Etwas Blaues braucht die Fee

Holt, Sonntag, 01. September 2013

Alle Augen warten auf mich. Und der Anblick, den ich biete, während ich von meinem Auto aus auf das Hauptportal von St. Marien zufahre, gibt ihrer Neugier mehr als genug Speise, damit sie nicht zum ersten Mal so richtig gemästet wird. Dass ich Aufsehen errege, liegt nicht daran, dass ich in meinem Aokshopper sitzend auf sie zu komme, und dass das für die Leute ein noch ungewohnter Anblick ist, obwohl ich seit dem 16. November 2012 wieder in der Gegend bin. Hier und in Tannhuysen, wo ich am 28. Dezember 1977 geboren wurde, habe ich immer Aufsehen erregt, wenn ich draußen, in einer der Kirchen, im Kindergarten oder in der Schule war. So wie früher will ich kein Aufsehen erregen. Doch obwohl ich es nicht anders kenne, als dass mich die meisten Menschen in dieser Gegend neugierig anstarren, habe ich mich nie so richtig daran gewöhnt. Es heißt: „Man kann sich an alles gewöhnen!“ Hat man wirklich Lebenszeit genug, um sich an alles zu gewöhnen? – Wohl kaum! Und das ist wahrscheinlich auch besser so. So hat sich, was das Aufsehen betrifft, einiges geändert, was ich wohl überhaupt nicht bemerken könnte, wenn ich mich an das Aufsehen, das ich errege, vollkommen gewöhnt hätte. Was sich vor allem geändert hat, bin ich. Das Ding, das die meisten Leute mit verächtlich zwischen den Zähnen gezückter Zunge „Lici“ genannt haben, gibt es nicht mehr. Ich bin Felicitas Haechmanns, 35 Jahre alt, lebe mit meinen drei Hunden in meinem Haus in Tannhuysen, habe eine Detektivlizenz und führe einen Blog, der Hundebesitzer berät und hoffentlich auch viel Freude bereitet.

Ich habe ungefähr die Hälfte der Strecke von meinem Auto bis zum Hauptportal der Kirche zurückgelegt, als die Glocken zu läuten beginnen. Es ist also zwölf Minuten vor drei. Denn Kirchenglocken dürfen offiziell zwölf Minuten lang Gläubige zum Gottesdienst oder zur Messe rufen. Und mich erfasst der Ruf der Glocken im wahrsten Sinn des Wortes. Ich höre den vollen Klang. Ihr Klang und ihre starke Schwingung erfassen meinen gesamten Körper. Und obwohl ich mich durch den Klang und die Schwingung fühle, als ob ich getragen werde, bleibe ich erst einmal stehen, um mich zu sammeln und zu genießen, was ich höre und empfinde, bevor ich den Rest des Weges zurücklegen werde. „Warum bin ich nicht mehr Lici das Ding sondern eine gestandene Frau, obwohl ich jetzt in einem Ding sitzen und fahren muss und nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen und meinen Lebensweg machen kann?“, frage ich mich, während ich mitten auf dem Kirchplatz stehe. Ich spüre das Aufsehen noch, das ich errege. Aber es stört mich im Moment nicht mehr. Schließlich bin ich nicht allein mit ihm. Der Klang ist da. Und die Schwingung, die mich trägt, ist da. Von allen guten Geistern bin ich auch nicht verlassen. Und das ist gerade jetzt gut und wichtig so. Schließlich fahre ich auf eine Kirche zu, die mich im Juli 1990 mit ihrem Prunk aus der Zeit des Rokoko zweimal angegriffen hatte. Diesmal ist es wieder einmal meine Oma Isabel. Sie berührt mich nur einen kurzen Moment lang an der linken Schulter und schenkt mir einen Augenblick, in dem sie mich ruhig ansieht. Das gibt mir Kraft und Ruhe. Nicht nur, dass mich das wunderbare, bronzefarbene Gesicht mit den schmalen, dunklen Augen wie so oft schon ansieht. „!Fee, todo està bièn!“, sagt die tiefe und leicht raue Stimme meiner Großmutter zu mir. Und die Ruhe, die ich von meiner Abuela bekomme, ist von der Art, dass ich genau die Ruhe finde, die das Tüpfelchen auf dem I ist, das mir noch an Ruhe gefehlt hat, um von dem Klang und der Schwingung des Läutens getragen lange genug innezuhalten, still an dieser Stelle weiterzudenken und weiterzufühlen, bevor ich mit klarem Verstand, gestärkt und erfrischt zum Taufgottesdienst von Felicitas Sänft fahren kann,, bevor ich die Aufgabe der Patenschaft wirklich auf mich nehmen kann.

