Herzlich willkommen bei diesem Projekt- und Selbstversuch!

Guten Tag Ihr Lieben,

 

mein offizieller Name tut hier nichts zur Sache. Als Autorin bin ich die Paula Grimm, die hoffnungslos prosaisch durch Buchwelten und das Web streift. Und in diesem Webprojekt geht es um meine Buchreihe Felicitas. Was bereits im Online- und Präsenzbuchhandel verfügbar ist, findet ihr auf der Seite Buchhandlung in diesem Blog.

 

Das Felicitasprojekt, die Geschichte von Felicitas Haechmanns, ist als Romanserie angelegt. Der erste Band mit dem Untertitel die ersten sieben Leben eines Pumas erschien als Ebook, Taschenbuch und Audiobook im Frühjahr 2017. Bei diesem Blogprojekt könnt ihr mir virtuell bei der Arbeit daran, wie es mit Felicitas weiter geht, über die Schulter schauen, zumindest in gewisser Weise. Und ihr dürft nicht nur zuschauen. Ich wünsche mir ausdrücklich, dass ihr auch „euren Senf“ dazu gebt. Wozu haben Blogs denn sonst eine Kommentarfunktion?

 

Lesen und mitdiskutieren Est in diesem Blog selbstverständlich kostenlos. Alles, was hier eingestellt wird, wird irgendwann ein Buch werden. Auf das Endergebnis, das in verschiedenen Buchformaten veröffentlicht werdenwird, könnt ihr gespannt sein. Denn den „Feinschliff“ mache ich ganz allein. Aus diesem Grund bleiben die Kapitel, die ich hier einstelle, so lange hier, bis das Buch fertig ist. Und ich behalte mir vor, Anregungen, die ich von euch bekomme, erst in die Endbearbeitung einzufügen. So wird es am Ende noch manche Überraschung geben, da bin ich mir sicher! Und obwohl die Entwicklung dieser einzelnen Projekte sehr spannend ist, wird es nach dem Ende eines jeden Teils alles auf Anfang gestellt. Sonst wird es einfach zu viel.

 

Ich freue mich auf euch, eure Leseeindrücke, Fragen und Ideen!

 

Liebe Grüße

 

Paula Grimm

 

P. S.: Hintergrundwissen zur Lebenswelt von Felicitas und interessante Dinge, die nicht in die Bücher passen, findet ihr in der Kategorie Viva Felicitas! dieses Blogs. Viel Freude auch damit! 🙂 Und wundert euch nicht über die Datierung der eingestellten Beiträge. Ich habe das Enddatum des jeweiligen Tagebuchs genommen und gehe rückwärts, damit die Geschichte in der chronologischen Reihenfolge gelesen werden kann.

Felicitas – Wie alles begann

Guten Tag Ihr Lieben,

 

hier kommt eine Kurzvorstellung von Felicitas. Wer sich für interessante Aspekte aus Felicitas‘ Lebenswelt und das interessiert, was in den Büchern keinen Platz gefunden hat, wird unter http://www.felicitasblogblog.wordpress.com fündig. Um euch einen kleinen Eindruck von Felicitas Haechmanns zu geben, habe ich in diesem Artikel einfach den Klappentext und die Daten des ersten Bandes eingestellt.

Titel: Felicitas

Untertitel: Die erstensieben Leben eines Pumas

Klappentext

Im Juli des Jahres 2012 kauft die Journalistin und Autorin Tamara Sänft ein Haus in Tannhuysen am Niederrhein. Dort findet sie das Tagebuch von Felicitas Haechmanns aus dem Jahr 1990. Direkt nachdem Tamara die Kladde ergriffen hat, spürt sie die magische Anziehungskraft, die von diesem Band ausgeht, noch bevor sie ein Wort gelesen hat. Als sie das Buch fasziniert in der Hand hält, erscheinen Felicitas’ und ihr Krafttier, ein Pumaweibchen, um Tamara davor zu warnen dieser Geschichte habhaft werden zu wollen. Sie ignoriert diese Zeichen. Und die beiden Zeitungsartikel, die sie in der Kladde findet, spornen sie an, diese Geschichte abzuschreiben und unter dem eigenen Namen als Roman zu veröffentlichen. Denn diese beiden Ausschnitte scheinen einfach nur ein Garant für eine spannende Geschichte zu sein: „Brutale Vergewaltigung an der Bushaltestelle Jungfernweg

Wie die örtliche Kriminalpolizei mitteilt, wurde am Mittwoch dem 16. März gegen 19.10 Uhr die siebzehnjährige Friseurin Terese Haechmanns an der Bushaltestelle Jungfernweg in Tannhuysen brutal überfallen und vergewaltigt. Sie wurde, nachdem sie an der Bushaltestelle ausgestiegen war, von drei Männern mit Vogelmasken überfallen und zumindest von einem der Männer hinter dem Bushäuschen vergewaltigt. Der Mann trug eine Taubenmaske. Seine beiden Helfershelfer sollen eine Papageien- und eine Spatzenmaske getragen haben. Das erklärten die Geschädigte und Richard Bongartz, der zufällig mit dem Fahrrad am Tatort vorbei kam, und dem es zumindest gelang die Täter in die Flucht zu schlagen. Bislang konnten die Täter nicht ermittelt werden.

