, als sie sich plötzlich von mir abwandte und auf ihre Zellenkollegin, eine kleine Blondine, zuging. Das bedeutet natürlich nicht unbedingt, dass sie mir feindlich gesonnen ist. Es kann genauso gut sein, dass sie sich noch nicht darüber im Klaren ist, ob sie Freund oder Feind ist. Und Valeria braucht viel Schutz, den ich ihr hoffentlich wenigstens teilweise gewähren kann. Ob ich diese Aufgabe erfüllen kann und ob wir Freundinnen mit vielseitigen Verbindungen zueinander werden können, wird sich wohl erst zeigen, wenn wir uns in Hohlburg-Hacktal wieder begegnen. Hilfsbereitschaft, Schutz und Dankbarkeit sind sehr wichtig für eine Freundschaft. Aber für eine solide Freundschaft ist mehr nötig.

Eine Sache darf ich nicht vergessen. Schlimmer geht immer! Und ich habe direkt, als ich hierher gebracht wurde, ein großes Glück gehabt. Es ist ein richtig großes Glück, obwohl es sich nur um eine kleine Geste handelte. Wenn ich praktische Freundlichkeit erleben darf, ist das für mich immer ein großes Glück. Als ich am Sonntag von der Vollzugsstelle in diesen Trakt überführt wurde, durfte ich wieder einmal spontan und unverhofft jemandem begegnen, die mir ganz einfach und praktisch half, ohne Aufhebens zu machen. Bei der Übergabe meinte einer der Beamten: „Die müsst ihr gut beschäftigen. Ansonsten macht die euch richtig viel Ärger!“ Luhmann, ein blutjunger Justizvollzugsbeamter mit gelangweiltem Gesichtsausdruck und Frau Finke, die ungefähr 60 Jahre alt ist, und deren leuchtend blaue Augen immer noch wissensdurstig und aufmerksam alles betrachten, führten mich den Flur bis zu unserer Zelle entlang. Als Luhmann aufschloss, wandte sich Frau Finke an mich und fragte: „Frau Haechmanns, was brauchen Sie?“ „Was Ordentliches zum Schreiben!“, antwortete ich, ohne lange nachdenken zu müssen. „Ich brauche was, in das man richtig viel schreiben kann, Seiten die keine Kästchen oder Linien haben und was anderes als den dämlichen Kulli, den die mir in der Kammer zusammen mit dem Briefpapier und den Umschlägen gegeben haben.“ Natürlich wusste ich schon, dass man solche Dinge eigentlich erst beim Untersuchungsrichter beantragen muss. Kaum hatte ich das gesagt, bereute ich es schon. Einerseits konnte so viel Unbefangenheit oder Naivität fehl am Platz sein. Und andererseits konnte es von den Beamten auch als unverschämt aufgefasst werden. Frau Finke zeigte mir einfach die Zelle, ohne auch nur mit einem Wort auf mein Anliegen einzugehen. Inzwischen bin ich aber davon überzeugt, dass die Anwesenheit von Luhmann der Grund dafür war, dass sie nicht weiter auf die Schreibsachen einging. Denn gestern Abend vor dem Einschluss kam sie und brachte mir diese schöne, dicke Kladde im DINA5-Format, Bleistifte, einen Anspitzer und Radiergummi vorbei. „Herzlichen Dank!“ „Da nicht für! Wir müssen Sie ja gut beschäftigen!“ Dann zwinkerte sie mir kurz, ging zur Tür und schloss hinter sich pflichtbewusst ab.

Seit ich schreiben kann, schreibe ich. Allerdings hatte ich das in der letzten Zeit stark vernachlässigt. Das war eine Folge davon, dass es so hektisch um mich her zuging, die Feindinnen und Feinde zahlreicher wurden, klebrige Netze aus Intrigen gesponnen wurden, die Teile meiner Wahrnehmungen zuklebten und mir alles, was ich tat, schwer und schwerer machten. Mein Krafttier, die Salvadora tat ihr Bestes. Aber niemand ist gegen alles gewappnet. Und nichts, was hilft, hilft gegen alles. Was kann ein Puma gegen ausgewachsene Intrigen ausrichten? Tiere kennen zwar Listen und gute Strategien zu kämpfen und heimlich zu wirken, aber ausgewachsene Intrigen sind ihre Sache nicht. Die sind nur was für Menschen. Und doch hat Salvadora Schlimmeres verhindern können. Aber davon wird in der nächsten Zeit noch viel zu erzählen sein.

Ich mag die dicken Kladden mit dem festen Einband. Ganz besonders liebe ich sie, wenn sie weiße Seiten ohne Linien und Kästchen haben so wie die, die mir Frau Finke vor wenigen Stunden gegeben hat. Ich drehe meine linke Hand um und halte sie ungefähr eine handbreit über der weißen Fläche des Papiers. Und es ist so, wie ich es am Morgen des 28. Juli 1990 entdeckt habe, die blaue Taube auf meinen Handrücken leuchtet im Dunkeln. Und wie eh und je flackert dieses klare blaue Licht nicht unruhig. Im Zusammenspiel dieses Lichts mit dem weißen Papier wird alles klar, was ich bedenken, fühlen und erinnern will. Das Blaulicht der Erkenntnis strahlen zu lassen und mit ihm zu arbeiten, ist alles andere als eine leichte Sache. Diese Klarheit und Deutlichkeit sind außergewöhnlich. Obwohl ich über scharfe Sinne verfüge, wohl auch deshalb, weil Salvadora bei mir ist, sehe, höre und fühle ich nur in diesem blauen Licht so klar und deutlich. In gewisser Weise gewöhnt man sich nie daran, alles so klar und deutlich zu erleben und zu erinnern. Es ist eine Herausforderung, die mich ganz und gar fordert. Ich werde, wie es meine Art ist, tun was ich kann. Ich halte aus. Und ich schreibe. Schreibe Zeichen für Zeichen, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Schreibe im eigenen Tempo zügig aber nicht überhastet. Selbstverständlich werde ich so immer wieder in den reißenden Strudel meines Schreibflusses geraten. Ein Strom von Einzelheiten aus meinem Leben wird regelmäßig und mit Macht fließen. Das ist eine große Herausforderung. Das ist eine von den Herausforderungen, die sich ständig stark verändern, an die man sich nie ganz gewöhnen kann, auf die man sich aber ganz und gar einlassen muss, damit sie beim Überleben hilft. Ich nehme diese Herausforderung an. Auch das Schreiben hat nie absolut geholfen, so wie das Blaulicht und der Puma auch. Doch schreiben hilft immer ein Stück weiter auf dem Lebensweg. Und da ich das schon so oft erlebt habe, nehme ich die Herausforderung wieder an. Dazu wird wie eh und je auch gehören, dass sich Erlebnisse, die längst Vergangenheit sind, so an mich heranwanzen, dass sie sich vergegenwärtigen, gleichgültig, wie lange es schon her ist, dass sie sich ereignet haben. Im Blaulicht der Erkenntnis werden mir vor allem furchtbare Erlebnisse so auf den Pelz rücken. Darauf muss ich gefasst sein. Darauf bin ich gefasst. Wie konnte es so weit kommen, dass ich noch einmal K.O. gemacht wurde, des Totschlags verdächtigt werde und in diese Zelle gekommen bin? Ich nehme die Herausforderung an!

Guter Mond du gehst so stille

0002. Hohlburg, Mittwoch 23. Februar 2000

Heute habe ich einige Sachen beim Haftrichter beantragt, zum Beispiel, dass mich meine Kollegin Sybille besuchen darf. Außerdem habe ich mir einige schöne, dicke Bücher leihen können. Zuerst habe ich mir die Märchen aus 1001 Nacht vorgenommen. Aber jetzt habe ich erst einmal genug gelesen. Und fange mit dem Schreiben an. Wie konnte es so weit kommen, dass ich wegen Totschlags in U-Haft bin? Am Besten ist wohl, mit dem anzufangen, was am Samstag dem 19. Februar passiert ist.