„Warum bin ich nicht mehr Lici das Ding sondern eine gestandene Frau, obwohl ich jetzt in einem Ding sitzen und fahren muss und nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen und meinen Lebensweg machen kann? müsste ich jetzt in diesem Ding, an das ich gefesselt bin, nicht noch viel mehr ein Ding sein als früher?“

Zunächst gibt es keine Antworten auf diese Frage. Ich fühle nur, dass ich Felicitas Haechmanns, die 35jährige Frau, die 1.90 M groß ist, ein dunkles Gesicht mit gebogener Nase und schmalen Augen hat und einen Bauernzopf mit einer blauen Blumenspange trägt, bin. Ich spüre und weiß, dass ich kein Ding sondern Felicitas Haechmanns bin. Denn ich sehe, wie die Sonne scheint, fühle den leichten Wind, der meine Haut streichelt, höre und fühle das Läuten der Glocken. Die Antworten auf meine beiden Fragen brauche ich hier und jetzt. Sie müssen nicht endgültig sein. Sie müssen nicht alles restlos erklären. Ich brauche Anhaltspunkte, um weiterzumachen, und was Neues anzufangen, zum Beispiel, um eine gute Patin zu werden wie Lenchen und Senta die Ältere es für mich immer noch sind.

„Ich bin nicht mehr Lici das Ding sondern Felicitas, weil ich bei allem, was ich erlebt habe, nicht von allen guten Geistern verlassen worden bin. Sie haben mich begleitet. Sie haben mich so gut wie möglich geschützt. Sie haben mir geholfen mich zu verändern. Ich kann kein Ding mehr sein, weil ein Ding nicht überleben kann. Aber ich habe schon vieles überlebt. Beinahe wäre ich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli gestorben. Und eine Schießerei habe ich auch überlebt. Ich bin nicht mehr Lici das Ding sondern Felicitas, weil ich mich bewusst für diesen mechanischen Rollstuhl mit den Vollgummireifen und nicht für einen Erolli entschieden habe. So komme ich als Selbstfahrerin auf die Geschwindigkeit, die zu mir passt und kann meine Hände, die unversehrt geblieben sind, gebrauchen. Ich liebe alles Manuelle. Und meinem Fahrzeug geht die Energie nicht schneller aus als mir selbst.“

Jetzt kann ich die Greifräder fassen und flink vom Klang und der Schwingung der Glocken getragen auf das Hauptportal von St. Marien zufahren, wo einhundertzwanzig Leute stehen, und mit einem Einheitsaufsehblick auf mich warten. Ich habe keine Angst vor der Kirche, obwohl sie mich zweimal mit ihrem Prunk aus der Zeit des Rokoko angegriffen hat, nicht nur weil ich zu schlicht für sie war.

Der heiße Reifen, den ich fahre, kommt den Leuten vor der Kirchentür wohl wie eine Flucht nach vorn, eine heil- und sinnlose Flucht vor der Realität, vor dem, was ich wahrnehmen, denken und fühlen kann, vor. Doch diese Schnelligkeit kann keinen Geschwindigkeitsrausch bei mir verursachen. Und das liegt nicht nur daran, dass die Geschwindigkeit viel höher sein müsste, damit ein übersteigertes Hochgefühl Wahrnehmung und Denken teilweise ausblenden könnte. Die Schnelligkeit, die ich mit meiner eigenen Hände Kraft erzeuge, ist mir angemessen, erdet mich so, wie es mit einem Fahrzeug mit Motor nicht möglich wäre. So bleibe ich auf dem Boden der Tatsachen und nehme klar und deutlich wahr, was um mich her und mit mir passiert.

