Geschlagen mit einem Erschlagenen

0005. Hohlbufg, Samstag, 26. Februar 2000

Es ist immer noch keine Post für mich gekommen. Aber ich habe genug zu lesen. Und inzwischen habe ich einen großen Korb mit Wolle, sehr gute Strumpfwolle ist auch dabe, bekommen. Bei manchen Geschenken fragt man sich besser nicht, woher sie kommen. Jedenfalls hat mir Frau Finke den Korb nach dem Hofgang gegeben.

Aber nachdem schon ein Paar Strümpfe fertig sind und ich zwei Märchen aus tausendundeiner Nacht gelesen habe, ist es jetzt an der Zeit endlich über Siegbert von Säbelschaft zu schreiben. Mit diesem Kerl war ich zu seinen Lebzeiten geschlagen und jetzt, da er tot ist, bin ich erst recht mit ihm geschlagen und nicht nur, weil ich verdächtigt werde, diejenige zu sein, die ihn erschlagen hat. Wenn jemand, mit dem man nicht einfach nur regelmäßig zu tun hat, der einen wirklich was angeht, plötzlich verschwindet oder stirbt, dann ist das immer ein schlagendes Argument dafür, dass man sich mit ihm ganz neu zu befassen hat.

Siegbert von Säbelschaft schlug am 01. Oktober des vergangenen Jahres zum ersten Mal in der Bar des Aphrodite auf. Obwohl er keinen Lärm oder heftigen Luftzug verursachte, als er die Bar betrat, ist aufschlagen das passende Wort. Es gibt eben Menschen, deren Art es einfach ist, aufzuschlagen oder hereinzuplatzen, wenn sie einen Raum betreten. Das hat irgendwas mit dem Platz zu tun, den sie um sich brauchen, mit Verdrängung und Ausstrahlung. Aber natürlich wissen solche Menschen auch, wie sie diesen Effekt noch verstärken können. So war es selbstverständlich kein Zufall, dass Siegbert von Säbelschaft bereits um kurz nach sechs in die Bar kam. Auf diese Weise war sicher gestellt, dass noch nicht viel los war, sodass jeder, der die bar betrat, einfach auffallen musste.

Alle Anwesenden sahen ihn an, als er eintrat. Mein erster Eindruck war, dass er mit seinem blonden Haar, den leuchtend blauen Augen, seinem hellen Gesicht und der art, wie er sich bewegte, ein leuchtendes Beispiel für einen geborenen Blender war und wie gut er es vermochte die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wurde und die Beachtung, die ihm entgegen gebracht wurde, in sich aufzusaugen und sich damit im wahrsten Sinn des Wortes aufpumpen zu können. Schade, dass auf diese Art niemand platzen kann. Denn dann wäre einigen von uns viel erspart geblieben! „Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance!“, so heißt es doch. Aber, was heißt das schon? Denn auch für jeden weiteren Eindruck gibt es keine zweite Chance. Und so war es natürlich auch mit dem zweiten Eindruck, den ich von ihm hatte. Er sah sich in der Bar um. Und wie sein Blick neugierig durch den Raum schweifte, wurde das helle Strahlen, das von ihm ausging, immer wieder durch unterschiedliche dunkle Flecken unterbrochen, von denen man nicht sagen konnte, woher sie kamen, und die man nicht einmal ansatzweise beschreiben konnte. War er mir auf den ersten Eindruck unsympathisch gewesen und hatte mich das, was ich zuerst gesehen hatte, gewarnt, so stellte der zweite Eindruck mein Habachtprogramm auf die höchste Stufe ein.

