Neunzig Minuten Einsamkeit

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0004. Hohlburg, Freitag, 25. Februar 2000

Da es noch keine Reaktionen auf meine Gesuche und Briefe gibt, und da sich auch sonst nichts Neues getan hat, muss ich die Gelegenheit nutzen, um weiter über das zu schreiben, was sich am Samstagabend ereignete. Nur der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass Greta tatsächlich nach Hohlburg-Hacktal verlegt wurde.

Als hinter mir die Zellentür des Polizeipräsidiums zufiel und abgeschlossen wurde, wusste ich natürlich nicht, wie lange ich in diesem Dreckloch mit den vielen abgewatzten Stellen an den Wänden und auf dem Fußboden würde verbringen müssen. Während sich die Schritte der Beamten, die mich in die Zelle geführt hatten, entfernten, traf ich zwei Entscheidungen. Ich würde das Schlafen nach Möglichkeit vermeiden, damit ich nicht von irgendeinem Fremden aus dem Schlaf gerissen werden konnte, und ich beschloss, meine Zeit nicht damit zu verschwenden, die abgenutzten stellen in der Zelle genau zu betrachten oder zu zählen. Dass ich keine Mühe darauf verwendete, den Raum genau unter die Lupe zu nehmen, bedeutete selbstverständlich nicht, nicht genau genug über den Ort Bescheid zu wissen, um so gut wie möglich mit ihm vertraut zu werden. Immerhin ging ich in der Zelle hin und her, nahm Maß und erdete mich.

Was ich jetzt für mich nicht neu ordnen und klar machen würde, würde ich nie in Ordnung bringen und für mich klären können, obwohl oder gerade weil ich sehr viel Zeit haben würde. So viel war sehr schnell klar. Der Mondschein konnte mir dorrt und zu dieser Zeit nicht helfen. Aber ich konnte mir im übertragenen und daher im besten Sinn auf den Geist und damit auf den Grund der Dinge gehen, die für mich wichtig waren.

Die Zelle atmete unablässig eine tiefe Stille, die dafür verantwortlich zu sein schien, dass alles, was ich dachte und fühlte mit unterschiedlichen Schleien von Einsamkeit überzogen war, obwohl die Stille des Raums nicht so tief war, dass sie die Geräusche aus der Umgebung der Zelle aussperren konnte. Die Schleier wechselten ständig ihre Dichte, Beschaffenheit und Farbe. Ich spürte sie mehr auf der Haut als ich sie sah. Während der ganzen Zeit in der Zelle waren sie da, obwohl ich nicht wirklich allein war, jemand in der Nachbarzelle schrie und die Beamten im Flur und in den Nachbarräumen zu hören waren. Die Schleier aus Einsamkeit waren immer da, obwohl auch meine Gedanken und Gefühle nicht entvölkert waren sondern um Menschen kreisten. Wie gut, dass ich fortwährend ging. Damit konnte ich die Schleier, die sich um mich legten, nicht abstreifen. Nicht einmal vor den neuen, die sich um mich legen wollten, konnte ich davon laufen in dieser Zelle. Aber ich kam durch diese einsame Zeit und durch das Gewirr aus Fremdheit, Vertrautheit, Einsamkeit, Nähe, Distanz, die ich nicht genauer beschreiben kann und will. Wozu auch? Ich kam, was ich aber jetzt erst weiß, gut durch und brachte vieles in eine neue Ordnung und verschaffte mir über manches Klarheit.

Zunächst ließ ich mir durch den Kopf gehen, was ich zu Protokoll gegeben hatte. Ich hatte mir Wort für Wort gemerkt, wie ich die Ereignisse des Tages erlebt hatte, wie ich am Dienstag zuvor herausgefunden hatte, welches betrügerische System sich Siegbert von Säbelschaft ausgedacht hatte, um Nutten seiner Wahl nach Strich und Faden zu verarschen. Was er getan hat, ist so absurd, dass man es nicht glauben kann, wenn man es einfach nur hört. Aber ich kann es beweisen. Aus diesem Grund gab ich Nicole, die übrigens Wohlmacher mit Nachnamen heißt, den Schlüssel meines Schließfaches in der Raiffeisenbank, in dem seit Mittwoch die große, rote Ledermappe mit dem goldenen und dem schwarzen Notizblock liegt, die ich am Dienstag dem 15. Februar hatte mitgehen lassen.