Und es passiert etwas Erstaunliches.. Ungefähr vier Meter vom Hauptportal der Kirche entfernt ist es als ob ich durch eine unsichtbare Mauer fahre. Und dahinter gibt es diesen Gemeinschaftsaufsehblick plötzlich nicht mehr. Wie kann das sein, dass ein derart starker und weitreichender Blick, der immerhin eine Wirkmächtigkeit von mehr als 50 Metern hatte, sich auf einmal Einfach so auflöst? Bezogen auf den Gemeinschaftsblick scheint es einen Mittelpunkt gegeben zu haben, den ich wohl zerstört habe. Aber es hilft mir nicht, dass die gefräßige Neugier auf einen Schlag einfach nicht mehr da ist. Denn sofort schlägt mir von den anwesenden Leuten etwas anderes entgegen, ihre Unversehrtheit. Dazu diese Unversehrtheit mit all ihren Einzelheiten auf mich wirken zu lassen, komme ich nicht. Nur eine Sache fühle und weiß ich ganz genau. Es ist nicht nur die körperliche Unversehrtheit und Makellosigkeit, die mir von all diesen Menschen entgegen schlägt.

Das Hauptportal von St. Marien steht natürlich bereits offen. Und darin steht Tamara Sänft die Mutter des Kindes, dessen Patin ich gleich werden soll. Sie trägt ein grünes Kleid, das dieselbe Farbe wie ihre Augen hat. Sie macht mir ein Zeichen, dass ich sofort in den Vorraum der Kirche kommen soll. Und ich fahre die Rampe hoch und in die Kirche hinein. Und die Augen von Nina Baumschatz, die die zweite Patin ist, der Großmutter des Kindes und des Gemeindepriesters Thomas Münzer warten voller Ungeduld auf mich. Ich sehe auf meine Armbanduhr. Es ist zehn vor drei. Sind wirklich nur zwei Minuten vergangen von dem Augenblick an, als ich mitten auf dem Kirchplatz inne gehalten habe, bis jetzt? Wie dem auch sei! Ich bin nicht zu spät gekommen, obwohl sie mich das alle glauben machen wollen. Gelassen sehe ich mich um und bewundere das Taufkleid des Kindes, das mit geschlossenen Augen in seinem Wagen liegt. Hochwürden reißt plötzlich der Geduldsfaden. Und es ist als ob ihn dieser Faden nur von mir hatte fernhalten sollen. Denn dieses Reißen katapultiert ihn auf mich zu und er kann über mich herfallen. Schließlich spürt und weiß er, dass er jetzt etwas tun und sagen muss, was er gar nicht will. Gern würde er jetzt laut und vorwurfsvoll „lici Haechmanns!“, zu mir sagen. Das steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Aber auch für ihn ist das mit dem Lici endgültig vorbei. So stürzt er grußlos auf mich zu, sieht zu mir herab, japst und sagt heiser: „es gibt da ein Problem, ein gigantisches Problem!“ „Das da wäre?“ Immer noch vollkommen gelassen sehe ich zu ihm auf. „Die arme Frau Baumschatz hier hat eben einen Blick in den Kirchenraum und den Mittelgang entlang geworfen. und jetzt fühlt sie sich außer Stande das Kind nach vorn und später zum Taufbecken zurückzutragen!“

Endlich sieht mich Nina selbst direkt an und sagt: „Da-da-da ist doch dieser große mittelblaue Fleck an der Decke vom Mittelgang. Da kann ich doch kein Kind drunterhertragen.“ Kaum hat sie das gesagt, ist es mit ihrem Mut schon wieder vorbei. Sie kann mir nicht mehr direkt in die Augen sehen. -„Immer diese blau- und grauäugigen Leute!“ – „Das Kind ist am 02. August geboren. So kleine Kinder können noch gar keine Farben sehen!“ Das nimmt Nina nichts von ihrer unbegründeten Angst und Unsicherheit. Für so ein kleines Kind sind die Ängste und Unsicherheiten der Menschen, mit denen sie es zu tun bekommen, mit Sicherheit gefährlicher als jede Farbe und mag es noch so ein großer blauer Fleck sein. Mein Blick geht zu Tamara. Und auch sie ist nicht bereit ihr Kind durch den Mittelgang zu tragen. „Wenn ihr niemanden da draußen fragen wollt, wovon ich ausgehe, dann müsst ihr eben aushalten, dass die Fee, ehm, Felicitas von mir mitgenommen wird, obwohl sich das auf den Fotos und in dem Film nicht so gut macht. Und wenn ich das Kind halten soll, muss jemand meinen Aokshopper schieben.“ Es ist zum Auswachsen. Niemand reagiert.