Siegbert von Säbelschaft kam an die Theke und bestellte bei Sybille einen Bordeaux. Und mit dem Glas in der Hand ging er geradewegs auf den Tisch zu, an dem die Wagenknechts saßen. Das war kein gutes Zeichen. Denn es bedeutete, dass von Säbelschaft auf Empfehlung eines Freiers gekommen war, der den Besuchsservice in Anspruch nahm. Normalerweise bedienen die Huren im Aphrodite ihre Kunden in ihren Apartments. Seit Anfang 1999 räumen die Wagenknechts einigen Kunden jedoch das Recht ein, Frauen dorthin bestellen zu Dürfen, wo sie bedient werden wollen. Bislang geht das noch gut. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es Ärger mit den „freischaffenden Nutten“ geben wird.Außerdem haben die Wagenknechts kein gutes Händchen dafür, wem sie diesen Spezialservice gewähren. Zumindest die Chefin müsste es besser wissen und sich nicht nur auf eine Empfehlung von irgend jemandem verlassen. Sie war ja schließlich auch mal eine von uns. So empfehlen abartige Vögel eben nur andere abartige Vögel. Und der von Säbelschaft sollte sich als der abartigste Vogel von allen herausstellen.

Der dritte Eindruck, den ich von von Säbelschaft hatte, war seine Stimme bei der Bestellung gewesen. Es war die Stimme eines geborenen Intriganten und Verschwörers. Und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er sich zu den Wagenknechts an den Tisch setzte, nachdem er sie kurz begrüßt hatte. „Ich komme auf Empfehlung von Petrus von Pattberg!“, sagte er mit relativ leiser Stimme aber so nachdrücklich, dass es zumindest die meisten Anwesenden nicht überhören konnten, obwohl Musik im Hintergrund lief. Die Gespräche waren ohnehin verstummt, als er hereingekommen war. Beide Wagenknechts nickten ihm zu.

Bevor er weiter sprach, nahm er einen Schluck aus seinem Glas. „Ich brauche ein Täubchen, dass mich dreimal in der Woche in meiner Zweitwohnung besucht! Was absolut Zuverlässiges! Eine mit viel Erfahrung als Sexarbeiterin, die vor nix fies ist! Sie wissen schon, was ich meine!“ Das sagte er immer noch in diesem leisen und nachdrücklichen Ton. Dazu grinste er breit und unverschämt, was seinen jungenhaften und leuchtenden Zügen alles andere als gut zu Gesicht stand. „Um die Bezahlung müssen Sie sich selbstverständlich keine Sorgen machen. ich bin Notar und Anwalt für Wirtschaftsrecht mit eigener Kanzlei und Einkünften aus dem elterlichen Unternehmen.“ Nachdem er das gesagt hatte, flüsterte er den Wagenknechts irgendetwas zu, das nur sie verstehen konnten. Sybille beugte sich zu mir herüber und zischte mir zu: „Scheiße! Jetzt handelt der auch noch Sonderkonditionen aus wie sein Busenfreund, der von Pattberg!“ „Die, die der sich aussucht, muss nicht nur auf der Hut sein, was die Bezahlung betrifft. Der Typ ist ‚ne absolut linke Sau!“, erwiderte ich. Sybille und ich musterten von Säbelschaft noch einmal mit einem langen und skeptischen Blick, bei dem mir auch der teure Rucksack ins Auge fiel, den er mitgebracht hatte. „Früher hatten die Frauen auch in diesem Haus das letzte Wort, was die Freier betraf und die Securities hatten noch mehr Biss und waren richtig gut auf dem Posten!“, meinte Sybille und tiefes Bedauern stand in ihrem Gesicht geschrieben.