In den eineinhalb Stunden Einsamkeit beschloss ich das, was ich zu Protokoll gegeben hatte, nicht einfach nur in meinem Gedächtnis abgespeichert zu lassen, sondern es bei allen Befragungen, die mir noch bevorstehen zu benutzen. Es ist mir gleichgültig, ob das wie Auswendig gelernt klingt. Auch das, was ich bei der erkennungsdienstlichen Erfassung inklusive Leibesvisitation erlebt hatte, ließ ich mir in Ruhe durch den Kopf gehen, während ich ohne Unterbrechung weiter durch die Zelle ging.

Die Frau, die mich erkennungsdienstlich untersuchte, war mir vom ersten Augenblick an unsympathisch. Und ich fand und finde auch jetzt nichts, was den negativen Eindruck, den sie auf mich machte, schmälern könnte. „Schmitz!“, fauchte sie, als ich in ihr Büro geführt wurde. Natürlich gab sie mir nicht die Hand und sah mich prüfend an, als ich den Raum betrat. Ihr Blick änderte sich, als hinter mir die Tür ins Schloss fiel. So wie sie mich schließlich an und zu mir aufsah, konnte ich nicht anders als zu glauben, dass sie eine Lesbe war, die gerade sexuell mächtig frustriert war. Frau Schmitz ist etwa 30 Jahre alt, hat schlecht blondiertes schulterlanges Haar und tiefblaue Augen. Immer, wenn sie eine der erforderlichen Untersuchungen beendet hatte, sah sie mir einen langen Moment tief in die Augen in der Hoffnung, ich würde in dem tiefen Blau ihrer Augen versinken. Das geschah aber nie. Sie nahm die Fingerabdrücke meiner rechten und dann meiner Linken Hand, sie fotografierte mich, tastete mich angezogen noch einmal ab und jedes Mal wandte sie sich schnell und frustriert der nächsten Aufgabe zu, nachdem sie mir tief in die Augen gesehen hatte.

Schließlich stand ich nackt vor ihr. Sie sah langsam an mir hoch und Gier funkelte in ihren Augen und ihr Gesicht lief rot an. Viele, Männer und Frauen gleichermaßen, macht der Anblick von großen leicht derben und Kapputten nackten Frauen an. Und nicht wenige fahren besonders auf dunkelhäutige, große Frauen mit „Gebrauchsspuren“ wie Narben oder kleineren Verwachsungen ab.

Das bedeutet natürlich nicht, dass sie zugeben, wie sehr sie solche Frauen, wie ich nun mal eine bin, sie anmachen. Da erntet man oft erst einmal nur beißenden Spott. „Da kann man doch wieder mal merken, wie dumm die Männer sind, dass sie für so ‚ne Schabracke so viel bezahlen im Aphrodite. Da arbeiten Sie doch als Nutte oder nicht?“, sagte sie, nachdem sie mich gründlich gemustert hatte.

„Machen Sie mal den Mund auf!“ Ich ging locker in die Knie, damit sie in meinen Mund leuchten konnte. Als sie wieder einen Schritt zurück tat, meinte ich: „Nicht nur die Kerle bezahlen gut und, wenn sie anständig sind, auch gern für meine körperlichen Macken, die in Wahrheit keine Macken sondern Spezialeffekte sind. Kein Freier und keine Kundin musste jemals mehr bezahlen, wenn er oder sie wegen der Spezialeffekte besonders scharf auf mich war, gleichgültig, in welcher Preisklasse ich gespielt habe. Doch, wer mein Gesamtpaket nicht mochte, bekam auch keinen Rabatt, weil ich es mir nicht gefallen lasse, wenn meine Arbeit, mein Engagement und mein Werkzeug, was mein Körper ja ist, herabgewürdigt werden, obwohl ich gut und engagiert meine Sexarbeit tue.“

Ruhig und fest sah ich sie an, während ich das sagte. Und tatsächlich bekam ihr Gesicht den Ausdruck wie ihn Kinder zeigen, wenn sie bei etwas Ungezogenem ertappt werden.

Sie untersuchte mein Arschloch und meine Scheide fand aber natürlich nichts darin. Sie tippte Notizen dazu in ihren Computer ein. Dann wandte sie sich mir wieder zu und begann meine Arme, Beine, meinen Bauch und meinen Rücken zu befühlen. Die Prüfung der Haut und Muskeln zählt bestimmt nicht zu den vorgeschriebenen Untersuchungen bei erkennungsdienstlichen Erfassungen. Die Enttäuschung wich aus ihrem Gesicht. Ihr schien zu gefallen, was sie sah und fühlte.

Frauen machen die Leibesvisitation bei Frauen, um zu vermeiden, dass sie angemacht werden. Aber eins steht für mich fest. Mit Frau Schmitz hat man, um mal Sprichworte zu gebrauchen, den Fuchs in den Hühnerstall gelassen oder den Bock zum Gärtner gemacht. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht die Erste und auch nicht die Letzte bin, die von ihr so anzüglich begrapscht wurde und wird.

„Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh!“, sang sie schließlich, bückte sich und begann die Begutachtung meiner Füße. Sie ließ sich viel Zeit dafür zuerst den rechten und dann auch den Linken Fuß anzusehen, zu streicheln und prüfend zu drücken. Immer wieder unterbrach sie ihr Tun und sah zu mir auf. Und sie war inzwischen offensichtlich richtig scharf. Ihre Berührungen waren mehr als unangenehm. Sie hatte sehr weiche Hände aber dennoch fühlte sich das Streicheln an wie schmirgeln. Und wenn sie meine Füße drückte, spürte ich Stiche auf meiner Haut. Plötzlich fühlte ich, dass Salvadora hinter mir stand. Mein Puma begann leise zu schnurren. Und die spürbare Anwesenheit meines Krafttiers beruhigte mich. So geriet ich nicht in Wut oder Verzweiflung. Als sie wieder einmal aufblickte, ließ ich meine geballte, linke Faust in Richtung ihres Gesichts vorschnellen, ohne es jedoch direkt zu berühren. So sah sie sich plötzlich mit der blauen Taube auf meinem Handrücken konfrontiert. Sie geriet vor Schreck ins Wanken. Aber sie fiel nicht um. Denn ich stand in Schrittstellung und konnte sie mit der rechten Hand packen und hoch ziehen, bis sie mir wieder in voller Größe gegenüber stand. In ihrem Gesicht waren immer noch Schrecken und Entsetzen zu sehen.

Schließlich gewann sie ihre Fassung wieder und zeigte auf meine linke Hand. „Woher hast du das denn?“ „Wir sind nicht perdu, Frau Schmitz! Das Tattoo hab’ ich seit dem 27. oder 28. Juli 1990. Das haben mir meine halben Cousins und ihr Kumpel beigebracht, nachdem sie mir KO-Tropfen verpasst hatten. Da hab’ ich auch die meisten Narben her, die Sie und viele Freier so geil finden.“ Während ich das sagte, wurde mir bewusst, dass sie die Taube um nichts in der Welt berührt hätte und ihr Anblick sie richtig abgeturnt hatte. „Dann werd’ ich mich jetzt mal wieder anziehen. Oder gibt es da noch was, was Sie von Berufswegen sehen müssen?“ Sie schüttelte enttäuscht den Kopf.

Ich weiß nicht warum, aber ich konnte mich nur sehr langsam anziehen. Wir ließen einander nicht aus den Augen. „Wie lange sind Sie schon ‚ne Hure?“ „Seit sechs Jahren. Und ich habe alles durch, Straßenstrich, Eskortservice, unterschiedliche Puffs. Ich bin vor nix und niemandem fies, das haben Sie gemerkt. Aber so was sollten Sie nicht ausnutzen!“ „Wer glaubt schon ‚ner Hure?“ Ich zog meine Jeans hoch und machte sie zu. „Wer glaubt schon ‚ner Hure?“, äffte ich sie nach und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Einer Hure wird man wahrscheinlich nicht glauben. Aber mehreren Huren und anderen weiblichen Häftlingen wird man nach und nach wahrscheinlich doch glauben!“ Frau Schmitz sah mich verständnislos an, während ich nach meinem selbstbestrickten Pullover griff und ihn mir überzog. „Was willst du damit sagen?“ „Frau Schmitz, wir sind immer noch nicht perdu und werden es auch nie sein. Aber die Sache ist eigentlich ganz einfach. Ich werde Sie mir merken. Und ich gehe davon aus, dass ich dafür verknackt werde, dass ich diesem Arschloch Siegbert von Säbelschaft den Schädel eingeschlagen habe soll, was ich zwar überhaupt nicht gemacht habe. Aber Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Dinge. Und wenn ich einfahre, dann werde ich bestimmt der einen oder anderen Frau begegnen, die Sie anmachen wollten oder angemacht haben. Und ich für mein Teil fahre voll auf Teamarbeit und Solidarität ab. Und wenn sich mehrere zusammen tun, sieht die Sache schon ganz anders aus!“

Als ich fertig angezogen war, ging Frau Schmitz zum Telefon und sagte irgend jemandem Bescheid, dass ich wieder abgeholt werden könnte. Und der Blick, den sie mir hinterher schleuderte, als ich den Raum verließ, sagte: „Na, wenn du meinst, kleine Nutte!“ „Wir sind nicht perdu, Frau Schmitz! Und ich bin überhaupt nicht klein und werde in dieser Sache bestimmt auch nicht allein bleiben und mich kleinzukriegen haben auch schon ganz andere versucht und nicht geschafft. Darauf können Sie Gift nehmen!“ Und ich bin mir inzwischen sicher, dass meine Entgegnung, die ich nur gedacht aber nicht ausgesprochen hatte, ihr entging, obwohl mir ihr Blick zuvor nicht entgangen war und mir das, was ich dachte bestimmt deutlich im Gesicht geschrieben stand. Und ich bin mir auch sicher, dass mein Widerspruch seine Wirkung haben wird und sich bewahrheiten wird, was ich gedacht habe.

