Fortsetzung von etwas Blaues braucht die Fee

Tannhuysen, Sonntag 01. September 2013

Ich sitze in meiner Küche und trinke Pfefferminztee. Ich habe viel Kraft gebraucht. Im Rappen, der sich in der unmittelbaren Nachbarschaft von St. Marien befindet, hat die Taufgesellschaft zusammengesessen und Kaffee getrunken. Tamara hat mir mitgeteilt, dass wir am Mittwoch ein Interview über das Buch Felicitas – Die ersten sieben Leben eines Pumas geben müssen. Und sie und Nina Baumschatz haben mich mit ihrer Ungeduld belästigt. „Wann kommst du endlich mit mehr Texten aus deinem Leben ‚rüber?“ – „Du hast doch gesagt, dass du noch mehr im Petto hast. Es geht doch dabei nur darum, deine Tagebücher zu bearbeiten.“ ich blicke auf meine Handrücken, zuerst auf den Rechten, wo in roten Lettern die Initialen der Feinde zu sehen sind, die mich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1990 im wahrsten Sinne des Wortes K.O gemacht haben, mit irgendwelchen Tropfen. Drei von den vier jungen Kerlen waren meine älteren Cousins. Wer solche Verwandten hat, braucht keine anderen Feinde mehr, hat aber meistens noch viele andere Feinde. So war der Tätowierer der Freund meiner Cousins. Dann blicke ich auf meine linke Hand, wo der Herr über die Farbnadeln eine blaue Taube hinterlassen hat. Meine Cousins hielten dieses Motiv für eine besonders gute Idee, da in dieser Zeit von meinem Vater nur bekannt war, dass er ein Typ mit einer Taubenmaske war, der meine Mamita zusammen mit zwei anderen Kerlen mit Vogelmasken im März des Jahres 1977 überfallen hatte. Die Farbe blau war eine schlechte Wahl. Denn schon immer war blau meine Farbe. Und so erlebte ich mit Hilfe dieser Zeichnung manches blaue Wunder und zwar im besten Sinn.

Ich sehe die blaue Taube auf meinem linken Handrücken sehr lange an. Gleich morgen früh ist eine gute Zeit mit meinem neuen Buch anzufangen. Denn einen Auftrag habe ich derzeit nicht. Den letzten Auftrag, bei dem ich als Büroangestellte getarnt einen Fall von Betriebsspionage aufgedeckt habe, konnte ich am Donnerstag beenden. „Du machst das Ding auf deine Weise und ziehst es allein durch. Du sorgst diesmal dafür, dass niemand in die Geschichte verwickelt wird. Sie erfahren alle noch früh genug, was Sache ist!“, ermahnt nich eine innere Stimme. Und dann entscheide ich mich spontan dafür morgen früh im Februar des Jahres 2000 anzufangen. Das ist ein guter Anknüpfungspunkt. Denn das Jahr 2000 war ein ereignisreiches Jahr, das mir trotz der vielen Geschehnisse viel Zeit und Gelegenheit gab, mich auch mit dem zu befassen, was ich in den 90er Jahren erlebt habe.

Texte aus tausendundeiner Nacht für tausendundeinen guten Geist

Kleines Motto
„Lebensdumm stellt sich, wer sich selbst der Einfachheit halber glauben macht, dass seine Quälgeister ihn in Ruhe lassen, wenn er sie gerade nicht hört, sieht oder fühlt. Ebenso lebensdumm stellt sich, wer sich selbst glauben macht, dass seine guten Geister ihn verlassen, wenn er sie gerade nicht hört, sieht oder fühlt.“

Tannhuysen, Montag, 02. September 2013

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Tamara meint, dass ich ihr etwas wegnehme, auf das sie Anspruch zu haben glaubt, wenn ich allein diejenigen Texte auswähle und bearbeite, die in diesem und mindestens einem weiteren Buch mit dem Untertitel Texte aus tausendundeiner Nacht zusammengestellt werden. Wie dem auch sei! Auch oder vor allem das ist wahr, ich nehme ihr viel ab, wenn ich die Geschichten meines Lebens selbst in die Hand und die Verantwortung dafür übernehme. Wenn ich das Schreiben selbst in die Hand nehme, nehme ich ihr weniger weg als ich ihr abnehme. Ich nehme ihr viele kleine und größere Entscheidungen ab und die Verantwortung für die Texte, die sie haben aber auch nicht haben will.