Die Gottesdienstbesucher kommen langsam in die Kirche. Zunächst sehe ich zwar einige bekannte aber kein vertrauenswürdiges Gesicht. Aber dann betritt meine Cousine Senta Löwenherz den Vorraum der Kirche. Wie konnte ich nur vergessen, dass sie auch kommen würde. Sie ist Hebamme und besucht nach Möglichkeit jede Taufe der Kinder, deren Geburt sie betreut hat. „Senta, könntest du die kleine Fee tragen oder meinen Rollstuhl schieben? Oder hast du Angst uns durch den Mittelgang zu begleiten?“ Senta lächelt. Und ihre Augen bekommen wieder diese tiefblaue Farbe, die ich bislang noch bei keinem anderen Menschen gesehen habe. „Du bist eine ihrer Patinnen. Darum wirst du sie halten. Und ich fahre euch!“ Sie ist eben Senta Löwenherz. Diesen Namen hat sie sich im Juli 1990 verdient, als sie sich in der Nacht vom 27. zum 28. Juli beherzt gegen ihre Eltern, ihren älteren Bruder, ihre beiden älteren Cousins und auf meine Seite gestellt hat. Damals war sie noch nicht einmal sieben Jahre alt. Und seither hat sie dem Namen, Senta Löwenherz, alle Ehre gemacht. Das wissen Thomas Münzer, Nina Baumschatz und vor allem Tamara Sänft, die durch Senta ihren Willen zwar nicht vollkommen bekommen hat aber mit ihrer Hilfe endlich schwanger geworden ist. Die kleine Fee ist wie Senta eine Löwin und bekommt hoffentlich auch ein Löwenherz.

Es ist gut, dass Senta da ist und mir den Rücken stärkt und frei hält. Als ich erfahren habe, dass die Taufe in St. Marien und nicht in St. Johannes in Tannhuysen stattfinden soll, musste ich natürlich sofort daran denken, wie ich zweimal im Abstand von nicht einmal 24 Stunden im Innern dieser Kirche angegriffen worden bin. Obwohl die Erinnerungen an den Lärm, der mich beim ersten Angriff gelähmt hat und an den Kampf mit dem Bild, das früher an der Decke des Mittelganges war, sehr deutlich sind, habe ich keine Angst vor St. Marien. Denn da, wo das Bild von Maria als Himmelskönigin war, ist seit dem 28. Juli 1990 eine große, rechteckige Fläche in meiner Farbe, in blau. Und Münzers versuche, die blaue Fläche überstreichen und das prunkvolle Bild wieder herstellen zu lassen, sind gescheitert. Und das Blau fügt sich auf wunderbare Weise in das Innere der Kirche im Rokokostil ein, obwohl sie ein Widerspruch gegen all das Gold und die verschwenderischen Formen ihrer Umgebung ist.