Weiter kamen wir nicht. Denn Siegbert von Säbelschaft war aufgestanden und hatte begonnen die Bar zu durchstreifen, um uns nacheinander prüfend anzusehen, welche von uns das Elend ereilen sollte, ihn zumindest in der nächsten Zeit dreimal in der Woche zu bedienen. Er hatte zwei Runden durch die Bar gedreht, als er sich plötzlich neben mich stellte und schmeichelnd fragte: „Guten Abend, wie heißt du denn meine Schöne?“ „Guten Abend Siegbert! Ich bin die Felicitas!“ Er schwang sich auf den leeren Barhocker, der neben meinem stand. Dabei gab er eine äußerst elegante Figur ab. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er sich meine Stimme anders vorgestellt hatte und überrascht war. Dass ich aber auch sehen konnte, das ihm gefiel, was erhörte, veranlasste mich aber nicht meinen Habachtmodus herunterzufahren. „Was magst du trinken, Felicitas?“ „Ein Altbier bitte!“ „Keinen Champagner oder Sekt?“ Ich schüttelte den Kopf. Und da er mich ungläubig ansah, schenkte ich ihm reinen Wein ein und sagte: „Für mich sind Campus und anderer Sekt nur Sprudelwasser mit Alkohol. Ich trinke das Zeug nur, wenn jemand drauf besteht. – Vollkommen überbewertet das Zeug!“ Siegbert grinste und ich konnte ihm ansehen, wie froh er darüber war, dass ich keinen Sekt wollte. „Ein Altbier und ‚nen Whisky!“, rief er Sybille zu.

Als die Getränke vor uns standen, begann er leutselig zu plaudern und mich dabei auszuhorchen. Er sagte, dass mich die Chefin wärmstens empfohlen hatte und wollte wissen, wie lange ich schon als Prostituierte und hier im Aphrodite arbeitete. Das war nichts Ungewöhnliches. aber mir fiel auf, wie ungeduldig er war, und dass ich ihn offensichtlich aus dem Konzept brachte. Es machte den Eindruck als ob er irgendeine festgelegte Vorgehensweise im Umgang mit Huren hatte, die er aber bei mir aus irgendeinem Grund nicht anwenden konnte.

Schließlich gab er die Bemühung wie ein „herkömmlicher“ Freier zu wirken, auf. Und dann wurde sein Verhalten richtig merkwürdig. Er setzte eine geschäftsmäßige Miene auf und erklärte mir in ebenfalls geschäftsmäßigen Ton, wie er weiter vorzugehen gedachte: „Mit uns wird das jetzt folgendermaßen weitergehen. Gleich gehen wir zu dir nach oben. Ich sehe mir immer die Behausungen der Sexarbeiterinnen an, die das Privileg haben für mich arbeiten zu dürfen. Das hat sich als die beste Art herausgestellt, sich über dich und deinesgleichen gründlich zu informieren. Erst, wenn ich gesehen habe, wie du lebst und drauf bist, gebe ich dir den Schlüssel für meine Zweitwohnung, wo du mich dienstags, donnerstags und samstags besuchen darfst und zwar immer um halb sechs. Ich hoffe, du kannst kochen. Denn nach dem Sex und einer kleinen Ruhepause habe ich Hunger und zwar nicht nur auf was zu essen sondern auch auf eine anständige Unterhaltung.“ „Wenn der Kühlschrank was für ‚ne gute Hausmannskost mit mediterranem Einschlag gefüllt ist, kommen wir diesbezüglich auch ins Geschäft.“ „Du gefällst mir immer besser!“, sagte er wieder in diesem ekelhaften schmeichelnden Ton. „Du mir nicht!“, dachte ich sagte aber natürlich nichts. „Da ist noch etwas, dass du wissen musst. Ich bin gegen manche Gummis und/oder Gleitzeug allergisch. aber ich habe immer die passenden Sachen im Haus. Und ich bestehe darauf, dass das genommen wird, was ich habe!“ „Kein Problem!“, erwiderte ich, obwohl mich ein ungutes Gefühl beschlich bei dem, wie er das, was er gesagt hatte, von sich gegeben hatte.

Man kann gegen alles allergisch sein. Und ich hatte mindestens noch zwei Kunden, die bezogen auf die Gummis auf einer bestimmten Marke bestanden. Aber irgendetwas stimmte da nicht. Doch nichts Genaues kann man nicht genau wissen, und weil das so ist, kann man oft auch nichts dagegen tun. Mir blieb nichts weiter übrig als aufmerksam zu sein.