Die Tragweite dessen, was bei der Leibesvisitation geschehen war und dem, was ich gedacht hatte, wurde mir aber erst vollends bewusst, als ich wie ein Tiger im Käfig durch die Zelle streifte. Als ich daran dachte, was ich beim Verlassen des Büros gedacht hatte, sah ich plötzlich eine andere Frau nackt vor Frau Schmitz stehen. Sie war noch dunkelhäutiger als ich, ungefähr 1.80 M groß. Ihr Haar war schwarz und gelockt. Obwohl ihre großen, dunklen Augen leuchteten und zeigten, dass sie eine sehr starke Persönlichkeit war, sah man auch, wie geschwächt sie zumindest vorübergehend war. Sie war bis auf die Knochen abgemagert und an Armen, Beinen und am Rücken waren Narben aber auch blaue Flecken und kleine offene Risse zu sehen. „Und du heißt Jule Schibulski und nicht Magdalena Lumbumba oder so?“, fragte Frau Schmitz in spöttischem Ton. „Ich bin Jule Schibulski aus Gelsenkirchen!“, antwortete die schwarze Frau mit ihrer tiefen, rauen Stimme und es klang so als ob sie mit jeder Silbe, die sie aussprach wieder etwas mehr Kraft gewinnen konnte. ich machte die Augen fest zu und hielt sie etwa eine halbe Minute geschlossen. Und es geschah, was meistens geschieht, wenn ich das so mache. In mir wurde es ganz still. Der Schleier der Einsamkeit schien sich zumindest etwas zu heben, und ich hörte endlich wieder einmal die Stimme von Oma Isabel in meinem Inneren Ohr. „Fee, es tut mir aufrichtig leid, dass wir uns jetzt erst wieder hören. Aber du weißt ja eigentlich, wie das ist. Nichts und niemand kann gegen alles helfen und immer hörbar, sichtbar oder spürbar zur Stelle sein. Vergiss nicht gut aufzupassen! Und nicht hadern und ungeduldig werden!“

Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich darüber war, dass sich der gute Geist meiner Großmutter endlich wieder an mich wendete. Und ihre freundliche Ansprache schaffte es so wie früher jeden Funken des Haders und der Rachsucht im Keim zu ersticken. Und obwohl der Schleier der Einsamkeit sich auch jetzt nicht vollends auflöste, löste sich zumindest das lähmende Gefühl der vergangenen Wochen auf, überhaupt nicht mehr zu wissen, was wichtig war und was nicht. Und ich kann nicht sagen, wie gut es mir tat, dass meine bewährte Technik, mir wichtige Dinge zu merken, endlich wieder funktionierte. Ich war nicht einfach nur erleichtert. Ich empfand ein richtiges Glücksgefühl, das kleine und doch große Glück der Fleißigen. Ich hatte mich offenbar erfolgreich in Geduld und Hoffnung geübt. Geduldig hatte ich darauf gehofft, dass mich meine guten Geister nicht verlassen hatten, und dass es nicht gut aber doch so gut wie möglich weitergehen würde.

Natürlich schreibe ich mir das, was ich mir merken will, nicht hinter die Ohren, wo ich es selbst ja überhaupt nicht lesen kann. ich Ging weiterhin in der Zelle hin und her. Meine linke Hand hielt ich als ob ich meine Stahlfeder führen würde. Und ich bewegte sie auch als ob ich tatsächlich schrieb. Und das, was ich schrieb, zeigte sich in blauer Schrift vor meinem geistigen Auge. „Jule Schibulski, wir machen der Schmitz die Hölle heiß! – Frau Schmitz, man trifft sich mindestens zweimal im Leben!“

Damit war das mit der Schmitz fürs Erste erledigt. Aber dann begann etwas anderes mich weiter umzutreiben, die Sache mit den Tropfen, die mir jemand in den Kaffee geschüttet hatte, ohne dass ich es bemerkt hatte. Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich auf diese Art vorübergehend ausgeschaltet wurde. Das erste Mal hatten mir meine halben Cousins am Abend des 27. Juli 1990 KO-Tropfen in die Cola geschüttet, während ich im Arbeitszimmer meines halben Onkels Edwin ein Telefongespräch geführt hatte.