Tannhuysener Gemeindeblatt: . 1978 1. Kalenderwoche

Wir sind glücklich über die Geburt von Felicitas Haechmanns, geboren am 28.12.1977 um 19.28 Uhr in Tannhuysen. Herzlich willkommen, Fee! Terese, Isabel und Heinrich Haechmanns.“

Tamara Sänft bekommt durch Felicitas’ Aufzeichnungen und durch die Verwicklungen der Ereignisse aus der Vergangenheit mit ihrem Leben tatsächlich eine überaus spannende Geschichte, die die Geheimnisse aus den Jahren 1977 bis 1990 enthüllen. Aber sie wird dieser Geschichte und Felicitas Haechmanns nicht Herr, wie sie es geplant hat. So muss sie unter anderem einsehen, dass ihr Mann, Sigmund Sänft, mehr als ein dunkles Geheimnis hat.

Ebook:

Preis: 3,99 €

Link zum Ebook bei Xinxii:: http://www.xinxii.com/felicitas-p-375280.html

ISBN: 9783961426003

Hörbuch:

http://www.xinxii.com/felicitas-p-375730.html.

ISBN: 9783961457185

Taschenbuch

Preis: 15,49

Link zum Taschenbuch bei Epubli:

http://www.epubli.de/shop/buch/Felicitas-Paula-Grimm-9783745085457/63672

In der Buchhandlung deines Vertrauens

ISBN: 9783745085457.

 

Übrigens, ist Tannhuysen eine Erfindung von mir. Haechmanns ist ein recht geläufiger Familienname am Niederrhein. Also ist die Ähnlichkeit mit lebenden Personen rein zufällig. Ich wünsche euch eine gute Zeit mit Felicitas!

 

Liebe Grüße

 

Paula Grimm

Etwas Blaues braucht die Fee

Holt, Sonntag, 01. September 2013

Alle Augen warten auf mich. Und der Anblick, den ich biete, während ich von meinem Auto aus auf das Hauptportal von St. Marien zufahre, gibt ihrer Neugier mehr als genug Speise, damit sie nicht zum ersten Mal so richtig gemästet wird. Dass ich Aufsehen errege, liegt nicht daran, dass ich in meinem Aokshopper sitzend auf sie zu komme, und dass das für die Leute ein noch ungewohnter Anblick ist, obwohl ich seit dem 16. November 2012 wieder in der Gegend bin. Hier und in Tannhuysen, wo ich am 28. Dezember 1977 geboren wurde, habe ich immer Aufsehen erregt, wenn ich draußen, in einer der Kirchen, im Kindergarten oder in der Schule war. So wie früher will ich kein Aufsehen erregen. Doch obwohl ich es nicht anders kenne, als dass mich die meisten Menschen in dieser Gegend neugierig anstarren, habe ich mich nie so richtig daran gewöhnt. Es heißt: „Man kann sich an alles gewöhnen!“ Hat man wirklich Lebenszeit genug, um sich an alles zu gewöhnen? – Wohl kaum! Und das ist wahrscheinlich auch besser so. So hat sich, was das Aufsehen betrifft, einiges geändert, was ich wohl überhaupt nicht bemerken könnte, wenn ich mich an das Aufsehen, das ich errege, vollkommen gewöhnt hätte. Was sich vor allem geändert hat, bin ich. Das Ding, das die meisten Leute mit verächtlich zwischen den Zähnen gezückter Zunge „Lici“ genannt haben, gibt es nicht mehr. Ich bin Felicitas Haechmanns, 35 Jahre alt, lebe mit meinen drei Hunden in meinem Haus in Tannhuysen, habe eine Detektivlizenz und führe einen Blog, der Hundebesitzer berät und hoffentlich auch viel Freude bereitet.

Ich habe ungefähr die Hälfte der Strecke von meinem Auto bis zum Hauptportal der Kirche zurückgelegt, als die Glocken zu läuten beginnen. Es ist also zwölf Minuten vor drei. Denn Kirchenglocken dürfen offiziell zwölf Minuten lang Gläubige zum Gottesdienst oder zur Messe rufen. Und mich erfasst der Ruf der Glocken im wahrsten Sinn des Wortes. Ich höre den vollen Klang. Ihr Klang und ihre starke Schwingung erfassen meinen gesamten Körper. Und obwohl ich mich durch den Klang und die Schwingung fühle, als ob ich getragen werde, bleibe ich erst einmal stehen, um mich zu sammeln und zu genießen, was ich höre und empfinde, bevor ich den Rest des Weges zurücklegen werde. „Warum bin ich nicht mehr Lici das Ding sondern eine gestandene Frau, obwohl ich jetzt in einem Ding sitzen und fahren muss und nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen und meinen Lebensweg machen kann?“, frage ich mich, während ich mitten auf dem Kirchplatz stehe. Ich spüre das Aufsehen noch, das ich errege. Aber es stört mich im Moment nicht mehr. Schließlich bin ich nicht allein mit ihm. Der Klang ist da. Und die Schwingung, die mich trägt, ist da. Von allen guten Geistern bin ich auch nicht verlassen. Und das ist gerade jetzt gut und wichtig so. Schließlich fahre ich auf eine Kirche zu, die mich im Juli 1990 mit ihrem Prunk aus der Zeit des Rokoko zweimal angegriffen hatte. Diesmal ist es wieder einmal meine Oma Isabel. Sie berührt mich nur einen kurzen Moment lang an der linken Schulter und schenkt mir einen Augenblick, in dem sie mich ruhig ansieht. Das gibt mir Kraft und Ruhe. Nicht nur, dass mich das wunderbare, bronzefarbene Gesicht mit den schmalen, dunklen Augen wie so oft schon ansieht. „!Fee, todo està bièn!“, sagt die tiefe und leicht raue Stimme meiner Großmutter zu mir. Und die Ruhe, die ich von meiner Abuela bekomme, ist von der Art, dass ich genau die Ruhe finde, die das Tüpfelchen auf dem I ist, das mir noch an Ruhe gefehlt hat, um von dem Klang und der Schwingung des Läutens getragen lange genug innezuhalten, still an dieser Stelle weiterzudenken und weiterzufühlen, bevor ich mit klarem Verstand, gestärkt und erfrischt zum Taufgottesdienst von Felicitas Sänft fahren kann,, bevor ich die Aufgabe der Patenschaft wirklich auf mich nehmen kann.