Bei einem weiteren Glas Altbier und einem zweiten Whisky, den Siegbert trank, plauderten wir weiter. Und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich mit einer mir bis dahin unbekannten Art von Misstrauen prüfte. Nach und nach verschwand das Misstrauen. Und an seine stelle trat eine Neugier, die sich merkwürdig steril anfühlte, etwas wie einen professionellen Anstrich hatte als ob er ein Kaufmann, ein Warenprüfer oder ein Wissenschaftler wäre. Und ich begann mir immer mehr wie ein Versuchskaninchen vor. Aber auch das konnte ich nicht genau genug fassen, um mich dagegen wehren zu können.

Schließlich war auch sein Whisky leer. Und mehr für die Wagenknechts bestimmt als für mich sagte er: „Lass uns jetzt zu dir ‚raufgehen!“

Als wir gemeinsam die Bar verließen, schaffte ich es den Anschein zu erwecken, dass alles normal lief wie immer, dass ich mit einem gewöhnlichen Freier zu mir nach oben ging. Ich hatte schon, als Siegbert von Säbelschaft sich neben mich gesetzt hatte, beschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Irgendetwas in mir sagte mir, dass es schlimm werden würde, dass es aber schlimmer sein würde, wenn ich versuchen sollte, ihm auszuweichen und abzuweisen. Körperlich hatte ich nicht die geringste Angst vor ihm. Er mochte sich aufblasen wie er wollte. Er war ungefähr fünfzehn Zentimeter kleiner als ich, ein mickriges Würstchen. Und jetzt musste er erst einmal in die Höhle der Löwin. Das hatte er selbst gewollt. Dann sollte er es auch haben. ASchließlich standen wir vor meiner Wohnungstür, und ich musste einen Augenblick innealten. Denn eine mir unmbekannte Stimme sagte: „Felicitas, du musst es mit ihm aufnehmen. Wenn du das nicht machst, wird es noch viel schlimmer!“ Und unwillkürlich musste ich daran denken, wie mein halber Onkel Edwin früher immer von mir als der Frau für das Grobe und den Storch im Salat geredet hatte. – „Also auf in den Kampf!“

Als ich die Wohnungstür hinter mir schloss, begann von Säbelschaft durch die Zimmer zu schleichen. Bei seinem ersten Rundgang zeigte sich auf seinem Gesicht ein fast ängstlicher Ausdruck. Dann aber änderte sich seine Miene, obwohl er weiterhin übertrieben vorsichtig auftrat. Schließlich begnügte er sich nicht mehr damit herumzulaufen und sich skeptisch umzusehen. Er zog die Schubladen auf und sah hinein. Er öffnete die Türen der Schränke. Er sah sogar in den Kühlschrank und den Backofen. Und dabei sprach er ohne Unterbrechung halblaut mit sich selbst.

„Für so’ne große Frau reicht erstaunlich wenig Platz oder wie? So exotisch und doch so spießig, nicht zu glauben. Nach außen voll die kalte Sophie und so’n warmes Ambiente, unglaublich.“ Und so redete er in einem fort, ohne dass zu hören war, ob ihm die Widersprüche gefielen oder gegen den Strich gingen.

Was macht man, wenn einen so eine Nervensäge heimsucht. Ich jedenfalls legte mich gemütlich auf mein rotes Sofa im Wohnzimmer und tat als ob mich sein Getue überhaupt nicht störte. Und ich bin mir sicher, dass er Mühe hatte, sich von meiner Gelassenheit nicht auf die Palme bringen zu lassen.