Während ich am Samstagabend durch die Zelle in der Polizeiwache ging, fragte ich mich, ob ich nicht hätte aufmerksamer sein müssen, da ich doch wusste, dass ich viele Feinde hatte so wie damals in Tannhuysen, die mich nicht anders als mit so miesen Tricks ausschalten konnten. Aber wer kann seine Aufmerksamkeit immer und überall haben. Wer versucht immer auf der Hut zu sein für den wird die Angst vor der Vergiftung eine fixe Idee, mit der er sich selbst eine Falle stellt und sich der Vorsicht zum Trotz zum Opfer einer solchen Intrige macht. Niemand rechnet wohl damit, zweimal im Leben mit KO-Tropfen in ein schwarzes Loch gestoßen zu werden. Wäre eine Rechnung möglich, hätte ich die Chance gehabt, beim zweiten Mal auf Zeit und/oder Ort vorbereitet zu sein. Aber auf so etwas kann man nicht zählen oder rechnen. Das wurde mir klar, als ich mich noch einmal so genau wie möglich an den vergangenen Nachmittag erinnerte.

Wer will schon in ein schwarzes Loch fallen oder gestoßen werden? Und obwohl man nichts fühlen, denken oder tun kann ist das Loch, in das man gerät, wie die schwarzen Löcher im All, es frisst viel Energie, wenn man überlebt immerhin nicht die ganze Lebenskraft.

Mir wurde klar, dass ich beim ersten Mal fast doppelt so lange im schwarzen Loch gewesen war, und dass ich damals viel länger gebraucht hatte, so gut wie möglich zum mir zu kommen. Als ich versuchte die beiden Erlebnisse mit den Tropfen zu vergleichen, konnte ich mich nicht mehr genau an das erste Mal erinnern. Dazu hätte ich meine Tagebuchaufzeichnungen zur Hand nehmen müssen. Aber die Kladde, in die ich seiner Zeit geschrieben habe, liegt in meinem Sekretär in Tannnhuysen. Aber ich machte und mache mir keine Illusionen darüber, dass ich mich bald wieder ganz genau erinnern werde, wie es damals war. Was wirklich wichtig ist, ist natürlich nicht in Vergessenheit geraten. Beim ersten Mal hatte ich miterlebt, wie meine Mamita absichtlich überfahren worden war, obwohl ich nicht auf der Straße war, wo es passierte. Den Aufprall des Unfalls tat als ob er dasjenige war, was mich in das schwarze Loch stieß und war auch das, was mich scheinbar wieder aus dem Nichts spuckte. Beim zweiten Mal fiel ich einfach aus der Realität ohne eine Vision oder wie man es nennen soll, erleben zu müssen. Das machte es in gewisser Weise leichter. So hatte das Fallen weniger Wucht. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Langzeitwirkung stärker ist, dass mir mehr Lebensenergie entzogen wurde.

Und wenn ich zum dritten Mal auf diese Weise ausgeschaltet werden sollte, wird es wieder anders sein, weil es mich in einer anderen Situation treffen wird. Ob es andere Tropfen waren? Welche Absichten dahinter gesteckt hatten? Es ist unmöglich zu sagen, welche Bedeutung die Antworten auf diese Fragen haben, werde ich niemals finden. Also beschloss ich schon am Samstagabend nicht mehr nach diesen Dingen zu fragen.

Jetzt ist es wieder zwei Uhr nachts und Zeit für mich meine vier Stunden zu schlafen. Bevor ich mich dann morgen endlich mit dem, was ich mit Siegbert von Säbelschaft erlebt habe, und welchen absurden Plan er mit den Huren, von denen er sich bedienen ließ, verfolgte. Wie konnte er sich eigentlich nach alledem, was er mit mir erlebt hatte, so gemütlich auf mein Sofa legen und schlafen, sodass es ein Leichtes gewesen war, ihn mit der Statue dieser afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin zu erschlagen?

Autor: Paula Grimm

Paula Grimm ist ein Pseudonym, das ich seit Februar 2011 für meine Prosatexte in Blogs und Büchern nutze. Der Vorname des Autorennamens war einer der Vornamen meiner Mutter. Und der Nachname war ihr Mädchenname. Ich bin Baujahr 1965, seit Geburt vollblind, ursprünglich Diplompädagogin von Beruf, seit 2008 Bloggerin und seit 2016 freie Autorin.

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