„Warum bin ich nicht mehr Lici das Ding sondern eine gestandene Frau, obwohl ich jetzt in einem Ding sitzen und fahren muss und nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen und meinen Lebensweg machen kann? müsste ich jetzt in diesem Ding, an das ich gefesselt bin, nicht noch viel mehr ein Ding sein als früher?“

Zunächst gibt es keine Antworten auf diese Frage. Ich fühle nur, dass ich Felicitas Haechmanns, die 35jährige Frau, die 1.90 M groß ist, ein dunkles Gesicht mit gebogener Nase und schmalen Augen hat und einen Bauernzopf mit einer blauen Blumenspange trägt, bin. Ich spüre und weiß, dass ich kein Ding sondern Felicitas Haechmanns bin. Denn ich sehe, wie die Sonne scheint, fühle den leichten Wind, der meine Haut streichelt, höre und fühle das Läuten der Glocken. Die Antworten auf meine beiden Fragen brauche ich hier und jetzt. Sie müssen nicht endgültig sein. Sie müssen nicht alles restlos erklären. Ich brauche Anhaltspunkte, um weiterzumachen, und was Neues anzufangen, zum Beispiel, um eine gute Patin zu werden wie Lenchen und Senta die Ältere es für mich immer noch sind.

„Ich bin nicht mehr Lici das Ding sondern Felicitas, weil ich bei allem, was ich erlebt habe, nicht von allen guten Geistern verlassen worden bin. Sie haben mich begleitet. Sie haben mich so gut wie möglich geschützt. Sie haben mir geholfen mich zu verändern. Ich kann kein Ding mehr sein, weil ein Ding nicht überleben kann. Aber ich habe schon vieles überlebt. Beinahe wäre ich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli gestorben. Und eine Schießerei habe ich auch überlebt. Ich bin nicht mehr Lici das Ding sondern Felicitas, weil ich mich bewusst für diesen mechanischen Rollstuhl mit den Vollgummireifen und nicht für einen Erolli entschieden habe. So komme ich als Selbstfahrerin auf die Geschwindigkeit, die zu mir passt und kann meine Hände, die unversehrt geblieben sind, gebrauchen. Ich liebe alles Manuelle. Und meinem Fahrzeug geht die Energie nicht schneller aus als mir selbst.“

Jetzt kann ich die Greifräder fassen und flink vom Klang und der Schwingung der Glocken getragen auf das Hauptportal von St. Marien zufahren, wo einhundertzwanzig Leute stehen, und mit einem Einheitsaufsehblick auf mich warten. Ich habe keine Angst vor der Kirche, obwohl sie mich zweimal mit ihrem Prunk aus der Zeit des Rokoko angegriffen hat, nicht nur weil ich zu schlicht für sie war.

Der heiße Reifen, den ich fahre, kommt den Leuten vor der Kirchentür wohl wie eine Flucht nach vorn, eine heil- und sinnlose Flucht vor der Realität, vor dem, was ich wahrnehmen, denken und fühlen kann, vor. Doch diese Schnelligkeit kann keinen Geschwindigkeitsrausch bei mir verursachen. Und das liegt nicht nur daran, dass die Geschwindigkeit viel höher sein müsste, damit ein übersteigertes Hochgefühl Wahrnehmung und Denken teilweise ausblenden könnte. Die Schnelligkeit, die ich mit meiner eigenen Hände Kraft erzeuge, ist mir angemessen, erdet mich so, wie es mit einem Fahrzeug mit Motor nicht möglich wäre. So bleibe ich auf dem Boden der Tatsachen und nehme klar und deutlich wahr, was um mich her und mit mir passiert.

Und es passiert etwas Erstaunliches.. Ungefähr vier Meter vom Hauptportal der Kirche entfernt ist es als ob ich durch eine unsichtbare Mauer fahre. Und dahinter gibt es diesen Gemeinschaftsaufsehblick plötzlich nicht mehr. Wie kann das sein, dass ein derart starker und weitreichender Blick, der immerhin eine Wirkmächtigkeit von mehr als 50 Metern hatte, sich auf einmal Einfach so auflöst? Bezogen auf den Gemeinschaftsblick scheint es einen Mittelpunkt gegeben zu haben, den ich wohl zerstört habe. Aber es hilft mir nicht, dass die gefräßige Neugier auf einen Schlag einfach nicht mehr da ist. Denn sofort schlägt mir von den anwesenden Leuten etwas anderes entgegen, ihre Unversehrtheit. Dazu diese Unversehrtheit mit all ihren Einzelheiten auf mich wirken zu lassen, komme ich nicht. Nur eine Sache fühle und weiß ich ganz genau. Es ist nicht nur die körperliche Unversehrtheit und Makellosigkeit, die mir von all diesen Menschen entgegen schlägt.