Schließlich ging er in die Küche, setzte sich an den Tisch und seufzte: „Jede Andere hätte mir ‚ne Szene gemacht!“ Ich sagte nichts, stand auf und ging ebenfalls in die Küche. „Was ist los mit dir, warum regst du dich nicht auf?“ „Ich reg‘ mich nur sehr selten auf!“, erwiderte ich und sah ihm mit einem prüfenden Blick in die Augen. Heute würde er keinen Sex haben wollen. So viel stand fest. „Kaffee?“ „Wenn’s einer ist, der Tote aufwecken kann, dann ja!“ „Woher soll ich das wissen, ob er das kann. Hab noch keinen Toten hier zu Besuch gehabt, dem ich meinen Kaffee hätte anbieten können!“ Ich grinste, obwohl mir nicht danach zu Mute war, denn ich spürte plötzlich, wie ein kalter Hauch vom Wohnzimmer her in meinen Rücken zog, bis zum Nacken hinauf kroch, wo er so lange saß, bis ich mich in Richtung Kaffeemaschine in Bewegung setzte.

Als ich die Kaffeemaschine anschaltete, sah von Säbelschaft auf seine Armbanduhr und jammerte: „ich hab’ auch Hunger. Krieg’ ich denn hier nichts zu essen?“ „Vom Mittagessen mit Sybille sind noch Kartoffeln da. Wie wär’s denn mit Bratkartoffeln und Rührei?“ „Gibt’s auch den Schafskäse dazu?“ „Der ist für morgen Mittag!“ Ich dachte nicht im Traum daran, ihm eines meiner Lieblingsgerichte aus Kindertagen, Bratkartoffeln, mit Tomate, Rührei und Schafskäse, wie es meine Mamita gemacht hatte, in den gierigen Schlund zu werfen und schon gar nicht in meiner eigenen Wohnung. Zunächst saß er mit beleidigter Miene da. Doch als ich mich ihm gegenüber hinsetzte, um Zwiebeln, Kartoffeln und Tomaten zu schneiden, sah er mich streng an und meinte: „Du bist scheiße frech und unverschämt! Eigentlich müsste man dich erst mal nach Strich und Faden verwimsen!“ Ich hielt seinem Blick stand und gab zurück: „Danke gleichfalls! aber bei dir wird’s wohl nicht mehr helfen, dir den Arsch zu versohlen. Deine Mutter hat dir wohl gar keine Manieren beigebracht, Adel hin oder her!“
Von Säbelschaft zuckte zusammen fing sich aber schnell wieder. Er beobachtete fasziniert, wie ich die Lebensmittel schnitt. Schließlich meinte er mit übertrieben versöhnlichem Ton in der Stimme: „Flink und präzise wie ‚ne Meisterköchin!“

Ich stand auf, gab etwas Fett in die Pfanne und stellte den Herd an. Der Kaffee war fertig, und ich schenkte uns meinen Spezialkaffee aus, von dem ich immerhin wusste, dass er Untote nach durchzechter Nacht oder nach Überarbeitung aufwecken konnte.

„Eins muss ich dir sagen, Felicitas! In manchen Dingen hast du wirklich keine Spur von Kultur. Kaffee in Sammeltassen mit Hundemotiven, das ist wirklich das Letzte!“ Nichts desto trotz nahm er einen großen Schluck aus seiner Tasse und Für einen winzigen Augenblick war ein genießerischer Ausdruck in seinem hellen Gesicht zu sehen. „Naja, ganz ordentlich!“, meinte er schließlich und auf seinem Gesicht war wieder ein sehr skeptischer Ausdruck zu sehen.

Endlich war auch das Essen fertig. Ich gab ihm eine große Portion aus der Pfanne und stellte ihm den Teller hin. Er wartete nicht, bis ich zum Herd gegangen, mir den kläglichen Rest auf einen Teller getan hatte und zum Tisch zurückgekommen war, um eine Kleinigkeit mitzuessen. Als ich ihm wieder gegenüber saß, funkelte Gier in seinen Augen. Und es war klar, dass sich diese nicht nur auf das Essen bezog. „ErzÄhl mir was von dir. Wo kommst du her? Wie lange und warum bist du schon Hure?“

Ich zog die Tischschublade auf und holte das Foto, das Lola im August 1990 am Strand von Katalonien von mir gemacht hat, und von dem ich mehrere Abzüge an verschiedenen Stellen meiner Wohnung liegen hatte, als handfeste Erinnerung an eine der besseren Zeiten. Ich hielt es Siegbert hin. „Was glaubst du, wie alt ich da bin?“, fragte ich ihn. Er zuckte mit den Achseln. „Ich hab’ keinen Bock auf Ratespielchen!“, gab er unwillig und genervt zur Antwort.