Wenn ein Treppenhaus oder Flur voller Rauch ist, soll man sich nach Möglichkeit auf den Boden legen und zum nächsten Ausgang robben oder kriechen. Aber das, was giftig und ätzend auf mich zukam, als ich am Samstagabend den Flur entlang ging, war kein Rauch eines üblichen Hausbrands. Als ich vom Treppenhaus in den Flur abgebogen war, an dessen Ende die Tür zu meinem Apartment war, wurde mir schlagartig bewusst, was da ätzend und giftig auf mich zu waberte. Mein Leben stand in Flammen. Und wo Feuer ist, da ist auch Rauch. Der Rauch war nicht schwarz sondern ein weißer Nebel, der sich immer wieder lichtete. Ich spürte die Anwesenheit des Todes. Der Tot begegnete mir nicht als Hauch. Nicht der Hauch des Todes wehte mich an. Der Tot quoll mir als zähflüssige Masse entgegen. Ich kann es nur so verstehen, dass der Tot das Öl für das Feuer spendete, das der Anzünder, der Brandbeschleuniger und die Nahrung des Feuers war. Der Tot wollte mich nicht, noch nicht holen. Das spürte ich deutlich. Und aus diesem Grund würde ich irgendwie überleben aber als und in einer Ruine.

Zurück konnte ich nicht. Es war wie in der Geschichte mit der Maus, die einen Gang entlang läuft, an dessen Ende eine Mausefalle steht. Als sie erschreckt feststellt, dass sie nicht nach rechts oder links ausweichen kann, ruft die Katze am anderen Ende des Ganges: „Du musst doch bloß die Richtung ändern!“ Ich änderte die Richtung nicht und ging auf die Tür meiner Wohnung zu. Sie stand sperrangelweit offen. Zugemacht hatte ich sie, als ich die Wohnung verlassen hatte. Aber ich hatte sie nicht abgeschlossen. So hatte ich es immer gemacht, wenn ich im Haus unterwegs war. Ich rief mich zur Ruhe, um mich dem, was da vor sich ging, so gut wie möglich zu stellen. Und ich schaffte es zumindest äußerlich vollkommen ruhig zu bleiben.

Aufmerksam und langsam, um die Situation mit allen Sinnen gründlich auszuloten aber doch beherzt, betrat ich mein Apartment und ging auf die Wohnzimmertür zu. Ich blieb im Türrahmen meines Wohnzimmers stehen und schaltete die Deckenbeleuchtung aus. Das machte ich mit links. So wurde der Raum mit einem Mal nur noch von dem silbernen Licht des Vollmonds erhellt. Und die Wirkung des einfachen Handgriffs war, um endlich wieder einmal ein Fremdwort zu gebrauchen, frappierend. Es war als ob ich nicht nur das Licht gelöscht hätte sondern auch das Feuer, das begonnen hatte, mein Leben zu verzehren. Denn plötzlich bewegte sich nichts und niemand mehr, wo zuvor die schwüle Betriebsamkeit von Zerstörung, Neid, Missgunst und Belastungseifer gewütet hatte. Und während ich jetzt darüber schreibe, fallen mir Zeilen aus dem Lied guter Mond, du gehst so stille ein. Da heißt es in der ersten Strophe: „Guter Mond, du gehst so stille in den Abendwolken hin. Labest nach des Tages Schwüle durch deinen freundlich lichten Sinn. Mild und freundlich schaust du nieder von dem blauen Himmelszelt. Und es klingen deine Lieder weit hinauf zum Herrn der Welt.“ Und die Melodie des Liedes tut mir jetzt, da ich sie in meinem inneren Ohr deutlich vernehmen kann, so gut mit ihrer schlichten Schönheit, und weil sie mir seit Kindertagen vertraut ist. Meine Mamita hat mir das Lied oft vorgesungen. Und man behält die Melodie und den Text eines Liedes, das man als Kind hört, nicht nur, weil sie schön oder sogar zauberhaft sind, sondern weil man spürt, wie wandelbar die Bedeutung einer Melodie ist, und dass man irgendwann den Text genau versteht und genau begreift, worum es geht.

So sah ich erst eine Zeit lang einfach nur zum Fenster, durch das das Licht des Mondes das Zimmer erleuchtete. Als ich meinen Blick etwas zur linken Seite wandte, sah ich endlich mein Krafttier wieder. Salvadora saß am Ende des Sofas und sah zum Mond hinauf. Und ich sah, wie sie sich labte, Kraft tankte, nachdem sie in den letzten Tagen und Wochen alle Pfoten voll damit zu tun gehabt hatte, meine Feinde, zum Beispiel diesen Siegbert von Säbelschaft so gut wie möglich in Schach zu halten. Als ich sie am Freitag das letzte Mal bewusst wahrgenommen hatte, das war auch am Abend gewesen. Sie hatte auf dem Gehweg vor dem Haus gestanden, war mir aufgefallen, dass das zitringelbe Leuchten in ihren Augen auffallend blasser war als sonst. Unsere Krafttiere sind nicht so sehr an Orte und Zeit gebunden wie wir. Aber auch sie können nicht machen, was sie wollen. Und sie können nicht überall gleichzeitig sein, um zu helfen.

Ich mag nicht nur Fremdworte. Es dürfen auch schöne, altmodische Worte sein, wenn sie zutreffen. Und auf mich traf am Samstagabend zu, dass ich mich am Licht des Vollmonds labte, wie es in der ersten Strophe von guter Mond, du gehst so stille, heißt. Das klare, silberne Licht spendete mir Kraft. Und so wie sich das Licht über alles, was in meinem Wohnzimmer war, über mich und meine Augen ergoß, erfrischte und reinigte es mich als Lichtquelle im besten Sinn. Während ich so dastand und in den Himmel sah, war mir klar, dass mir nur eine kurze Pause vergönnt sein würde. Es war etwas passiert, dass mir keine Ruhe lassen würde.

„Guter Mond, du gehst so stille
durch die Abendwolken hin.
Bist so ruhig,
und ich fühle,
dass ich ohne Ruhe bin.
Traurig folgen meine Blicke
deiner stillen, heitren Bahn.
Oh, wie hart ist mein Geschicke,
dass ich dir nicht folgen kann.“

Auch an dieser Stelle passt der Liedtext wieder wie angegossen. Denn als sich die Traurigkeit darüber, dass ich mich dem Zauber des Mondlichts nicht lange und nicht vollkommen hingeben konnte, in mir auszubreiten begann, wandte ich meinen Blick vom Fenster ab und sah auf meine Kleine Standuhr, die neben dem Radio auf meiner Kommode aus Kirschbaumholz stand.

Offiziell war es fünf vor sieben. Für mich war es mindestens fünf vor zwölf. Das war klar. Und so wie am Samstagabend leuchtet es mir auch jetzt immer noch ein, wie wichtig es war, diese Zeitverschiebung zu erkennen und zu akzeptieren. Es war höchste Zeit die Situation genau zu prüfen.