Das Hauptportal von St. Marien steht natürlich bereits offen. Und darin steht Tamara Sänft die Mutter des Kindes, dessen Patin ich gleich werden soll. Sie trägt ein grünes Kleid, das dieselbe Farbe wie ihre Augen hat. Sie macht mir ein Zeichen, dass ich sofort in den Vorraum der Kirche kommen soll. Und ich fahre die Rampe hoch und in die Kirche hinein. Und die Augen von Nina Baumschatz, die die zweite Patin ist, der Großmutter des Kindes und des Gemeindepriesters Thomas Münzer warten voller Ungeduld auf mich. Ich sehe auf meine Armbanduhr. Es ist zehn vor drei. Sind wirklich nur zwei Minuten vergangen von dem Augenblick an, als ich mitten auf dem Kirchplatz inne gehalten habe, bis jetzt? Wie dem auch sei! Ich bin nicht zu spät gekommen, obwohl sie mich das alle glauben machen wollen. Gelassen sehe ich mich um und bewundere das Taufkleid des Kindes, das mit geschlossenen Augen in seinem Wagen liegt. Hochwürden reißt plötzlich der Geduldsfaden. Und es ist als ob ihn dieser Faden nur von mir hatte fernhalten sollen. Denn dieses Reißen katapultiert ihn auf mich zu und er kann über mich herfallen. Schließlich spürt und weiß er, dass er jetzt etwas tun und sagen muss, was er gar nicht will. Gern würde er jetzt laut und vorwurfsvoll „lici Haechmanns!“, zu mir sagen. Das steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Aber auch für ihn ist das mit dem Lici endgültig vorbei. So stürzt er grußlos auf mich zu, sieht zu mir herab, japst und sagt heiser: „es gibt da ein Problem, ein gigantisches Problem!“ „Das da wäre?“ Immer noch vollkommen gelassen sehe ich zu ihm auf. „Die arme Frau Baumschatz hier hat eben einen Blick in den Kirchenraum und den Mittelgang entlang geworfen. und jetzt fühlt sie sich außer Stande das Kind nach vorn und später zum Taufbecken zurückzutragen!“

Endlich sieht mich Nina selbst direkt an und sagt: „Da-da-da ist doch dieser große mittelblaue Fleck an der Decke vom Mittelgang. Da kann ich doch kein Kind drunterhertragen.“ Kaum hat sie das gesagt, ist es mit ihrem Mut schon wieder vorbei. Sie kann mir nicht mehr direkt in die Augen sehen. -„Immer diese blau- und grauäugigen Leute!“ – „Das Kind ist am 02. August geboren. So kleine Kinder können noch gar keine Farben sehen!“ Das nimmt Nina nichts von ihrer unbegründeten Angst und Unsicherheit. Für so ein kleines Kind sind die Ängste und Unsicherheiten der Menschen, mit denen sie es zu tun bekommen, mit Sicherheit gefährlicher als jede Farbe und mag es noch so ein großer blauer Fleck sein. Mein Blick geht zu Tamara. Und auch sie ist nicht bereit ihr Kind durch den Mittelgang zu tragen. „Wenn ihr niemanden da draußen fragen wollt, wovon ich ausgehe, dann müsst ihr eben aushalten, dass die Fee, ehm, Felicitas von mir mitgenommen wird, obwohl sich das auf den Fotos und in dem Film nicht so gut macht. Und wenn ich das Kind halten soll, muss jemand meinen Aokshopper schieben.“ Es ist zum Auswachsen. Niemand reagiert.

Die Gottesdienstbesucher kommen langsam in die Kirche. Zunächst sehe ich zwar einige bekannte aber kein vertrauenswürdiges Gesicht. Aber dann betritt meine Cousine Senta Löwenherz den Vorraum der Kirche. Wie konnte ich nur vergessen, dass sie auch kommen würde. Sie ist Hebamme und besucht nach Möglichkeit jede Taufe der Kinder, deren Geburt sie betreut hat. „Senta, könntest du die kleine Fee tragen oder meinen Rollstuhl schieben? Oder hast du Angst uns durch den Mittelgang zu begleiten?“ Senta lächelt. Und ihre Augen bekommen wieder diese tiefblaue Farbe, die ich bislang noch bei keinem anderen Menschen gesehen habe. „Du bist eine ihrer Patinnen. Darum wirst du sie halten. Und ich fahre euch!“ Sie ist eben Senta Löwenherz. Diesen Namen hat sie sich im Juli 1990 verdient, als sie sich in der Nacht vom 27. zum 28. Juli beherzt gegen ihre Eltern, ihren älteren Bruder, ihre beiden älteren Cousins und auf meine Seite gestellt hat. Damals war sie noch nicht einmal sieben Jahre alt. Und seither hat sie dem Namen, Senta Löwenherz, alle Ehre gemacht. Das wissen Thomas Münzer, Nina Baumschatz und vor allem Tamara Sänft, die durch Senta ihren Willen zwar nicht vollkommen bekommen hat aber mit ihrer Hilfe endlich schwanger geworden ist. Die kleine Fee ist wie Senta eine Löwin und bekommt hoffentlich auch ein Löwenherz.