„Das ist im August 1990 gemacht worden und zwar von meiner Freundin Lola. Ich war zwölf. Sie hat mich mitgenommen nach Katalonien und später nach Mallorca. Ich musste weg von da, wo ich herkomme. Meine Mamita war Ende Juli überfahren worden. Und bei meinen Verwandten, meiner Geschichte und bei einigen anderen Sachen konnte ich nicht bleiben. Zuerst habe ich als Dienstmädchen in einem großen Hotel gearbeitet. Falsche Papiere hatte ich ja. Das war eine gute Zeit. Ich konnte für mich sorgen, kannte tolle Frauen auf der Straße und wurde nicht von meiner Verwandtschaft oder sonst jemandem genervt oder unterdrückt und verachtet. Ende 1994 wurde Lola schwer krank. Sie war natürlich nicht versichert. Also musste Geld her! Damit Lola eine gute Krebsbehandlung in ‚ner Spezialklinik in Barcelona bekommen konnte, hab‘ ich dann angefangen anschaffen zu gehen!“

„Da hast du dich im wahrsten Sinn des Wortes ganz schön krumm gelegt und das für ‚ne alte, abgewrackte Nutte!“, sagte von Säbelschaft und schickte seinen unverschämten Worten Noch ein kurzes, fettes Ziegenlachen hinterher, das ich in den nächsten Monaten noch häufiger zu hören bekommen sollte. Wenn ihm nichts mehr einfiel, oder wenn er sich nicht mehr zu helfen und zu wehren wusste, schlug Siegbert von Säbelschaft oft mit Spott um sich. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass er mich auch nur ein einziges Mal voll getroffen hat. Mancher dieser Schläge streifte mich zwar aber die meisten gingen an mir vorbei wenn auch nur knapp. Diesmal ging der Schlag so weit ins Aus, dass es mir überhaupt nicht schwer fiel nicht zu reagieren.

„Lola ist nach eineinhalbJahren gestorben. Sie war eine Kämpfernatur und hat sich tapfer geschlagen. Und immerhin konnte sie friedlich sterben! Ende 1996 bin ich wieder nach Deutschland zurückgekommen. Und seit März 1998 arbeite ich hier im Aphrodite!“
„Was ist mit deinem Vater?“
„Ich bin das Produkt einer Vergewaltigung. Mein Erzeuger zog es vor sich mit einer Maske als Täubchen zu tarnen und hat das Glück der Doofen, dass ich genauso aussehe wie meine Mamita und Abuella Isabel. Ansonsten wäre er wohl enttarnt worden. Mehr gibt es über das Arschloch nicht zusagen!“

Meine Worte müssen sehr hart und entschlossen geklungen haben, denn von Säbelschaft sah plötzlich aus wie ein Huhn, wenn es donnert. aber ich setzte nach. „Mehr werde ich dir nicht von mir erzählen und vor allem über meinen Erzeuger werde ich kein weiteres Wort mehr verlieren! Ist das klar?“ Siegbert nickte halbherzig. Aber ich wusste, dass er immer wieder versuchen würde, meiner vollkommen habhaft zu werden, auch über meine Lebensgeschichte.

„Hast du eigentlich einen Künstlernamen?“, fragte er nach einer kurzen Pause. „Nein, eigentlich nicht! Und nenn’ mich bloß nicht Lici! Denk dran, es hat schon Männer gegeben, die Kurtisanen verärgert haben und als Eunuchen ihr Leben beenden mussten!“ Es gelang mir tatsächlich einen scherzhaften Ton der ganz derben Sorte anzuschlagen. Aber ich sah Siegberts Gesicht doch an, dass wenigstens diese Botschaft bei ihm angekommen war. und tatsächlich hat er es nie gewagt, Lici zu mir zu sagen.