Als ich im Februar spontan den Untertitel Texte aus tausendundeiner Nacht vorgeschlagen hatte, damals, als ich Tamara im Rappen getroffen hatte, hörte und fühlte sich das Passend und stimmig an. Und obwohl mir erst gestern Abend, nachdem ich mich endgültig dazu entschieden habe, alles wieder selbst in die Hand zu nehmen, die Gründe eingefallen sind, warum der Untertitel passt und stimmig ist, fühlen und hören sich die Worte nach wie vor so angemessen und stimmig an wie eh und je. Es ist auch vernünftig sich auf tausendundeine Nacht zu beschränken, obwohl es in den zweiundzwanzig Jahren, in denen ich nicht in Tannhuysen lebte, viele Nächte mehr gegeben hat, in denen ich geschrieben habe, was ich erlebt habe. Doch ich habe nicht nur geschrieben sondern auch gelesen. Dabei waren auch die Märchen aus tausendundeiner Nacht. Aus diesem Grund sind die Texte, die ich zusammenstelle auch Scheherazade und anderen vor allem schreibenden Frauen gewidmet, die mir mit ihren Gedanken zu guten Geistern geworden sind. Gioconda Belli mit ihrem Buch bewohnte Frau, um nur eine zu nennen. Den letzten Satz ihres Romans werde ich wohl nie vergessen: „Niemand, der liebt, stirbt jemals.“

Doch tausendundeins ist in gewisser Weise eine symbolische Zahl, denn nicht nur Erzählerinnen und Erzähler wurden für mich gute Geister, da sie mich an ihren Geschichten haben mitleiden, miterleben, mitlieben ließen. Und es sind ihrer wahrscheinlich schon mehr als tausendundein guter Geist, wenn ich sie zählen würde. Doch da sind auch noch diejenigen, die mir begegnet sind, mit denen ich mitgelitten, mitgelebt und mitgeliebt habe, und die mit mir mitlitten, mitlebten und mich liebten oder lieben. Und sie hatten viel mitleiden und mitzuerleben, von denen ich so oft auch spüren durfte, wie sie mich lieben und mitleiden, was ich ins Herz geschlossen habe.

Darum sind die Texte aus tausendundeiner Nacht meinen Großeltern, meiner Mamita, Willem, der mir im Jahr 1990 eine neue Identität gegeben hat, meinen Patinnen Lenchen und Senta, meiner Cousine Senta Löwenherz, Richard Bongartz, Sezen, Lola und vielen anderen, die in meinen Aufzeichnungen vorkommen werden, gewidmet.

Dankbarkeit und Liebe sind Atem und Energie für die Seele. Mit dieser Auswahl danke ich euch allen ihr guten Geister und sage euch, wie sehr ich euch liebe. Die Seele atmet aus und spendet Energie, wenn man sich herzlich bedankt und von Herzen Liebe zeigt. Es fällt mir leicht. Atem zu holen und so Dank und Liebe zu bekommen, fällt mir oft schwer. Ich hoffe einfach nur, dass ich das im Verlauf meiner Arbeit besser lerne.

Es fühlt sich gut und richtig an, Texte aus tausendundeiner Nacht den guten Geistern zu widmen, die mich begleiten. Aber wie soll die erste Etappe, in denen die Aufzeichnungen aus dem Jahr 2000 stehen werden, lauten? Ich blicke auf die blaue Taube, dann schließe ich meine Augen. Und vor meinem inneren Auge leuchtet in mittelblauer Schrift: „Das Inkubatormodell Lici 2000.“ Auch das wird schon seine Richtigkeit haben.

Autor: Paula Grimm

Paula Grimm ist ein Pseudonym, das ich seit Februar 2011 für meine Prosatexte in Blogs und Büchern nutze. Der Vorname des Autorennamens war einer der Vornamen meiner Mutter. Und der Nachname war ihr Mädchenname. Ich bin Baujahr 1965, seit Geburt vollblind, ursprünglich Diplompädagogin von Beruf, seit 2008 Bloggerin und seit 2016 freie Autorin.

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