Jeder in Tannhuysen und Holt kennt die Geschichte dieser großen blauen Fläche. Denn Tamara Sänft fand am 27. Juli 2012 mein Tagebuch aus dem Jahr 1990 und hat es inzwischen unter dem Titel Felicitas und mit dem Untertitel die ersten sieben Leben eines Pumas veröffentlicht. Es ist auch ein Teil ihrer Geschichte geworden, was in den Jahren von 1977 bis 1990 passiert ist. Ein Tagebuch oder auch ein anderer Gegenstand, der irgendwo zurückgelassen wird, damit jemand wie ich etwas hat, um wieder an einen Ort zurückzukommen, den er oder sie nicht freiwillig verlassen hat, dessen Leben bleibt nicht unberührt von einer Geschichte, mag sie auch noch so lange zurückliegen. Und Nina Baumschatz kennt die Geschichte auch. Schließlich ist sie die beste Freundin von Tamara Sänft und arbeitet mit ihr zusammen. Beide sind Journalistinnen, Ghostwriter und Autorinnen. Sie wissen beide wie mein Gebet und die Pfote meines Krafttiers das Bild zerstört haben und Münzer war selbst dabei. Aber sie scheinen nichts verstanden zu haben. Denn, wenn sie wirklich begriffen hätten, warum die Himmelskönigin verschwinden musste, müssten sie keine Angst haben auch nicht wegen des Kindes, obwohl das noch nicht blau sehen kann. Und da die Sonne durch die bunten Fenster scheint, ist auch das zauberhafte Leuchten des blauen Flecks nicht zu sehen. „Doch spätestens zu St. Martin werde ich mit der kleinen Fee am Abend in diese Kirche kommen, dass sie das blaue Licht sehen kann!“, denke ich so bei mir, als ich die Fee, die im Gegensatz zu mir wirklich so hell und zierlich aussieht wie eine richtige Fee, aus ihrem Kinderwagen nehme.

Hochwürden macht eine ungeduldige Handbewegung und eilt Richtung Kirchenraum. Doch niemand von uns lässt sich von seiner plötzlichen Hektik anstecken. Auf dem Gesicht von Nina Baumschatz zeigt sich ein leicht ängstlicher Ausdruck. Aber auch sie schafft es sich ruhig in Bewegung zu setzen. Auch Müntzer verringert bald seine Geschwindigkeit. Gerade unter dem blauen Fleck an der Decke angekommen, werden seine Schritte langsamer und vorsichtig. Sogar in leicht geduckter Haltung bewältigt er das Stück des Weges zum Altar, bei dem er unter dem großen Rechteck hindurch gehen muss. Auch Tamara Sänft und Nina Baumschatz senken die Köpfe, als sie vor uns den Mittelgang entlang gehen.

Senta und ich senken unsere Köpfe nicht. Und obwohl ich es nicht direkt ansehe, bemerke ich doch, dass das Kind in meinem Arm genau in dem Moment, als wir unter die blaue Fläche kommen, die Augen öffnet. Und gleich, nachdem wir das Blau passiert haben, schließt es die Augen wieder. Dabei kann sie doch noch gar nicht blau sehen. Meine beiden Patinnen haben die Patenschaft mit Kopf, Herz und Hand angenommen und ein sehr gutes Gespür für meine Belange gehabt, was mir eine große Hilfe war. Senta die Ältere und Lenchen haben eigentlich immer intuitiv gewusst, was sie zu tun hatten, um mich positiv zu beeinflussen und Abträgliches zu mildern. Haben ihre Qualitäten zumindest etwas auf mich abgefärbt? Ist davon genug auf mich übergegangen, sodass ich ihr zuträglich sein kann, sie stärke und nicht schwäche?

