Guter Mond du gehst so stille

0002. Hohlburg, Mittwoch 23. Februar 2000

Heute habe ich einige Sachen beim Haftrichter beantragt, zum Beispiel, dass mich meine Kollegin Sybille besuchen darf. Außerdem habe ich mir einige schöne, dicke Bücher leihen können. Zuerst habe ich mir die Märchen aus 1001 Nacht vorgenommen. Aber jetzt habe ich erst einmal genug gelesen. Und fange mit dem Schreiben an. Wie konnte es so weit kommen, dass ich wegen Totschlags in U-Haft bin? Am Besten ist wohl, mit dem anzufangen, was am Samstag dem 19. Februar passiert ist.

Wenn ein Treppenhaus oder Flur voller Rauch ist, soll man sich nach Möglichkeit auf den Boden legen und zum nächsten Ausgang robben oder kriechen. Aber das, was giftig und ätzend auf mich zukam, als ich am Samstagabend den Flur entlang ging, war kein Rauch eines üblichen Hausbrands. Als ich vom Treppenhaus in den Flur abgebogen war, an dessen Ende die Tür zu meinem Apartment war, wurde mir schlagartig bewusst, was da ätzend und giftig auf mich zu waberte. Mein Leben stand in Flammen. Und wo Feuer ist, da ist auch Rauch. Der Rauch war nicht schwarz sondern ein weißer Nebel, der sich immer wieder lichtete. Ich spürte die Anwesenheit des Todes. Der Tot begegnete mir nicht als Hauch. Nicht der Hauch des Todes wehte mich an. Der Tot quoll mir als zähflüssige Masse entgegen. Ich kann es nur so verstehen, dass der Tot das Öl für das Feuer spendete, das der Anzünder, der Brandbeschleuniger und die Nahrung des Feuers war. Der Tot wollte mich nicht, noch nicht holen. Das spürte ich deutlich. Und aus diesem Grund würde ich irgendwie überleben aber als und in einer Ruine.

Zurück konnte ich nicht. Es war wie in der Geschichte mit der Maus, die einen Gang entlang läuft, an dessen Ende eine Mausefalle steht. Als sie erschreckt feststellt, dass sie nicht nach rechts oder links ausweichen kann, ruft die Katze am anderen Ende des Ganges: „Du musst doch bloß die Richtung ändern!“ Ich änderte die Richtung nicht und ging auf die Tür meiner Wohnung zu. Sie stand sperrangelweit offen. Zugemacht hatte ich sie, als ich die Wohnung verlassen hatte. Aber ich hatte sie nicht abgeschlossen. So hatte ich es immer gemacht, wenn ich im Haus unterwegs war. Ich rief mich zur Ruhe, um mich dem, was da vor sich ging, so gut wie möglich zu stellen. Und ich schaffte es zumindest äußerlich vollkommen ruhig zu bleiben.

Aufmerksam und langsam, um die Situation mit allen Sinnen gründlich auszuloten aber doch beherzt, betrat ich mein Apartment und ging auf die Wohnzimmertür zu. Ich blieb im Türrahmen meines Wohnzimmers stehen und schaltete die Deckenbeleuchtung aus. Das machte ich mit links. So wurde der Raum mit einem Mal nur noch von dem silbernen Licht des Vollmonds erhellt. Und die Wirkung des einfachen Handgriffs war, um endlich wieder einmal ein Fremdwort zu gebrauchen, frappierend. Es war als ob ich nicht nur das Licht gelöscht hätte sondern auch das Feuer, das begonnen hatte, mein Leben zu verzehren. Denn plötzlich bewegte sich nichts und niemand mehr, wo zuvor die schwüle Betriebsamkeit von Zerstörung, Neid, Missgunst und Belastungseifer gewütet hatte. Und während ich jetzt darüber schreibe, fallen mir Zeilen aus dem Lied guter Mond, du gehst so stille ein. Da heißt es in der ersten Strophe: „Guter Mond, du gehst so stille in den Abendwolken hin. Labest nach des Tages Schwüle durch deinen freundlich lichten Sinn. Mild und freundlich schaust du nieder von dem blauen Himmelszelt. Und es klingen deine Lieder weit hinauf zum Herrn der Welt.“ Und die Melodie des Liedes tut mir jetzt, da ich sie in meinem inneren Ohr deutlich vernehmen kann, so gut mit ihrer schlichten Schönheit, und weil sie mir seit Kindertagen vertraut ist. Meine Mamita hat mir das Lied oft vorgesungen. Und man behält die Melodie und den Text eines Liedes, das man als Kind hört, nicht nur, weil sie schön oder sogar zauberhaft sind, sondern weil man spürt, wie wandelbar die Bedeutung einer Melodie ist, und dass man irgendwann den Text genau versteht und genau begreift, worum es geht.