Ich ließ meinen Blick zu meinem Wohnzimmerschrank schweifen und musste feststellen, dass einige Dinge fehlten oder nicht mehr an ihrem Platz waren. An der linken Seite des Schrankes hatte ich mein selbstgenähtes Kleid aus blauer Viskose auf einen Bügel gehängt, nachdem ich es am Samstag gegen Mittag gebügelt hatte. Es war verschwunden und zwar mitsamt dem Kleiderbügel. Die dazu passende Handtasche hing allerdings noch am Knauf der linken Schranktür, wo ich sie hingehängt hatte. Auch die Statue einer afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin, die Siegbert von Säbelschaft Anfang Januar angeschleppt hatte, war nicht mehr an ihrem Platz auf dem Schrank. Ich hatte das schwere Teil nicht haben und längst entsorgen wollen. Aber wie entsorgt man Fruchtbarkeitsgöttinnen, von denen man nicht mal weiß aus welchem Material sie sind? Ich hätte sie wohl am Besten meiner Kollegin Claudia gegeben. Die steht auf solche Sachen. Das Fehlen der Sachen war nur scheinbar beiläufig geschehen und von geringer Bedeutung. Das war im Mondlicht klar zu erkennen. Und jetzt kann ich sagen, dass ich das so klar nur im Mondlicht erkennen konnte. Im Schein einer Lampe oder der Sonne wäre ich nicht im Stande gewesen, das, was ich sah einfach nur festzustellen und hinzunehmen, um es später nach und nach zu begreifen. Im Schein des Vollmonds leuchtete mir ein, dass ich alles genau genug erkannte, und wie überflüssig es war, das, was ich klar und deutlich wahrnahm, sofort in allen Einzelheiten zu entschlüsseln. Mir blieb die Zeit nicht dafür. Inzwischen ist es ein ausgewachsener Trost zu wissen, wie sehr mir jedes Detail einleuchtete, sodass ich es mir klar und deutlich vor Augen führen kann, um seine Bedeutung immer wieder neu entschlüsseln zu können.

Schließlich wandte ich meine Aufmerksamkeit den Leuten zu, die wie angewurzelt in meinem Wohnzimmer herum standen. Zwei Polizisten waren da, ein Mann und eine Frau, beide Mitte dreißig, er aschblond und ungefähr 1.75 M groß, sie brünett und fünf oder sechs Zentimeter kleiner als er. Meine Chefin Frau Wagenknecht und meine Nachbarin und Kollegin Claudia, die sich Claudette nennt, waren da und bewegten sich nicht von oder auf der Stelle. Selbst Claudettes Mundwerk stand Gott sei Dank still. Mich erstaunt noch immer wie natürlich dieser Stillstand der vier lebenden Menschen auf mich wirkte.

Vollkommen anders war es, als ich schließlich zu meinem Sofa hinüber sah, das vor dem Fenster stand. Und da lag er. Ich erkannte ihn sofort. Es war Siegbert von Säbelschaft. Ich wusste, dass er es war, obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte und den maßgeschneiderten Anzug, den er trug, noch nie an ihm gesehen hatte. Er lag Bäuchlings auf meinem Sofa. Seine Hände und Unterarme lagen unter seiner Brust. An seinen Händen hätte ich ihn ohnehin eher erkannt als an seinem Gesicht. Ich kann mir besser Hände als Gesichter merken. Einen Kerl, dem man zwei Monate lang zweimal in der Woche als Sexarbeiterin zur Verfügung gestanden hat, und der einem in jeder Minute, in der man mit ihm zu tun hat, nichts als Ärger bereitet hat, den erkennt man nicht nur zu Lebzeiten. Er lag da und bewegte sich nicht. Aber er bewegte sich anders nicht als die anderen Leute, die da waren. Er war tot. Das wusste ich, noch bevor ich seinen eingeschlagenen Hinterkopf gesehen hatte. Als ich schließlich auf seinen Hinterkopf sah, dachte ich: „Da wurde dreimal zugeschlagen mit dem Sockel der Fruchtbarkeitsgöttin!“ Woher ich das so genau wusste, und warum ich jetzt immer noch sicher bin, dass das stimmt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich vermute, aber, dass auch das mit dem Mondlicht, in das der Raum getaucht war, zu tun hat. Ein Hinweis darauf, dass stimmt, was mir eingefallen war, fand ich, als ich meinen Blick von seinem Kopf abwandte und auf den Boden sah. Da lag sie, die Fruchtbarkeitsgöttin aus Afrika. Das schwere buntbemalte Ding lag da und war mit Blut bespritzt.

Ich blickte zum Mond und zum Himmel hinauf. Ich hörte und spürte wie sein Blut zum Himmel schrie. Es war ein Klagelid, das vom Mond hinauf zum Herrn der Welt getragen wurde. Und wo eine Klage ist, da ist auch ein Richter. „Der Herr der Welt im Himmel wird nicht mein Richter. Im Himmel werde ich nicht dafür angeklagt. Auf der Welt wird man mich anklagen!“, dachte ich. Pure Verzweiflung ergriff Besitz von mir. Und auch dieses traurige Lied klang hell hinauf zum Herrn der Welt.

Noch einmal sah ich seinen eingeschlagenen Schädel an, an dem das Blut, das nicht aufhörte zum Himmel zu schreien, aber fast vollständig getrocknet war, klebte.

Wenn mir auch niemand auf der Welt glauben schenken wird, kann ich doch mit Bestimmtheit sagen, dass sein Tot nicht mein Werk ist. Wenn ich auch nicht beweisen können werde, was ich in der Zeit, in der Siegbert von Säbelschaft erschlagen wurde, getan habe, weiß ich doch selbst, dass ich ihn nicht erschlagen habe. Ich behaupte nicht, dass ich nicht töten kann. Man kann mich mit einigen Sachen zur Weißglut treiben, wütend machen und mich in die Wut der Verzweiflung stürzen. Unbändige Wut war am Werk gewesen, als von Säbelschaft kalt gemacht worden war. Doch so wie er da lag strotzten er und alles in seiner Nähe noch von der Feigheit, die die Hauptsache bei dieser Tat gewesen war. Und Feigheit ist überhaupt nicht meine Sache. Mindestens zweimal hatte mich der von Säbelschaft bis aufs Blut gereizt, sich umgedreht und sofort wurde mein Zorn heruntergefahren. Dazu musste ich gar nichts tun. Von kleinauf habe ich das Kämpfen gelernt. Und mir ist es in Fleisch und Blut übergegangen niemanden zu bekämpfen, der am Boden liegt und nicht aus dem Hinterhalt anzugreifen. Und die Zeit, in der dieses hinterhältige Arschloch mich überhaupt bis zur Weißglut hatte treiben können, war vorbei.

Es war an der Zeit mir meine eigene Geschichte klarzumachen, um bei Bedarf immer wieder auf sie zurückgreifen zu können. Und mir fiel Gott sei Dank ein, wie ich mir wichtige Sachen nicht hinter die Ohren sondern ein für alle Mal ins Gedächtnis schreiben kann. Ich bewegte meine linke Hand als würde ich aufschreiben, was ich dachte und gab mir damit die Möglichkeit, was ich schrieb in blauer Schrift vor mein inneres Auge zu führen. Diese Geschichte ist natürlich auch nicht in Stein gemeißelt. Doch ich werde sie so behalten, dass ich sie bei Bedarf abrufen kann, da ich sie sicherlich häufig brauchen werde, nicht, um offiziell brav Rede und Antwort zu stehen, sondern um vor mir selbst immer wieder Rechenschaft ablegen zu können, meinen Standpunkt zu wahren. Als ich mit meiner Geschichte fertig war, sah ich noch einmal zum Himmel. Dann knipste ich das Licht wieder an.

Und jetzt ist es an der Zeit die Kladde zuzuklappen und die Decke über den Kopf zuziehen. Denn es ist kurz nach zwei. Um zehn nach sechs ist schon wecken und die Lebendkontrolle. Und ungefähr vier Stunden Schlaf brauche ich.

Fortsetzung von guter Mond du gehst so stille

0003. Hohlburg, Donnerstag, 24. Februar 2000

Seit heute Nachmittag habe ich die Zelle für mich allein. Was verrückt ist, ist, dass die Zelle ohne Valeria kleiner wirkt als zuvor. Die kleine Halbitalienerin war eine angenehme Zeit- und Zellengenossin. Seit gestern habe ich das Gefühl, dass sie sich inzwischen so gut wie möglich und besser als viele andere mit ihrer Neuen Situation abgefunden hat. Im Grunde ist sie eine Stoikerin und weiß deshalb wie man sich abfindet, wie aktiv man dafür sein muss, wie anstrengend es ist. Und weil sie eine Stoikerin ist, haben wir uns wohl auch so gut verstanden. Erstaunlich schnell war da mehr als der Schutz, den ich ihr gewähren konnte. Heute Morgen musste ich mich dazwischen stellen, als Greta sich auf Valeria stürzen wollte. Greta dreht vollkommen am Rad, weil morgen ihr Urteil verkündet wird. Sie wird sicherlich in den Frauentrakt von Hohlburg-Hacktal verlegt. Auf uns trifft also zu, dass man sich immer zweimal im Leben trifft. Sie ist wegen Anstiftung zum Mord zur Verdickung mehrerer Straftaten wie Raub und Betrug angeklagt. Und in Hohlburg-Hacktal warten schon einige Freundinnen und Kolleginnen auf sie. Dort wird sie nicht ohne Schutz und Handlanger sein. Sie ist eine gefährliche Gegnerin. Wenn ihr jetzt nicht der Arsch auf Grundeis ginge, hätte sie sich besser im Griff gehabt und niemanden angegriffen.