St. Marien ist vor fünf Jahren aufwendig modernisiert worden. So gibt es auch eine Rampe, die zum Altar hinauf führt und eine neue Orgel. Den blauen Fleck haben die Maler aber Gott sei Dank nicht überstreichen können. Sie haben mehrfach versucht die Farbe wegzubekommen und den vermeintlichen Makel mit einem neuen Bild wettzumachen. Aber jedes Mal, wenn sie am nächsten Morgen oder nach dem Wochenende zurückkamen, war er wieder da, der blaue Fleck. Vor dem Altar angekommen versuche ich mich in die Musik der Orgel fallen zu lassen, um einfach nur da zu sein, nichts zu fühlen und zu denken, damit nichts da ist, was die Fee in meinem Arm negativ beeinflussen könnte. Doch meine Gedanken und Gefühle hören nicht auf zu arbeiten, obwohl es nicht mehr die alte Orgel ist, deren Klang am 27. Juli 1990 einen akustischen Angriff auf mich ausgelöst hat, und obwohl eine blutjunge Organistin, die damals noch nicht hier war, das Instrument spielt. Erst, als ich meinen Blick auf das blaue Rechteck an der Kirchendecke richte, klären sich meine Gefühle und Gedanken, sodass es zumindest unwichtig wird, dass Tamara Sänft mich in gewisser Weise aus unlauteren Gründen zur Patin gemacht hat. Keiner ihrer Verwandten wollte Pate oder Patin von Felicitas werden, das Kind von einem alten Knacker, der jetzt in Pont einsitzt. Dabei hat sich nicht nur Tamara in diesem „schrägen Vogel“ mit großem Schnabel und Spatzenhirn getäuscht. Bis er im November des vergangenen Jahres sein wahres Gesicht zeigen musste, fanden sie ihn alle großartig. Sie hatten sich übrigens seiner Zeit nur standesamtlich getraut. Tamara Sänft macht mich zur Patin ihrer Tochter, um mich in ihrer Nähe zu haben. Auf eine bestimmte Art mag sie mich wirklich. Aber sie will auch noch mehr von meiner Geschichte haben. Sie will meiner Geschichte und meiner Selbst immer noch habhaft werden. Ihr reicht nicht, was sie von mir schon hat, und was ich für sie und ihr Kind zu tun bereit bin. Sie wusste natürlich genau, welche Knöpfe sie drücken musste, welche Strippen zu ziehen waren, um mich dazu zu bewegen die Patin ihres Kindes zu werden. So weiß sie aus meinem Tagebuch aus dem Sommer des Jahres 1990, wie froh und dankbar ich meinen Großeltern und meiner Mamita war, dass sie mir durch die Auswahl des Namens einen Glückwunsch für meinen ganzen Lebensweg mitgegeben haben. Und sie hat es ihnen gleich getan. Aber das war selbstverständlich nicht die einzige Sache, mit der sie erfolgreich versucht hat, mich als Patin für Felicitas zu gewinnen. Auch, dass ich ein gutes Beispiel dafür bin, wie gut es sein kann, dass Paten nicht mit dem Täufling verwandt sind, wusste sie aus meiner Geschichte. Und auch dieses Argument führte sie an, um mich zu überzeugen. Leichtgläubig, vielleicht allzu leichtgläubig bin ich ihren Worten und dem spontanen Gedanken gefolgt, dass es nur um das Kind geht.

Ich habe das Gefühl, dass Felicitas auf meinem Schoß, in meinem Arm, durch den Klang der Orgel und durch die starke Präsenz des blauen Flecks vor den Blicken und den negativen Gedanken und Gefühlen der Menschen in dieser Kirche geschützt ist. Und ich hoffe inständig, dass ich mir das nicht nur einbilde. ich selbst bin alles andere als unbehelligt von dem, was um uns her geschieht.

Gefräßige Neugier kommt nicht mehr auf und auf mich zu. Misstrauen, subtile Vorwürfe, Missgunst, wohlmeinende Herablassung und ausgewachsener Argwohn schlagen mir entgegen. Und diese Gefühle, die aus den Gesichtern und der Haltung der Menschen in St. Marien sprechen, verändern sich unablässig. Darum dauert es bis zur Predigt, bis ich begreife, wo oder besser gesagt bei wem der Mittel- und Ausgangspunkt dieser Gefühle ist, bei Thomas Müntzer. Hochwürden schafft es aber, professionell zu wirken, und obwohl er im Kreuzfeuer negativer Gefühle steht, wie ein Brennglas ist, bleibt er zumindest äußerlich betrachtet ruhig und sicher. Mit festem Blick in den grauen Augen steht er aufrecht und kerzengerade da.

Das ändert sich erst bei der Taufzeremonie selbst. Seine Haltung ist kaum verändert. Aber der Klang seiner Stimme ist unsicher. Vor allem der Name des Kindes kommt ihm alles andere als leicht über die Lippen, als er sagt: „Felicitas, ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“ Obwohl ich mit dem Vertreter von Müntzer, der ursprünglich die Taufe geben sollte, darüber gesprochen habe, weiß ich nicht mehr, ob und wie die Paten im Namen des Kindes beim Taufversprechen angeredet werden. Mir fällt aber auf, dass es dem Priester nicht gelingt diese Taufe auf das Kind und nicht auf mich zu beziehen. Immer, wenn er Felicitas sagt, was er vielleicht gar nicht tun müsste, klingt er widerwillig. Denn er ist überhaupt nicht damit einverstanden, dass ich das Recht haben soll, eine Patenschaft zu übernehmen. Aber das mein verzweifeltes Gebet dazu beigetragen hat, das Bild Mariens als Himmelskönigin zu zerstören und einen blauen Fleck zu erzeugen, ist lange her, lag nicht in meiner Absicht und hat nicht dazu geführt, dass ich das Abendmahl nicht mehr zu mir nehmen darf, dass ich aus der Kirche ausgestoßen wurde.