Es ist gut, dass Senta da ist und mir den Rücken stärkt und frei hält. Als ich erfahren habe, dass die Taufe in St. Marien und nicht in St. Johannes in Tannhuysen stattfinden soll, musste ich natürlich sofort daran denken, wie ich zweimal im Abstand von nicht einmal 24 Stunden im Innern dieser Kirche angegriffen worden bin. Obwohl die Erinnerungen an den Lärm, der mich beim ersten Angriff gelähmt hat und an den Kampf mit dem Bild, das früher an der Decke des Mittelganges war, sehr deutlich sind, habe ich keine Angst vor St. Marien. Denn da, wo das Bild von Maria als Himmelskönigin war, ist seit dem 28. Juli 1990 eine große, rechteckige Fläche in meiner Farbe, in blau. Und Münzers versuche, die blaue Fläche überstreichen und das prunkvolle Bild wieder herstellen zu lassen, sind gescheitert. Und das Blau fügt sich auf wunderbare Weise in das Innere der Kirche im Rokokostil ein, obwohl sie ein Widerspruch gegen all das Gold und die verschwenderischen Formen ihrer Umgebung ist.

Jeder in Tannhuysen und Holt kennt die Geschichte dieser großen blauen Fläche. Denn Tamara Sänft fand am 27. Juli 2012 mein Tagebuch aus dem Jahr 1990 und hat es inzwischen unter dem Titel Felicitas und mit dem Untertitel die ersten sieben Leben eines Pumas veröffentlicht. Es ist auch ein Teil ihrer Geschichte geworden, was in den Jahren von 1977 bis 1990 passiert ist. Ein Tagebuch oder auch ein anderer Gegenstand, der irgendwo zurückgelassen wird, damit jemand wie ich etwas hat, um wieder an einen Ort zurückzukommen, den er oder sie nicht freiwillig verlassen hat, dessen Leben bleibt nicht unberührt von einer Geschichte, mag sie auch noch so lange zurückliegen. Und Nina Baumschatz kennt die Geschichte auch. Schließlich ist sie die beste Freundin von Tamara Sänft und arbeitet mit ihr zusammen. Beide sind Journalistinnen, Ghostwriter und Autorinnen. Sie wissen beide wie mein Gebet und die Pfote meines Krafttiers das Bild zerstört haben und Münzer war selbst dabei. Aber sie scheinen nichts verstanden zu haben. Denn, wenn sie wirklich begriffen hätten, warum die Himmelskönigin verschwinden musste, müssten sie keine Angst haben auch nicht wegen des Kindes, obwohl das noch nicht blau sehen kann. Und da die Sonne durch die bunten Fenster scheint, ist auch das zauberhafte Leuchten des blauen Flecks nicht zu sehen. „Doch spätestens zu St. Martin werde ich mit der kleinen Fee am Abend in diese Kirche kommen, dass sie das blaue Licht sehen kann!“, denke ich so bei mir, als ich die Fee, die im Gegensatz zu mir wirklich so hell und zierlich aussieht wie eine richtige Fee, aus ihrem Kinderwagen nehme.

Hochwürden macht eine ungeduldige Handbewegung und eilt Richtung Kirchenraum. Doch niemand von uns lässt sich von seiner plötzlichen Hektik anstecken. Auf dem Gesicht von Nina Baumschatz zeigt sich ein leicht ängstlicher Ausdruck. Aber auch sie schafft es sich ruhig in Bewegung zu setzen. Auch Müntzer verringert bald seine Geschwindigkeit. Gerade unter dem blauen Fleck an der Decke angekommen, werden seine Schritte langsamer und vorsichtig. Sogar in leicht geduckter Haltung bewältigt er das Stück des Weges zum Altar, bei dem er unter dem großen Rechteck hindurch gehen muss. Auch Tamara Sänft und Nina Baumschatz senken die Köpfe, als sie vor uns den Mittelgang entlang gehen.

Senta und ich senken unsere Köpfe nicht. Und obwohl ich es nicht direkt ansehe, bemerke ich doch, dass das Kind in meinem Arm genau in dem Moment, als wir unter die blaue Fläche kommen, die Augen öffnet. Und gleich, nachdem wir das Blau passiert haben, schließt es die Augen wieder. Dabei kann sie doch noch gar nicht blau sehen. Meine beiden Patinnen haben die Patenschaft mit Kopf, Herz und Hand angenommen und ein sehr gutes Gespür für meine Belange gehabt, was mir eine große Hilfe war. Senta die Ältere und Lenchen haben eigentlich immer intuitiv gewusst, was sie zu tun hatten, um mich positiv zu beeinflussen und Abträgliches zu mildern. Haben ihre Qualitäten zumindest etwas auf mich abgefärbt? Ist davon genug auf mich übergegangen, sodass ich ihr zuträglich sein kann, sie stärke und nicht schwäche?