Eigentlich komme ich hier gut zurecht. Viele Dinge, die andere stören, machen mir nichts oder noch nichts aus. Mir ist die Zelle nicht zu klein, obwohl sie ohne die Gesellschaft von Valeria kleiner geworden zu sein scheint. Die Gitter vor dem Fenster stören mich auch nicht. Wenn ich sie sehe, bin ich aber immer noch erstaunt darüber, dass es in modernen Justizvollzugsanstalten immer noch Gitter vor den Fenstern gibt. Mich wundert, dass es noch keine andere Möglichkeit zu geben scheint, Inhaftierte davon abzuhalten aus dem Fenster zu fliehen.

Der Mond ist durch mein Fenster nicht zu sehen, nicht einmal verschandelt durch das quadratische Muster der Gitter und das, obwohl der Himmel heute Nacht hin und wieder und dann für mehrere Minuten aufklart. Dass ich im „hohen Norden“ bin und den Mond nicht sehen kann, ist etwas, was mich allerdings sehr stört und mich traurig macht. Aber bevor ich anfange Trübsal zu blasen, geht es weiter im Text über das, was ich ab Samstagabend erlebt habe.

Ich knipste die Deckenlampe in meinem Wohnzimmer an. Das machte ich auch mit links. Die Bewegung ging mir ganz leicht von der Hand, obwohl mir immer noch klar war, dass es darum ging, mich einer vollkommen neuen und schlimmen Situation zu stellen. Ich schaltete das Licht an und augenblicklich war der Zauber der Ruhe gebrochen.

Obwohl den anderen Leuten im Raum durch mein Eingreifen eine Atempause zuteil geworden war, war überdeutlich zu spüren, dass sie den Zauber des Mondlichts als Spuk empfunden hatten, der nun endlich vorbei war. Scheinbar vom Deckenlicht geblendet mussten alle erst einmal blinzeln. Als ob sie gerade aufgewacht wären, steckten sie sich und traten auf der Stelle, an der sie wie angewurzelt gestanden hatten, herum. Der Polizist war der Erste, der ganz zu sich kam.

„Felicitas Haechmanns?“, fragte er mit sehr grobem Unterton in der Stimme. Zuvor war er ganz dicht an mich herangetreten und hatte mit seiner großen Nase tief eingeatmet. Ein Schnüffler im wahrsten Sinn des Wortes, der sich immer wie ein Schwein benahm wollte sich aber wie ein scharfer Spürhund vorkam, hatte mir gerade noch gefehlt. Bisher hatte ich noch keine schlechten Erfahrungen mit Polizisten gemacht, obwohl ich natürlich nicht schon immer in einem der besseren Bordelle arbeiten konnte, und obwohl die altgedienten Bullen von der Guardia Civil, mit denen wir es Mitte der 90er in Barcelona zu tun hatten, wirklich scharfe Hunde waren. Mit denen konnte man zurecht kommen, wenn man „sauber“ war und bei Razzien keine Mätzchen machte. Außerdem wusch eine Hand die andere. Schließlich gibt es überall Bullen, die auf Nutten stehen und Professionelle, die besonders auf Typen in Uniform abfahren. So kann man Ärger oft schon vermeiden, bevor er überhaupt entsteht, wenn man die richtigen Leute zusammenbringt.

Als Antwort auf die Frage des Bullen nickte ich einfach nur. Er nahm seinen Riechkolben nicht weg von mir, holte wieder tief Luft mit seinem Zinken und sagte: „Burggraf, Polizei Hohlburg! Können Sie sich ausweisen?“ Der Tonfall in seiner Stimme hatte sich nicht geändert. Ich sah seine Kollegin an, zeigte mit der rechten Hand auf die Handtasche, die am Griff des Wohnzimmerschrankes hing und antwortete: „Da ist alles drin, was Sie brauchen!“ Ohne zu zögern nahm die Beamtin meine Handtasche und nahm meinen Personalausweis heraus.

Ich sah, dass es dem Schnüffler und meiner Kollegin Claudette ganz und gar nicht schmeckte, Dass durch diese Aktion sein Auftritt versaut worden war. Das Maß, in dem Claudette diese vermeintliche Supernase anhimmelte, weil der Typ eine Uniform anhatte, war genauso offensichtlich wie er peinlich war. Aber das war einzig und allein ihr Problem. Als ich auf meinen Personalausweis in der Hand der Polizistin sah, fiel mir Plötzlich etwas ein. „Gucken Sie doch mal nach, ob in meiner Tasche nicht zufällig ein Fläschchen ist!“ Die Frau schüttelte den Kopf und sagte mit rauerStimme: „So was war da nicht drin!“

Der Schnüffler sah die Gelegenheit wieder die Führung zu übernehmen, die Situation zu beherrschen. „Was soll das für ein Lügenmärchen werden? Wollen Sie uns jetzt weismachen, dass man Sie unter Drogen gesetzt hat und Ihnen das Zeug hinterher untergeschoben hat?“ Am liebsten wäre er mir noch mehr auf die Pelle gerückt oder in den Pelz gekrochen, um eine der Wahrheiten zu finden, die er verstehen konnte, und die ihm in den Kram passte. Natürlich sollte es so sein, dass der Fall nicht viel Arbeit machen würde.

Immerhin machte Burggraf sich die Mühe und war so pflichtbewusst, dass er mich über meine Rechte aufklärte. Dabei sagte er auch, was mir das Mondlicht längst eingeleuchtet hatte, dass ich dringend tatverdächtig war, einen Totschlag zu Ungunsten von Siegbert von Säbelschaft begangen zu haben. Zumindest verfügte er über so viel Spür- und Scharfsinn zu begreifen, dass ich ihm das Aktionsfeld keineswegs kampflos überlassen würde. Und es war höchste Zeit die Fakten, die mir das Mondlicht eingeleuchtet hatte, auf den Boden der Tatsachen zu stellen und auf ihre Tragfähigkeit für mich selbst zu prüfen.

Ich trat einen Schritt zurück, hielt meine linke so als ob ich meine Stahlfeder in der Hand hätte und stellte mir vor, dass ich das aufschreiben würde, was ich sagte. Das mache ich so seit dem ich am 27. Juli 1990 beschlossen hatte, den Mund aufzumachen, die Fressleiste nicht nur zum Essen und zum Trinken zu gebrauchen, nicht mehr alles unwidersprochen zu schlucken.

Mit Federleichtigkeit konnte ich ihm ins Gesicht sagen, was ich zu sagen hatte. „Ich bin um viertel nach zwei nach unten gegangen, um einen Kaffee zu trinken. Das mache ich jeden Tag. Zwischen viertel nach zwei und viertel vor drei gehe ich nach unten, um Kaffee zu trinken und mit Sybille zu klönen. Das weiß jede und jeder hier. Und ich schließe die Tür nie ab. Jeder kann ‚rein, weil die Türen hier Klinken haben. Und das der Säbelschaft irgendwann kommen würde, um mir die Hölle heiß zu machen, pfeifen seit Dienstagabend die Spatzen von den Dächern. Und ich bin sicher nicht die Einzige, die mit dem ein Problem hatte.