So sah ich erst eine Zeit lang einfach nur zum Fenster, durch das das Licht des Mondes das Zimmer erleuchtete. Als ich meinen Blick etwas zur linken Seite wandte, sah ich endlich mein Krafttier wieder. Salvadora saß am Ende des Sofas und sah zum Mond hinauf. Und ich sah, wie sie sich labte, Kraft tankte, nachdem sie in den letzten Tagen und Wochen alle Pfoten voll damit zu tun gehabt hatte, meine Feinde, zum Beispiel diesen Siegbert von Säbelschaft so gut wie möglich in Schach zu halten. Als ich sie am Freitag das letzte Mal bewusst wahrgenommen hatte, das war auch am Abend gewesen. Sie hatte auf dem Gehweg vor dem Haus gestanden, war mir aufgefallen, dass das zitringelbe Leuchten in ihren Augen auffallend blasser war als sonst. Unsere Krafttiere sind nicht so sehr an Orte und Zeit gebunden wie wir. Aber auch sie können nicht machen, was sie wollen. Und sie können nicht überall gleichzeitig sein, um zu helfen.

Ich mag nicht nur Fremdworte. Es dürfen auch schöne, altmodische Worte sein, wenn sie zutreffen. Und auf mich traf am Samstagabend zu, dass ich mich am Licht des Vollmonds labte, wie es in der ersten Strophe von guter Mond, du gehst so stille, heißt. Das klare, silberne Licht spendete mir Kraft. Und so wie sich das Licht über alles, was in meinem Wohnzimmer war, über mich und meine Augen ergoß, erfrischte und reinigte es mich als Lichtquelle im besten Sinn. Während ich so dastand und in den Himmel sah, war mir klar, dass mir nur eine kurze Pause vergönnt sein würde. Es war etwas passiert, dass mir keine Ruhe lassen würde.

„Guter Mond, du gehst so stille
durch die Abendwolken hin.
Bist so ruhig,
und ich fühle,
dass ich ohne Ruhe bin.
Traurig folgen meine Blicke
deiner stillen, heitren Bahn.
Oh, wie hart ist mein Geschicke,
dass ich dir nicht folgen kann.“

Auch an dieser Stelle passt der Liedtext wieder wie angegossen. Denn als sich die Traurigkeit darüber, dass ich mich dem Zauber des Mondlichts nicht lange und nicht vollkommen hingeben konnte, in mir auszubreiten begann, wandte ich meinen Blick vom Fenster ab und sah auf meine Kleine Standuhr, die neben dem Radio auf meiner Kommode aus Kirschbaumholz stand.

Offiziell war es fünf vor sieben. Für mich war es mindestens fünf vor zwölf. Das war klar. Und so wie am Samstagabend leuchtet es mir auch jetzt immer noch ein, wie wichtig es war, diese Zeitverschiebung zu erkennen und zu akzeptieren. Es war höchste Zeit die Situation genau zu prüfen.