St. Marien ist vor fünf Jahren aufwendig modernisiert worden. So gibt es auch eine Rampe, die zum Altar hinauf führt und eine neue Orgel. Den blauen Fleck haben die Maler aber Gott sei Dank nicht überstreichen können. Sie haben mehrfach versucht die Farbe wegzubekommen und den vermeintlichen Makel mit einem neuen Bild wettzumachen. Aber jedes Mal, wenn sie am nächsten Morgen oder nach dem Wochenende zurückkamen, war er wieder da, der blaue Fleck. Vor dem Altar angekommen versuche ich mich in die Musik der Orgel fallen zu lassen, um einfach nur da zu sein, nichts zu fühlen und zu denken, damit nichts da ist, was die Fee in meinem Arm negativ beeinflussen könnte. Doch meine Gedanken und Gefühle hören nicht auf zu arbeiten, obwohl es nicht mehr die alte Orgel ist, deren Klang am 27. Juli 1990 einen akustischen Angriff auf mich ausgelöst hat, und obwohl eine blutjunge Organistin, die damals noch nicht hier war, das Instrument spielt. Erst, als ich meinen Blick auf das blaue Rechteck an der Kirchendecke richte, klären sich meine Gefühle und Gedanken, sodass es zumindest unwichtig wird, dass Tamara Sänft mich in gewisser Weise aus unlauteren Gründen zur Patin gemacht hat. Keiner ihrer Verwandten wollte Pate oder Patin von Felicitas werden, das Kind von einem alten Knacker, der jetzt in Pont einsitzt. Dabei hat sich nicht nur Tamara in diesem „schrägen Vogel“ mit großem Schnabel und Spatzenhirn getäuscht. Bis er im November des vergangenen Jahres sein wahres Gesicht zeigen musste, fanden sie ihn alle großartig. Sie hatten sich übrigens seiner Zeit nur standesamtlich getraut. Tamara Sänft macht mich zur Patin ihrer Tochter, um mich in ihrer Nähe zu haben. Auf eine bestimmte Art mag sie mich wirklich. Aber sie will auch noch mehr von meiner Geschichte haben. Sie will meiner Geschichte und meiner Selbst immer noch habhaft werden. Ihr reicht nicht, was sie von mir schon hat, und was ich für sie und ihr Kind zu tun bereit bin. Sie wusste natürlich genau, welche Knöpfe sie drücken musste, welche Strippen zu ziehen waren, um mich dazu zu bewegen die Patin ihres Kindes zu werden. So weiß sie aus meinem Tagebuch aus dem Sommer des Jahres 1990, wie froh und dankbar ich meinen Großeltern und meiner Mamita war, dass sie mir durch die Auswahl des Namens einen Glückwunsch für meinen ganzen Lebensweg mitgegeben haben. Und sie hat es ihnen gleich getan. Aber das war selbstverständlich nicht die einzige Sache, mit der sie erfolgreich versucht hat, mich als Patin für Felicitas zu gewinnen. Auch, dass ich ein gutes Beispiel dafür bin, wie gut es sein kann, dass Paten nicht mit dem Täufling verwandt sind, wusste sie aus meiner Geschichte. Und auch dieses Argument führte sie an, um mich zu überzeugen. Leichtgläubig, vielleicht allzu leichtgläubig bin ich ihren Worten und dem spontanen Gedanken gefolgt, dass es nur um das Kind geht.

Ich habe das Gefühl, dass Felicitas auf meinem Schoß, in meinem Arm, durch den Klang der Orgel und durch die starke Präsenz des blauen Flecks vor den Blicken und den negativen Gedanken und Gefühlen der Menschen in dieser Kirche geschützt ist. Und ich hoffe inständig, dass ich mir das nicht nur einbilde. ich selbst bin alles andere als unbehelligt von dem, was um uns her geschieht.

Gefräßige Neugier kommt nicht mehr auf und auf mich zu. Misstrauen, subtile Vorwürfe, Missgunst, wohlmeinende Herablassung und ausgewachsener Argwohn schlagen mir entgegen. Und diese Gefühle, die aus den Gesichtern und der Haltung der Menschen in St. Marien sprechen, verändern sich unablässig. Darum dauert es bis zur Predigt, bis ich begreife, wo oder besser gesagt bei wem der Mittel- und Ausgangspunkt dieser Gefühle ist, bei Thomas Müntzer. Hochwürden schafft es aber, professionell zu wirken, und obwohl er im Kreuzfeuer negativer Gefühle steht, wie ein Brennglas ist, bleibt er zumindest äußerlich betrachtet ruhig und sicher. Mit festem Blick in den grauen Augen steht er aufrecht und kerzengerade da.

Das ändert sich erst bei der Taufzeremonie selbst. Seine Haltung ist kaum verändert. Aber der Klang seiner Stimme ist unsicher. Vor allem der Name des Kindes kommt ihm alles andere als leicht über die Lippen, als er sagt: „Felicitas, ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“ Obwohl ich mit dem Vertreter von Müntzer, der ursprünglich die Taufe geben sollte, darüber gesprochen habe, weiß ich nicht mehr, ob und wie die Paten im Namen des Kindes beim Taufversprechen angeredet werden. Mir fällt aber auf, dass es dem Priester nicht gelingt diese Taufe auf das Kind und nicht auf mich zu beziehen. Immer, wenn er Felicitas sagt, was er vielleicht gar nicht tun müsste, klingt er widerwillig. Denn er ist überhaupt nicht damit einverstanden, dass ich das Recht haben soll, eine Patenschaft zu übernehmen. Aber das mein verzweifeltes Gebet dazu beigetragen hat, das Bild Mariens als Himmelskönigin zu zerstören und einen blauen Fleck zu erzeugen, ist lange her, lag nicht in meiner Absicht und hat nicht dazu geführt, dass ich das Abendmahl nicht mehr zu mir nehmen darf, dass ich aus der Kirche ausgestoßen wurde.