Schließlich stand ich auf und räumte das Geschirr in das Spülbecken. Danach ging ich ins Wohnzimmer, griff in mein Bücherregal, nahm Vita brevis von Jostein Garder heraus und hielt es von Säbelschaft hin, der mir gefolgt war und hinter mir stand. „Wenn du willst und es dir nichts ausmacht, einen „gebrauchten Spitznamen“ zu benutzen. Dann nenne mich Floria wie die angebliche Exgeliebte des Augustinus in diesem Buch heißt!“

Von Säbelschaft schlug das Buch auf. „Da ist noch nicht mal ‚ne Widmung drin. Von wem hast du das?“ „Von meinem besten Kunden und Freund. Der heißt Leo!“ „Der Name ist besser für dich als der Offizielle. Das musst du nicht verstehen. Das ist einfach so! Also Floria, da gibt es noch eine Sache, die du wissen musst. Ich bestehe darauf, dass du eher in meiner Zweitwohnung aufschlägst als ich, damit du das Ambiente so herrichten kannst, wie ich es will. Der entsprechende Zettel wird immer am Kühlschrank hängen, klar?“ „Ist gebongt!“

In diesem Augenblick klingelte das Haustelefon. Ich sah auf die Uhr. Es war genau neun Uhr. Ich spürte, dass von Säbelschaft mit den Hufen scharrte und gehen wollte. „Tschüss dann!“, sagte ich und ging ans Telefon in der Küche. Sybille war am Apparat und erinnerte mich an meinen Nächsten Termin um viertel nach neun.

Als ich nach dem Telefonat ins Wohnzimmer zurückkam, war von Säbelschaft verschwunden. Vita Brevis lag auf dem Tisch. Und als ich mich umsah, entdeckte ich die Statue der afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin, die von Säbelschaft auf den Schrank gestellt hatte. Ich hatte ihm keine Beachtung geschenkt, dem Rucksack, den von Säbelschaft bei sich gehabt hatte, aber jetzt wusste ich, wozu er ihn gebraucht hatte. Und jetzt wusste ich auch, dass er mich wirklich als seine Sexarbeiterin bestellt hatte.

Ich Setzte mich auf mein Sofa und sah zur Wohnzimmertür. Ich sah und spürte dort den Geist einer Frau stehen, die einfach dastand und mich mit demselben skeptischen Blick musterte wie Siegbert von Säbelschaft es so häufig tat. Und der Blick war wohl nicht der einzige Grund, warum ich wusste, dass da seine Großmutter stand, obwohl sie sich als sehr junge Frau zeigte. „Freiherrin Ernestine, Franziska, Gertrudes, Hildegunde von Säbelschaft geborene von Kollenberg!“, sagte sie grußlos. „Und was wollen Sie?“ „Ich warne dich! Sei zu meinem Sohn, wie er es will und tu ihm auf keinen Fall irgendetwas an. Denn ich bin auch noch da!“ Und sie war nicht allein. Aber ich merkte auch, dass sie sich nicht näher an mich heranwagte. Auch ich war nicht allein. Der gute Geist von Oma Isabel hielt sie so gut in Schach wie es möglich war. Und sie würde in ihren Bemühungen nicht nachlassen.

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Autor: Paula Grimm

Paula Grimm ist ein Pseudonym, das ich seit Februar 2011 für meine Prosatexte in Blogs und Büchern nutze. Der Vorname des Autorennamens war einer der Vornamen meiner Mutter. Und der Nachname war ihr Mädchenname. Ich bin Baujahr 1965, seit Geburt vollblind, ursprünglich Diplompädagogin von Beruf, seit 2008 Bloggerin und seit 2016 freie Autorin.

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