Jedenfalls war heute unten ganz schön viel Betrieb. Ein reizendes Betriebsklima war das! Unsere Türsteher haben ihre Arbeit auch schon mal viel besser gemacht. Das Weib von diesem von Säbelschaft war auch da und hat ‚nen Streit vom Zaun gebrochen. Na, wie dem auch sei! Weil viel zu tun war, hab‘ ich der Sybille versprochen in der Waschküche die Hauswäsche zu machen, hab’ meinen Kaffee ausgetrunken und bin zur Waschmaschine gegangen. Mir wurde schon leicht schwindelig, als ich den Wäschekorb vor die Maschine gestellt habe. Als ich mich gebückt habe, um einen Teil der Wäsche in die Trommel zu tun, musste ich mich an der Waschmaschine festhalten, um nicht umzukippen. Weil mir nicht besser wurde, hab’ ich mich einfach auf den Boden gelegt. Denn, was liegt, kann wenigstens nicht mehr fallen. Und dann war Filmriss! Zu mir gekommen bin ich ganz plötzlich. Ich glaub’ mich hat ein Luftzug eiskalt erwischt. Zuerst habe ich keine Ahnung gehabt, wo ich war und wieviel Zeit vergangen war. Ich hab’ mich umgesehen, aufgerappelt und auf die Uhr geguckt, die über der Waschmaschine hängt. Es war zwanzig vor sieben. Ein Bisschen flau war mir noch. Ich hab’ dann die Waschmaschine fertig gemacht und den Rest kennen Sie ja!“

„Dieses Märchen nimmt Ihnen doch niemand ab!“, knurrte der Schnüffler. „Das weiß ich doch! Aber ein Märchen ist es trotzdem nicht!“ „Sie halten wohl besser den Mund, anstatt sich um Kopf und Kragen zu reden!“ „Kopfüber über die Klinge springen soll ich doch sowieso! Da macht’s doch in gewisser Weise keinen Unterschied, ob ich was sage oder nicht. Ich tue immer, was ich kann. Und ich kann was dazu sagen. Also tue ich das auch!“ „Wenn Sie meinen! Und alles, was Sie sagen, – den Rest kennen Sie ja auch!“

„Wer kennt ihn nicht den Rest?“, antwortete ich, ließ dann eine kurze Pause entstehen und sagte dann: „Und was den Rest angeht, den ich erlebt habe, zum Beispiel mit dem von Säbelschaft, können wir das wohl auf Ihrer Wache besprechen, dann müssen Sie nicht alles behalten, was ich zu sagen habe. Die Zeugen, ähm, meine Chefin und meine Kollegin wissen schon, was da los war. Ich gehe freiwillig mit. Aber, wenn Sie’s für Ihren Auftritt brauchen, können Sie mir auch die Acht anlegen!“ „Nicole, auf Waffen prüfen!“ Seine Kollegin befolgte seinen Befehl. „Sauber!“, sagte sie schließlich. Mit einem kurzen Blick auf die Garderobe im Flur forderte er mich auf meinen Mantel anzuziehen. Als ich mich angezogen hatte, kam er und legte mir die Handschellen an.

Zu dritt verließen wir meine Wohnung. Als ich zwischen den beiden Beamten den Flur entlang ging, kamen uns Leute mit Koffern entgegen. Die Spurensicherung war also auch endlich da.

„Nicole, du fährst!“, befahl Burggraf. Auch diesen Befehl befolgte die Frau widerspruchslos. Das bedeutete, dass Burggraf während der Fahrt, die 25 Minuten dauerte neben mir saß. Er ließ mich nicht aus den Augen. Und die ganze Zeit versuchte er mich auszufragen. Und ich versuchte den Mond zu sehen. Aber wir fuhren durch die Stadt, deren Straßen, Geschäfte und Häuser zu hell beleuchtet waren, um den Mond in seinem „rechten Licht“ sehen zu können.

„Sie scheinen nicht bei all Ihren Kolleginnen beliebt zu sein. Woher kommt das?“ „Wer seine Arbeit gut macht und gut verdient, hat immer Neider!“, dachte ich sagte aber nichts. „Und was ist da genau zwischen Ihnen und Siegbert von Säbelschaft abgelaufen?“ Hatte ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt, dass ich das erst sagen würde, wenn das Protokoll gemacht werden würde? „Ihre Talente nicht nur, was die sexuellen Services betrifft, scheinen sehr vielseitig zu sein, können alles Mögliche reparieren, kennen sich mit Tieren und Pflanzen aus, beherrschen mehrere Sprachen in Wort und Schrift, kennen sich mit Literatur und Philosophie aus und vieles mehr. Woher haben Sie das, obwohl Sie noch recht jung sind und nicht einmal einen Hauptschulabschluss haben?“ Die Antwort ist einfach. „Wer seine Sinne beieinander und keine zwei linken oder keine zwei rechten Hände hat und lesen kann, ist nicht nur zuweilen klar im Vorteil.

Während der Fahrt ließ mich Burggraf nicht aus den Augen. „So groß, dunkel und grobschlächtig wie Sie sind, kann man sich gar nicht vorstellen, dass Sie ‚ne Professionelle sind!“ Ich sagte nichts aber mir ging die Frage durch den Kopf, was er sich dachte, was ich seiner Meinung nach beruflich machen könnte. Burggraf reagierte auf meinen fragenden Gesichtsausdruck, indem er einfach weiter über das redete, was ihm Claudette über mich erzählt hatte. „Einer Ihrer Stammfreier hat Sie als Philosophin bezeichnet und Sie mit einer gewissen Gloria und einer anderen, äh, Heloise verglichen. Aber auch der hat wohl die Schnauze vom bloßen Philosophieren voll und kommt schon seit ‚nem halben Jahr nicht mehr. Was finden die Kunden an einer wie Ihnen?“ Als er diese Frage gestellt hatte, musste ich unwillkürlich grinsen und Fragen wie kleine, spitze Pfeile auf ihn loslassen. „Bei der Polizei gibt es doch bestimmt auch einige große, gestandene Frauen. Haben Sie sich noch nie vorgestellt, dass genau so eine sich mal richtig unterwirft und alles tut, was Sie wollen? Oder wollen Sie sich mal ‚ner Domina unterwerfen? Da macht doch ‚ne große, dunkle Frau richtig was her, Oder nicht?“

Er kam nicht dazu mir zu antworten, denn seine Kollegin parkte den Wagen ein. Wir gingen über den Parkplatz auf den Haupteingang des Präsidiums zu. Auch auf diesem Weg waren die Straßenlaternen so aufdringlich nah, dass der Zauber des Vollmondes nicht zur Geltung kam. Aber noch hielt die Kraft, die ich im Mondlicht getankt hatte, etwas vor. Mir fiel ein, wie gut es für mich gewesen war, dass Claudettes Aussagen über mich gesprudelt hatten wie ein Wasserfall. Sie hatte damit die Möglichkeit geschaffen, dass ich an meinen Kunden und väterlichen Freund Leo Weltz erinnert worden war, der bis vor einem halben Jahr als Anwalt gearbeitet hatte und jetzt von seiner Kanadareise zurückgekommen sein müsste. Schließlich hatte er mir erzählt, dass er am 15. Februar wieder da sein wollte. Zufrieden stellte ich fest, dass ich seine Kontaktdaten von der Visitenkarte, die er mir gegeben hatte, noch ganz leicht in mein Gedächtnis rufen konnte.

Wenn man bedenkt, dass Samstagabend war, und das Verbrechen in Hohlburg nie schläft, ging alles, was auf der Wache zu tun war, schnell und gut voran. Kurz nach einundzwanzig Uhr war das Protokoll geschrieben und die erkennungsdienstliche Erfassung erledigt. Die Zellentür wurde hinter mir abgeschlossen. Ich war allein.