„Felicitas, widersagst du dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?“ „Ich widersage.“ „Felicitas, widersagst du den Verlockungen des Bösen, damit es nicht Macht über dich gewinnt?“ „Ich widersage.“ „Felicitas, wiedersagst du dem Satan, dem Urheber des Bösen?
„Ich widersage.“ Dann fragt der Priester:
„Felicitas, glaubst du an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde?
„Ich glaube.“ „Felicitas, glaubst du an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, der geboren ist von der Jungfrau Maria, der gelitten hat und begraben wurde, von den Toten auferstand und zur Rechten des Vaters sitzt?“
„Ich glaube.“ „Felicitas, glaubst du an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben?“ „Ich glaube.“
Der Priester schließt:
Der allmächtige Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, hat uns aus dem Wasser und dem Heiligen Geist neues Leben geschenkt und uns alle Sünden vergeben. Er bewahre uns durch seine Gnade in Christus Jesus, unserem Herrn, zum ewigen Leben.

Dann ist die Zeremonie zu ende. Und ich bin erleichtert. Es ist mir gelungen mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und für das Kind Stellung zum Glauben zu beziehen, für es da zu sein. Mir sind die Worte klar und deutlich über die Lippen gekommen. Während des Taufversprechens habe ich abwechselnd zum blauen Fleck und zu Nina Baumschatz geblickt und mir wird klar, dass sie mich in gewisser Weise im Stich gelassen hat und die kleine Felicitas auch. Ihre Lippen haben sich zwar bewegt. Doch ihre Stimme ist nicht zu hören gewesen. – Lippenbekenntnisse, im wahrsten Sinne des Wortes!

Gut ist, dass Tamara mit dem Kinderwagen kommt. Ich lege Felicitas hinein, sodass sie nicht von der Einsamkeit erfasst wird, die von mir nach und nach Besitz ergreift. In einer Gruppe von Menschen einsam zu sein hat viele Gesichter. Und von diesen Gesichtern kenne ich schon viele. Auch die Einsamkeit, die durch Blicke entsteht, die von den Vorstellungen sprechen, die sich die Menschen um einen her machen, die in Gestalt von rechthaberischen, herablassenden, unverschämten und boshaften Haltungen und Gesichtsausdrücken zur Schau gestellt werden.

Es folgen die Wandlung und das Abendmahl. Und ich frage mich nicht zum ersten Mal „Bin ich würdig und rein genug, das Abendmahl zu empfangen?“ Das frage ich mich, als ich auf die Gruppe der Menschen zufahre, die in einer Reihe stehen, um das Abendmahl zu bekommen, obwohl ich doch wissen müsste, dass ich dazu würdig bin. Gott sei Dank bekomme ich Hilfe. von oben durch den Anblick des blauen Flecks und von der Seite. Denn plötzlich ist mein Krafttier Salvadora zur Stelle. Mein Puma ist für mich da wie damals, als ich vor dem Altar um Hilfe gebeten hatte und der Puma gekommen ist, um gegen die Herrschaft der Himmelskönigin zu kämpfen. Sie ist zu meiner linken an der Seite, die von Herzen kommt. ich nehme das Abendmahl. aber nicht aus der Hand von Thomas Müntzer. Und ich fühle mich gestärkt.

Guter Mond du gehst so stille

0002. Hohlburg, Mittwoch 23. Februar 2000

Heute habe ich einige Sachen beim Haftrichter beantragt, zum Beispiel, dass mich meine Kollegin Sybille besuchen darf. Außerdem habe ich mir einige schöne, dicke Bücher leihen können. Zuerst habe ich mir die Märchen aus 1001 Nacht vorgenommen. Aber jetzt habe ich erst einmal genug gelesen. Und fange mit dem Schreiben an. Wie konnte es so weit kommen, dass ich wegen Totschlags in U-Haft bin? Am Besten ist wohl, mit dem anzufangen, was am Samstag dem 19. Februar passiert ist.

Wenn ein Treppenhaus oder Flur voller Rauch ist, soll man sich nach Möglichkeit auf den Boden legen und zum nächsten Ausgang robben oder kriechen. Aber das, was giftig und ätzend auf mich zukam, als ich am Samstagabend den Flur entlang ging, war kein Rauch eines üblichen Hausbrands. Als ich vom Treppenhaus in den Flur abgebogen war, an dessen Ende die Tür zu meinem Apartment war, wurde mir schlagartig bewusst, was da ätzend und giftig auf mich zu waberte. Mein Leben stand in Flammen. Und wo Feuer ist, da ist auch Rauch. Der Rauch war nicht schwarz sondern ein weißer Nebel, der sich immer wieder lichtete. Ich spürte die Anwesenheit des Todes. Der Tot begegnete mir nicht als Hauch. Nicht der Hauch des Todes wehte mich an. Der Tot quoll mir als zähflüssige Masse entgegen. Ich kann es nur so verstehen, dass der Tot das Öl für das Feuer spendete, das der Anzünder, der Brandbeschleuniger und die Nahrung des Feuers war. Der Tot wollte mich nicht, noch nicht holen. Das spürte ich deutlich. Und aus diesem Grund würde ich irgendwie überleben aber als und in einer Ruine.