Ich ließ meinen Blick zu meinem Wohnzimmerschrank schweifen und musste feststellen, dass einige Dinge fehlten oder nicht mehr an ihrem Platz waren. An der linken Seite des Schrankes hatte ich mein selbstgenähtes Kleid aus blauer Viskose auf einen Bügel gehängt, nachdem ich es am Samstag gegen Mittag gebügelt hatte. Es war verschwunden und zwar mitsamt dem Kleiderbügel. Die dazu passende Handtasche hing allerdings noch am Knauf der linken Schranktür, wo ich sie hingehängt hatte. Auch die Statue einer afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin, die Siegbert von Säbelschaft Anfang Januar angeschleppt hatte, war nicht mehr an ihrem Platz auf dem Schrank. Ich hatte das schwere Teil nicht haben und längst entsorgen wollen. Aber wie entsorgt man Fruchtbarkeitsgöttinnen, von denen man nicht mal weiß aus welchem Material sie sind? Ich hätte sie wohl am Besten meiner Kollegin Claudia gegeben. Die steht auf solche Sachen. Das Fehlen der Sachen war nur scheinbar beiläufig geschehen und von geringer Bedeutung. Das war im Mondlicht klar zu erkennen. Und jetzt kann ich sagen, dass ich das so klar nur im Mondlicht erkennen konnte. Im Schein einer Lampe oder der Sonne wäre ich nicht im Stande gewesen, das, was ich sah einfach nur festzustellen und hinzunehmen, um es später nach und nach zu begreifen. Im Schein des Vollmonds leuchtete mir ein, dass ich alles genau genug erkannte, und wie überflüssig es war, das, was ich klar und deutlich wahrnahm, sofort in allen Einzelheiten zu entschlüsseln. Mir blieb die Zeit nicht dafür. Inzwischen ist es ein ausgewachsener Trost zu wissen, wie sehr mir jedes Detail einleuchtete, sodass ich es mir klar und deutlich vor Augen führen kann, um seine Bedeutung immer wieder neu entschlüsseln zu können.

Schließlich wandte ich meine Aufmerksamkeit den Leuten zu, die wie angewurzelt in meinem Wohnzimmer herum standen. Zwei Polizisten waren da, ein Mann und eine Frau, beide Mitte dreißig, er aschblond und ungefähr 1.75 M groß, sie brünett und fünf oder sechs Zentimeter kleiner als er. Meine Chefin Frau Wagenknecht und meine Nachbarin und Kollegin Claudia, die sich Claudette nennt, waren da und bewegten sich nicht von oder auf der Stelle. Selbst Claudettes Mundwerk stand Gott sei Dank still. Mich erstaunt noch immer wie natürlich dieser Stillstand der vier lebenden Menschen auf mich wirkte.

Vollkommen anders war es, als ich schließlich zu meinem Sofa hinüber sah, das vor dem Fenster stand. Und da lag er. Ich erkannte ihn sofort. Es war Siegbert von Säbelschaft. Ich wusste, dass er es war, obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte und den maßgeschneiderten Anzug, den er trug, noch nie an ihm gesehen hatte. Er lag Bäuchlings auf meinem Sofa. Seine Hände und Unterarme lagen unter seiner Brust. An seinen Händen hätte ich ihn ohnehin eher erkannt als an seinem Gesicht. Ich kann mir besser Hände als Gesichter merken. Einen Kerl, dem man zwei Monate lang zweimal in der Woche als Sexarbeiterin zur Verfügung gestanden hat, und der einem in jeder Minute, in der man mit ihm zu tun hat, nichts als Ärger bereitet hat, den erkennt man nicht nur zu Lebzeiten. Er lag da und bewegte sich nicht. Aber er bewegte sich anders nicht als die anderen Leute, die da waren. Er war tot. Das wusste ich, noch bevor ich seinen eingeschlagenen Hinterkopf gesehen hatte. Als ich schließlich auf seinen Hinterkopf sah, dachte ich: „Da wurde dreimal zugeschlagen mit dem Sockel der Fruchtbarkeitsgöttin!“ Woher ich das so genau wusste, und warum ich jetzt immer noch sicher bin, dass das stimmt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich vermute, aber, dass auch das mit dem Mondlicht, in das der Raum getaucht war, zu tun hat. Ein Hinweis darauf, dass stimmt, was mir eingefallen war, fand ich, als ich meinen Blick von seinem Kopf abwandte und auf den Boden sah. Da lag sie, die Fruchtbarkeitsgöttin aus Afrika. Das schwere buntbemalte Ding lag da und war mit Blut bespritzt.