Nicht nur, dass es zu früh war, sich aufs Ohr zu hauen. Das Gefühl, dass man mich nicht lange hier halten würde und es sich deshalb nicht lohnte zu schlafen. Und ich wollte auf keinen Fall riskieren von irgend einem Fremden aus dem Schlaf gerissen zu werden, wie ich am Nachmittag plötzlich bewusstlos geworden war und am frühen Abend ebenso plötzlich wach, überwach geworden war, sodass Getriebensein die Folge sein musste. Auch in der Zelle des Polizeipräsidiums war das Licht des Mondes, der ruhig seine stille heitre Bahn zieht, nicht zu sehen. Gern wäre ich dem Lauf des Mondes wenigstens mit den Augen gefolgt. Aber ich schaffte es doch so ruhig in der Zelle hin und her zu gehen, ohne dass mich das weiße Licht der Straßenlaterne störte, die grell und aufdringlich durch die Gitterstäbe glotzte. Und auch das Gebrüll aus der Nachbarzelle schaffte es nicht meine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen fest- und anzuhalten. Meine Füße gingen und meine Gedanken und Gefühle gingen auch. Alles ging seinen eigenen Gang. Von Gleichschritt keine Spur. Mal bestimmten die Füße die Gangart, mal die Gedanken und manchmal die Gefühle. Es ist eine gute Strategie, um sich zu erden. Aber man weiß nie, ob genug Zeit bleibt. Mich wundert immer noch, wie viel ich in den eineinhalb Stunden erlebte, was sich neu ordnete, und wie gut ich mich erden konnte. Es reicht wahrscheinlich für mehr als eine Nacht, und weil es jetzt drei Minuten vor zwei ist, geht es damit morgen weiter im Text.

Neunzig Minuten Einsamkeit

0004. Hohlburg, Freitag, 25. Februar 2000

Da es noch keine Reaktionen auf meine Gesuche und Briefe gibt, und da sich auch sonst nichts Neues getan hat, muss ich die Gelegenheit nutzen, um weiter über das zu schreiben, was sich am Samstagabend ereignete. Nur der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass Greta tatsächlich nach Hohlburg-Hacktal verlegt wurde.

Als hinter mir die Zellentür des Polizeipräsidiums zufiel und abgeschlossen wurde, wusste ich natürlich nicht, wie lange ich in diesem Dreckloch mit den vielen abgewatzten Stellen an den Wänden und auf dem Fußboden würde verbringen müssen. Während sich die Schritte der Beamten, die mich in die Zelle geführt hatten, entfernten, traf ich zwei Entscheidungen. Ich würde das Schlafen nach Möglichkeit vermeiden, damit ich nicht von irgendeinem Fremden aus dem Schlaf gerissen werden konnte, und ich beschloss, meine Zeit nicht damit zu verschwenden, die abgenutzten stellen in der Zelle genau zu betrachten oder zu zählen. Dass ich keine Mühe darauf verwendete, den Raum genau unter die Lupe zu nehmen, bedeutete selbstverständlich nicht, nicht genau genug über den Ort Bescheid zu wissen, um so gut wie möglich mit ihm vertraut zu werden. Immerhin ging ich in der Zelle hin und her, nahm Maß und erdete mich.

Was ich jetzt für mich nicht neu ordnen und klar machen würde, würde ich nie in Ordnung bringen und für mich klären können, obwohl oder gerade weil ich sehr viel Zeit haben würde. So viel war sehr schnell klar. Der Mondschein konnte mir dorrt und zu dieser Zeit nicht helfen. Aber ich konnte mir im übertragenen und daher im besten Sinn auf den Geist und damit auf den Grund der Dinge gehen, die für mich wichtig waren.

Die Zelle atmete unablässig eine tiefe Stille, die dafür verantwortlich zu sein schien, dass alles, was ich dachte und fühlte mit unterschiedlichen Schleien von Einsamkeit überzogen war, obwohl die Stille des Raums nicht so tief war, dass sie die Geräusche aus der Umgebung der Zelle aussperren konnte. Die Schleier wechselten ständig ihre Dichte, Beschaffenheit und Farbe. Ich spürte sie mehr auf der Haut als ich sie sah. Während der ganzen Zeit in der Zelle waren sie da, obwohl ich nicht wirklich allein war, jemand in der Nachbarzelle schrie und die Beamten im Flur und in den Nachbarräumen zu hören waren. Die Schleier aus Einsamkeit waren immer da, obwohl auch meine Gedanken und Gefühle nicht entvölkert waren sondern um Menschen kreisten. Wie gut, dass ich fortwährend ging. Damit konnte ich die Schleier, die sich um mich legten, nicht abstreifen. Nicht einmal vor den neuen, die sich um mich legen wollten, konnte ich davon laufen in dieser Zelle. Aber ich kam durch diese einsame Zeit und durch das Gewirr aus Fremdheit, Vertrautheit, Einsamkeit, Nähe, Distanz, die ich nicht genauer beschreiben kann und will. Wozu auch? Ich kam, was ich aber jetzt erst weiß, gut durch und brachte vieles in eine neue Ordnung und verschaffte mir über manches Klarheit.

Zunächst ließ ich mir durch den Kopf gehen, was ich zu Protokoll gegeben hatte. Ich hatte mir Wort für Wort gemerkt, wie ich die Ereignisse des Tages erlebt hatte, wie ich am Dienstag zuvor herausgefunden hatte, welches betrügerische System sich Siegbert von Säbelschaft ausgedacht hatte, um Nutten seiner Wahl nach Strich und Faden zu verarschen. Was er getan hat, ist so absurd, dass man es nicht glauben kann, wenn man es einfach nur hört. Aber ich kann es beweisen. Aus diesem Grund gab ich Nicole, die übrigens Wohlmacher mit Nachnamen heißt, den Schlüssel meines Schließfaches in der Raiffeisenbank, in dem seit Mittwoch die große, rote Ledermappe mit dem goldenen und dem schwarzen Notizblock liegt, die ich am Dienstag dem 15. Februar hatte mitgehen lassen.

In den eineinhalb Stunden Einsamkeit beschloss ich das, was ich zu Protokoll gegeben hatte, nicht einfach nur in meinem Gedächtnis abgespeichert zu lassen, sondern es bei allen Befragungen, die mir noch bevorstehen zu benutzen. Es ist mir gleichgültig, ob das wie Auswendig gelernt klingt. Auch das, was ich bei der erkennungsdienstlichen Erfassung inklusive Leibesvisitation erlebt hatte, ließ ich mir in Ruhe durch den Kopf gehen, während ich ohne Unterbrechung weiter durch die Zelle ging.

Die Frau, die mich erkennungsdienstlich untersuchte, war mir vom ersten Augenblick an unsympathisch. Und ich fand und finde auch jetzt nichts, was den negativen Eindruck, den sie auf mich machte, schmälern könnte. „Schmitz!“, fauchte sie, als ich in ihr Büro geführt wurde. Natürlich gab sie mir nicht die Hand und sah mich prüfend an, als ich den Raum betrat. Ihr Blick änderte sich, als hinter mir die Tür ins Schloss fiel. So wie sie mich schließlich an und zu mir aufsah, konnte ich nicht anders als zu glauben, dass sie eine Lesbe war, die gerade sexuell mächtig frustriert war. Frau Schmitz ist etwa 30 Jahre alt, hat schlecht blondiertes schulterlanges Haar und tiefblaue Augen. Immer, wenn sie eine der erforderlichen Untersuchungen beendet hatte, sah sie mir einen langen Moment tief in die Augen in der Hoffnung, ich würde in dem tiefen Blau ihrer Augen versinken. Das geschah aber nie. Sie nahm die Fingerabdrücke meiner rechten und dann meiner Linken Hand, sie fotografierte mich, tastete mich angezogen noch einmal ab und jedes Mal wandte sie sich schnell und frustriert der nächsten Aufgabe zu, nachdem sie mir tief in die Augen gesehen hatte.