„Felicitas, widersagst du dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?“ „Ich widersage.“ „Felicitas, widersagst du den Verlockungen des Bösen, damit es nicht Macht über dich gewinnt?“ „Ich widersage.“ „Felicitas, wiedersagst du dem Satan, dem Urheber des Bösen?
„Ich widersage.“ Dann fragt der Priester:
„Felicitas, glaubst du an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde?
„Ich glaube.“ „Felicitas, glaubst du an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, der geboren ist von der Jungfrau Maria, der gelitten hat und begraben wurde, von den Toten auferstand und zur Rechten des Vaters sitzt?“
„Ich glaube.“ „Felicitas, glaubst du an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben?“ „Ich glaube.“
Der Priester schließt:
Der allmächtige Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, hat uns aus dem Wasser und dem Heiligen Geist neues Leben geschenkt und uns alle Sünden vergeben. Er bewahre uns durch seine Gnade in Christus Jesus, unserem Herrn, zum ewigen Leben.

Dann ist die Zeremonie zu ende. Und ich bin erleichtert. Es ist mir gelungen mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und für das Kind Stellung zum Glauben zu beziehen, für es da zu sein. Mir sind die Worte klar und deutlich über die Lippen gekommen. Während des Taufversprechens habe ich abwechselnd zum blauen Fleck und zu Nina Baumschatz geblickt und mir wird klar, dass sie mich in gewisser Weise im Stich gelassen hat und die kleine Felicitas auch. Ihre Lippen haben sich zwar bewegt. Doch ihre Stimme ist nicht zu hören gewesen. – Lippenbekenntnisse, im wahrsten Sinne des Wortes!

Gut ist, dass Tamara mit dem Kinderwagen kommt. Ich lege Felicitas hinein, sodass sie nicht von der Einsamkeit erfasst wird, die von mir nach und nach Besitz ergreift. In einer Gruppe von Menschen einsam zu sein hat viele Gesichter. Und von diesen Gesichtern kenne ich schon viele. Auch die Einsamkeit, die durch Blicke entsteht, die von den Vorstellungen sprechen, die sich die Menschen um einen her machen, die in Gestalt von rechthaberischen, herablassenden, unverschämten und boshaften Haltungen und Gesichtsausdrücken zur Schau gestellt werden.

Es folgen die Wandlung und das Abendmahl. Und ich frage mich nicht zum ersten Mal „Bin ich würdig und rein genug, das Abendmahl zu empfangen?“ Das frage ich mich, als ich auf die Gruppe der Menschen zufahre, die in einer Reihe stehen, um das Abendmahl zu bekommen, obwohl ich doch wissen müsste, dass ich dazu würdig bin. Gott sei Dank bekomme ich Hilfe. von oben durch den Anblick des blauen Flecks und von der Seite. Denn plötzlich ist mein Krafttier Salvadora zur Stelle. Mein Puma ist für mich da wie damals, als ich vor dem Altar um Hilfe gebeten hatte und der Puma gekommen ist, um gegen die Herrschaft der Himmelskönigin zu kämpfen. Sie ist zu meiner linken an der Seite, die von Herzen kommt. ich nehme das Abendmahl. aber nicht aus der Hand von Thomas Müntzer. Und ich fühle mich gestärkt.

Autor: Paula Grimm

Paula Grimm ist ein Pseudonym, das ich seit Februar 2011 für meine Prosatexte in Blogs und Büchern nutze. Der Vorname des Autorennamens war einer der Vornamen meiner Mutter. Und der Nachname war ihr Mädchenname. Ich bin Baujahr 1965, seit Geburt vollblind, ursprünglich Diplompädagogin von Beruf, seit 2008 Bloggerin und seit 2016 freie Autorin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.