Ich blickte zum Mond und zum Himmel hinauf. Ich hörte und spürte wie sein Blut zum Himmel schrie. Es war ein Klagelid, das vom Mond hinauf zum Herrn der Welt getragen wurde. Und wo eine Klage ist, da ist auch ein Richter. „Der Herr der Welt im Himmel wird nicht mein Richter. Im Himmel werde ich nicht dafür angeklagt. Auf der Welt wird man mich anklagen!“, dachte ich. Pure Verzweiflung ergriff Besitz von mir. Und auch dieses traurige Lied klang hell hinauf zum Herrn der Welt.

Noch einmal sah ich seinen eingeschlagenen Schädel an, an dem das Blut, das nicht aufhörte zum Himmel zu schreien, aber fast vollständig getrocknet war, klebte.

Wenn mir auch niemand auf der Welt glauben schenken wird, kann ich doch mit Bestimmtheit sagen, dass sein Tot nicht mein Werk ist. Wenn ich auch nicht beweisen können werde, was ich in der Zeit, in der Siegbert von Säbelschaft erschlagen wurde, getan habe, weiß ich doch selbst, dass ich ihn nicht erschlagen habe. Ich behaupte nicht, dass ich nicht töten kann. Man kann mich mit einigen Sachen zur Weißglut treiben, wütend machen und mich in die Wut der Verzweiflung stürzen. Unbändige Wut war am Werk gewesen, als von Säbelschaft kalt gemacht worden war. Doch so wie er da lag strotzten er und alles in seiner Nähe noch von der Feigheit, die die Hauptsache bei dieser Tat gewesen war. Und Feigheit ist überhaupt nicht meine Sache. Mindestens zweimal hatte mich der von Säbelschaft bis aufs Blut gereizt, sich umgedreht und sofort wurde mein Zorn heruntergefahren. Dazu musste ich gar nichts tun. Von kleinauf habe ich das Kämpfen gelernt. Und mir ist es in Fleisch und Blut übergegangen niemanden zu bekämpfen, der am Boden liegt und nicht aus dem Hinterhalt anzugreifen. Und die Zeit, in der dieses hinterhältige Arschloch mich überhaupt bis zur Weißglut hatte treiben können, war vorbei.

Es war an der Zeit mir meine eigene Geschichte klarzumachen, um bei Bedarf immer wieder auf sie zurückgreifen zu können. Und mir fiel Gott sei Dank ein, wie ich mir wichtige Sachen nicht hinter die Ohren sondern ein für alle Mal ins Gedächtnis schreiben kann. Ich bewegte meine linke Hand als würde ich aufschreiben, was ich dachte und gab mir damit die Möglichkeit, was ich schrieb in blauer Schrift vor mein inneres Auge zu führen. Diese Geschichte ist natürlich auch nicht in Stein gemeißelt. Doch ich werde sie so behalten, dass ich sie bei Bedarf abrufen kann, da ich sie sicherlich häufig brauchen werde, nicht, um offiziell brav Rede und Antwort zu stehen, sondern um vor mir selbst immer wieder Rechenschaft ablegen zu können, meinen Standpunkt zu wahren. Als ich mit meiner Geschichte fertig war, sah ich noch einmal zum Himmel. Dann knipste ich das Licht wieder an.

Und jetzt ist es an der Zeit die Kladde zuzuklappen und die Decke über den Kopf zuziehen. Denn es ist kurz nach zwei. Um zehn nach sechs ist schon wecken und die Lebendkontrolle. Und ungefähr vier Stunden Schlaf brauche ich.

Autor: Paula Grimm

Paula Grimm ist ein Pseudonym, das ich seit Februar 2011 für meine Prosatexte in Blogs und Büchern nutze. Der Vorname des Autorennamens war einer der Vornamen meiner Mutter. Und der Nachname war ihr Mädchenname. Ich bin Baujahr 1965, seit Geburt vollblind, ursprünglich Diplompädagogin von Beruf, seit 2008 Bloggerin und seit 2016 freie Autorin.

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