Schließlich stand ich nackt vor ihr. Sie sah langsam an mir hoch und Gier funkelte in ihren Augen und ihr Gesicht lief rot an. Viele, Männer und Frauen gleichermaßen, macht der Anblick von großen leicht derben und Kapputten nackten Frauen an. Und nicht wenige fahren besonders auf dunkelhäutige, große Frauen mit „Gebrauchsspuren“ wie Narben oder kleineren Verwachsungen ab.

Das bedeutet natürlich nicht, dass sie zugeben, wie sehr sie solche Frauen, wie ich nun mal eine bin, sie anmachen. Da erntet man oft erst einmal nur beißenden Spott. „Da kann man doch wieder mal merken, wie dumm die Männer sind, dass sie für so ‚ne Schabracke so viel bezahlen im Aphrodite. Da arbeiten Sie doch als Nutte oder nicht?“, sagte sie, nachdem sie mich gründlich gemustert hatte.

„Machen Sie mal den Mund auf!“ Ich ging locker in die Knie, damit sie in meinen Mund leuchten konnte. Als sie wieder einen Schritt zurück tat, meinte ich: „Nicht nur die Kerle bezahlen gut und, wenn sie anständig sind, auch gern für meine körperlichen Macken, die in Wahrheit keine Macken sondern Spezialeffekte sind. Kein Freier und keine Kundin musste jemals mehr bezahlen, wenn er oder sie wegen der Spezialeffekte besonders scharf auf mich war, gleichgültig, in welcher Preisklasse ich gespielt habe. Doch, wer mein Gesamtpaket nicht mochte, bekam auch keinen Rabatt, weil ich es mir nicht gefallen lasse, wenn meine Arbeit, mein Engagement und mein Werkzeug, was mein Körper ja ist, herabgewürdigt werden, obwohl ich gut und engagiert meine Sexarbeit tue.“

Ruhig und fest sah ich sie an, während ich das sagte. Und tatsächlich bekam ihr Gesicht den Ausdruck wie ihn Kinder zeigen, wenn sie bei etwas Ungezogenem ertappt werden.

Sie untersuchte mein Arschloch und meine Scheide fand aber natürlich nichts darin. Sie tippte Notizen dazu in ihren Computer ein. Dann wandte sie sich mir wieder zu und begann meine Arme, Beine, meinen Bauch und meinen Rücken zu befühlen. Die Prüfung der Haut und Muskeln zählt bestimmt nicht zu den vorgeschriebenen Untersuchungen bei erkennungsdienstlichen Erfassungen. Die Enttäuschung wich aus ihrem Gesicht. Ihr schien zu gefallen, was sie sah und fühlte.

Frauen machen die Leibesvisitation bei Frauen, um zu vermeiden, dass sie angemacht werden. Aber eins steht für mich fest. Mit Frau Schmitz hat man, um mal Sprichworte zu gebrauchen, den Fuchs in den Hühnerstall gelassen oder den Bock zum Gärtner gemacht. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht die Erste und auch nicht die Letzte bin, die von ihr so anzüglich begrapscht wurde und wird.

„Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh!“, sang sie schließlich, bückte sich und begann die Begutachtung meiner Füße. Sie ließ sich viel Zeit dafür zuerst den rechten und dann auch den Linken Fuß anzusehen, zu streicheln und prüfend zu drücken. Immer wieder unterbrach sie ihr Tun und sah zu mir auf. Und sie war inzwischen offensichtlich richtig scharf. Ihre Berührungen waren mehr als unangenehm. Sie hatte sehr weiche Hände aber dennoch fühlte sich das Streicheln an wie schmirgeln. Und wenn sie meine Füße drückte, spürte ich Stiche auf meiner Haut. Plötzlich fühlte ich, dass Salvadora hinter mir stand. Mein Puma begann leise zu schnurren. Und die spürbare Anwesenheit meines Krafttiers beruhigte mich. So geriet ich nicht in Wut oder Verzweiflung. Als sie wieder einmal aufblickte, ließ ich meine geballte, linke Faust in Richtung ihres Gesichts vorschnellen, ohne es jedoch direkt zu berühren. So sah sie sich plötzlich mit der blauen Taube auf meinem Handrücken konfrontiert. Sie geriet vor Schreck ins Wanken. Aber sie fiel nicht um. Denn ich stand in Schrittstellung und konnte sie mit der rechten Hand packen und hoch ziehen, bis sie mir wieder in voller Größe gegenüber stand. In ihrem Gesicht waren immer noch Schrecken und Entsetzen zu sehen.

Schließlich gewann sie ihre Fassung wieder und zeigte auf meine linke Hand. „Woher hast du das denn?“ „Wir sind nicht perdu, Frau Schmitz! Das Tattoo hab’ ich seit dem 27. oder 28. Juli 1990. Das haben mir meine halben Cousins und ihr Kumpel beigebracht, nachdem sie mir KO-Tropfen verpasst hatten. Da hab’ ich auch die meisten Narben her, die Sie und viele Freier so geil finden.“ Während ich das sagte, wurde mir bewusst, dass sie die Taube um nichts in der Welt berührt hätte und ihr Anblick sie richtig abgeturnt hatte. „Dann werd’ ich mich jetzt mal wieder anziehen. Oder gibt es da noch was, was Sie von Berufswegen sehen müssen?“ Sie schüttelte enttäuscht den Kopf.

Ich weiß nicht warum, aber ich konnte mich nur sehr langsam anziehen. Wir ließen einander nicht aus den Augen. „Wie lange sind Sie schon ‚ne Hure?“ „Seit sechs Jahren. Und ich habe alles durch, Straßenstrich, Eskortservice, unterschiedliche Puffs. Ich bin vor nix und niemandem fies, das haben Sie gemerkt. Aber so was sollten Sie nicht ausnutzen!“ „Wer glaubt schon ‚ner Hure?“ Ich zog meine Jeans hoch und machte sie zu. „Wer glaubt schon ‚ner Hure?“, äffte ich sie nach und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Einer Hure wird man wahrscheinlich nicht glauben. Aber mehreren Huren und anderen weiblichen Häftlingen wird man nach und nach wahrscheinlich doch glauben!“ Frau Schmitz sah mich verständnislos an, während ich nach meinem selbstbestrickten Pullover griff und ihn mir überzog. „Was willst du damit sagen?“ „Frau Schmitz, wir sind immer noch nicht perdu und werden es auch nie sein. Aber die Sache ist eigentlich ganz einfach. Ich werde Sie mir merken. Und ich gehe davon aus, dass ich dafür verknackt werde, dass ich diesem Arschloch Siegbert von Säbelschaft den Schädel eingeschlagen habe soll, was ich zwar überhaupt nicht gemacht habe. Aber Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Dinge. Und wenn ich einfahre, dann werde ich bestimmt der einen oder anderen Frau begegnen, die Sie anmachen wollten oder angemacht haben. Und ich für mein Teil fahre voll auf Teamarbeit und Solidarität ab. Und wenn sich mehrere zusammen tun, sieht die Sache schon ganz anders aus!“

Als ich fertig angezogen war, ging Frau Schmitz zum Telefon und sagte irgend jemandem Bescheid, dass ich wieder abgeholt werden könnte. Und der Blick, den sie mir hinterher schleuderte, als ich den Raum verließ, sagte: „Na, wenn du meinst, kleine Nutte!“ „Wir sind nicht perdu, Frau Schmitz! Und ich bin überhaupt nicht klein und werde in dieser Sache bestimmt auch nicht allein bleiben und mich kleinzukriegen haben auch schon ganz andere versucht und nicht geschafft. Darauf können Sie Gift nehmen!“ Und ich bin mir inzwischen sicher, dass meine Entgegnung, die ich nur gedacht aber nicht ausgesprochen hatte, ihr entging, obwohl mir ihr Blick zuvor nicht entgangen war und mir das, was ich dachte bestimmt deutlich im Gesicht geschrieben stand. Und ich bin mir auch sicher, dass mein Widerspruch seine Wirkung haben wird und sich bewahrheiten wird, was ich gedacht habe.

Die Tragweite dessen, was bei der Leibesvisitation geschehen war und dem, was ich gedacht hatte, wurde mir aber erst vollends bewusst, als ich wie ein Tiger im Käfig durch die Zelle streifte. Als ich daran dachte, was ich beim Verlassen des Büros gedacht hatte, sah ich plötzlich eine andere Frau nackt vor Frau Schmitz stehen. Sie war noch dunkelhäutiger als ich, ungefähr 1.80 M groß. Ihr Haar war schwarz und gelockt. Obwohl ihre großen, dunklen Augen leuchteten und zeigten, dass sie eine sehr starke Persönlichkeit war, sah man auch, wie geschwächt sie zumindest vorübergehend war. Sie war bis auf die Knochen abgemagert und an Armen, Beinen und am Rücken waren Narben aber auch blaue Flecken und kleine offene Risse zu sehen. „Und du heißt Jule Schibulski und nicht Magdalena Lumbumba oder so?“, fragte Frau Schmitz in spöttischem Ton. „Ich bin Jule Schibulski aus Gelsenkirchen!“, antwortete die schwarze Frau mit ihrer tiefen, rauen Stimme und es klang so als ob sie mit jeder Silbe, die sie aussprach wieder etwas mehr Kraft gewinnen konnte. ich machte die Augen fest zu und hielt sie etwa eine halbe Minute geschlossen. Und es geschah, was meistens geschieht, wenn ich das so mache. In mir wurde es ganz still. Der Schleier der Einsamkeit schien sich zumindest etwas zu heben, und ich hörte endlich wieder einmal die Stimme von Oma Isabel in meinem Inneren Ohr. „Fee, es tut mir aufrichtig leid, dass wir uns jetzt erst wieder hören. Aber du weißt ja eigentlich, wie das ist. Nichts und niemand kann gegen alles helfen und immer hörbar, sichtbar oder spürbar zur Stelle sein. Vergiss nicht gut aufzupassen! Und nicht hadern und ungeduldig werden!“

Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich darüber war, dass sich der gute Geist meiner Großmutter endlich wieder an mich wendete. Und ihre freundliche Ansprache schaffte es so wie früher jeden Funken des Haders und der Rachsucht im Keim zu ersticken. Und obwohl der Schleier der Einsamkeit sich auch jetzt nicht vollends auflöste, löste sich zumindest das lähmende Gefühl der vergangenen Wochen auf, überhaupt nicht mehr zu wissen, was wichtig war und was nicht. Und ich kann nicht sagen, wie gut es mir tat, dass meine bewährte Technik, mir wichtige Dinge zu merken, endlich wieder funktionierte. Ich war nicht einfach nur erleichtert. Ich empfand ein richtiges Glücksgefühl, das kleine und doch große Glück der Fleißigen. Ich hatte mich offenbar erfolgreich in Geduld und Hoffnung geübt. Geduldig hatte ich darauf gehofft, dass mich meine guten Geister nicht verlassen hatten, und dass es nicht gut aber doch so gut wie möglich weitergehen würde.

Natürlich schreibe ich mir das, was ich mir merken will, nicht hinter die Ohren, wo ich es selbst ja überhaupt nicht lesen kann. ich Ging weiterhin in der Zelle hin und her. Meine linke Hand hielt ich als ob ich meine Stahlfeder führen würde. Und ich bewegte sie auch als ob ich tatsächlich schrieb. Und das, was ich schrieb, zeigte sich in blauer Schrift vor meinem geistigen Auge. „Jule Schibulski, wir machen der Schmitz die Hölle heiß! – Frau Schmitz, man trifft sich mindestens zweimal im Leben!“

Damit war das mit der Schmitz fürs Erste erledigt. Aber dann begann etwas anderes mich weiter umzutreiben, die Sache mit den Tropfen, die mir jemand in den Kaffee geschüttet hatte, ohne dass ich es bemerkt hatte. Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich auf diese Art vorübergehend ausgeschaltet wurde. Das erste Mal hatten mir meine halben Cousins am Abend des 27. Juli 1990 KO-Tropfen in die Cola geschüttet, während ich im Arbeitszimmer meines halben Onkels Edwin ein Telefongespräch geführt hatte.

Während ich am Samstagabend durch die Zelle in der Polizeiwache ging, fragte ich mich, ob ich nicht hätte aufmerksamer sein müssen, da ich doch wusste, dass ich viele Feinde hatte so wie damals in Tannhuysen, die mich nicht anders als mit so miesen Tricks ausschalten konnten. Aber wer kann seine Aufmerksamkeit immer und überall haben. Wer versucht immer auf der Hut zu sein für den wird die Angst vor der Vergiftung eine fixe Idee, mit der er sich selbst eine Falle stellt und sich der Vorsicht zum Trotz zum Opfer einer solchen Intrige macht. Niemand rechnet wohl damit, zweimal im Leben mit KO-Tropfen in ein schwarzes Loch gestoßen zu werden. Wäre eine Rechnung möglich, hätte ich die Chance gehabt, beim zweiten Mal auf Zeit und/oder Ort vorbereitet zu sein. Aber auf so etwas kann man nicht zählen oder rechnen. Das wurde mir klar, als ich mich noch einmal so genau wie möglich an den vergangenen Nachmittag erinnerte.

Wer will schon in ein schwarzes Loch fallen oder gestoßen werden? Und obwohl man nichts fühlen, denken oder tun kann ist das Loch, in das man gerät, wie die schwarzen Löcher im All, es frisst viel Energie, wenn man überlebt immerhin nicht die ganze Lebenskraft.

Mir wurde klar, dass ich beim ersten Mal fast doppelt so lange im schwarzen Loch gewesen war, und dass ich damals viel länger gebraucht hatte, so gut wie möglich zum mir zu kommen. Als ich versuchte die beiden Erlebnisse mit den Tropfen zu vergleichen, konnte ich mich nicht mehr genau an das erste Mal erinnern. Dazu hätte ich meine Tagebuchaufzeichnungen zur Hand nehmen müssen. Aber die Kladde, in die ich seiner Zeit geschrieben habe, liegt in meinem Sekretär in Tannnhuysen. Aber ich machte und mache mir keine Illusionen darüber, dass ich mich bald wieder ganz genau erinnern werde, wie es damals war. Was wirklich wichtig ist, ist natürlich nicht in Vergessenheit geraten. Beim ersten Mal hatte ich miterlebt, wie meine Mamita absichtlich überfahren worden war, obwohl ich nicht auf der Straße war, wo es passierte. Den Aufprall des Unfalls tat als ob er dasjenige war, was mich in das schwarze Loch stieß und war auch das, was mich scheinbar wieder aus dem Nichts spuckte. Beim zweiten Mal fiel ich einfach aus der Realität ohne eine Vision oder wie man es nennen soll, erleben zu müssen. Das machte es in gewisser Weise leichter. So hatte das Fallen weniger Wucht. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Langzeitwirkung stärker ist, dass mir mehr Lebensenergie entzogen wurde.

Und wenn ich zum dritten Mal auf diese Weise ausgeschaltet werden sollte, wird es wieder anders sein, weil es mich in einer anderen Situation treffen wird. Ob es andere Tropfen waren? Welche Absichten dahinter gesteckt hatten? Es ist unmöglich zu sagen, welche Bedeutung die Antworten auf diese Fragen haben, werde ich niemals finden. Also beschloss ich schon am Samstagabend nicht mehr nach diesen Dingen zu fragen.

Jetzt ist es wieder zwei Uhr nachts und Zeit für mich meine vier Stunden zu schlafen. Bevor ich mich dann morgen endlich mit dem, was ich mit Siegbert von Säbelschaft erlebt habe, und welchen absurden Plan er mit den Huren, von denen er sich bedienen ließ, verfolgte. Wie konnte er sich eigentlich nach alledem, was er mit mir erlebt hatte, so gemütlich auf mein Sofa legen und schlafen, sodass es ein Leichtes gewesen war, ihn mit der Statue dieser afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin zu erschlagen?