Zurück konnte ich nicht. Es war wie in der Geschichte mit der Maus, die einen Gang entlang läuft, an dessen Ende eine Mausefalle steht. Als sie erschreckt feststellt, dass sie nicht nach rechts oder links ausweichen kann, ruft die Katze am anderen Ende des Ganges: „Du musst doch bloß die Richtung ändern!“ Ich änderte die Richtung nicht und ging auf die Tür meiner Wohnung zu. Sie stand sperrangelweit offen. Zugemacht hatte ich sie, als ich die Wohnung verlassen hatte. Aber ich hatte sie nicht abgeschlossen. So hatte ich es immer gemacht, wenn ich im Haus unterwegs war. Ich rief mich zur Ruhe, um mich dem, was da vor sich ging, so gut wie möglich zu stellen. Und ich schaffte es zumindest äußerlich vollkommen ruhig zu bleiben.

Aufmerksam und langsam, um die Situation mit allen Sinnen gründlich auszuloten aber doch beherzt, betrat ich mein Apartment und ging auf die Wohnzimmertür zu. Ich blieb im Türrahmen meines Wohnzimmers stehen und schaltete die Deckenbeleuchtung aus. Das machte ich mit links. So wurde der Raum mit einem Mal nur noch von dem silbernen Licht des Vollmonds erhellt. Und die Wirkung des einfachen Handgriffs war, um endlich wieder einmal ein Fremdwort zu gebrauchen, frappierend. Es war als ob ich nicht nur das Licht gelöscht hätte sondern auch das Feuer, das begonnen hatte, mein Leben zu verzehren. Denn plötzlich bewegte sich nichts und niemand mehr, wo zuvor die schwüle Betriebsamkeit von Zerstörung, Neid, Missgunst und Belastungseifer gewütet hatte. Und während ich jetzt darüber schreibe, fallen mir Zeilen aus dem Lied guter Mond, du gehst so stille ein. Da heißt es in der ersten Strophe: „Guter Mond, du gehst so stille in den Abendwolken hin. Labest nach des Tages Schwüle durch deinen freundlich lichten Sinn. Mild und freundlich schaust du nieder von dem blauen Himmelszelt. Und es klingen deine Lieder weit hinauf zum Herrn der Welt.“ Und die Melodie des Liedes tut mir jetzt, da ich sie in meinem inneren Ohr deutlich vernehmen kann, so gut mit ihrer schlichten Schönheit, und weil sie mir seit Kindertagen vertraut ist. Meine Mamita hat mir das Lied oft vorgesungen. Und man behält die Melodie und den Text eines Liedes, das man als Kind hört, nicht nur, weil sie schön oder sogar zauberhaft sind, sondern weil man spürt, wie wandelbar die Bedeutung einer Melodie ist, und dass man irgendwann den Text genau versteht und genau begreift, worum es geht.

So sah ich erst eine Zeit lang einfach nur zum Fenster, durch das das Licht des Mondes das Zimmer erleuchtete. Als ich meinen Blick etwas zur linken Seite wandte, sah ich endlich mein Krafttier wieder. Salvadora saß am Ende des Sofas und sah zum Mond hinauf. Und ich sah, wie sie sich labte, Kraft tankte, nachdem sie in den letzten Tagen und Wochen alle Pfoten voll damit zu tun gehabt hatte, meine Feinde, zum Beispiel diesen Siegbert von Säbelschaft so gut wie möglich in Schach zu halten. Als ich sie am Freitag das letzte Mal bewusst wahrgenommen hatte, das war auch am Abend gewesen. Sie hatte auf dem Gehweg vor dem Haus gestanden, war mir aufgefallen, dass das zitringelbe Leuchten in ihren Augen auffallend blasser war als sonst. Unsere Krafttiere sind nicht so sehr an Orte und Zeit gebunden wie wir. Aber auch sie können nicht machen, was sie wollen. Und sie können nicht überall gleichzeitig sein, um zu helfen.

Ich mag nicht nur Fremdworte. Es dürfen auch schöne, altmodische Worte sein, wenn sie zutreffen. Und auf mich traf am Samstagabend zu, dass ich mich am Licht des Vollmonds labte, wie es in der ersten Strophe von guter Mond, du gehst so stille, heißt. Das klare, silberne Licht spendete mir Kraft. Und so wie sich das Licht über alles, was in meinem Wohnzimmer war, über mich und meine Augen ergoß, erfrischte und reinigte es mich als Lichtquelle im besten Sinn. Während ich so dastand und in den Himmel sah, war mir klar, dass mir nur eine kurze Pause vergönnt sein würde. Es war etwas passiert, dass mir keine Ruhe lassen würde.

„Guter Mond, du gehst so stille
durch die Abendwolken hin.
Bist so ruhig,
und ich fühle,
dass ich ohne Ruhe bin.
Traurig folgen meine Blicke
deiner stillen, heitren Bahn.
Oh, wie hart ist mein Geschicke,
dass ich dir nicht folgen kann.“

Auch an dieser Stelle passt der Liedtext wieder wie angegossen. Denn als sich die Traurigkeit darüber, dass ich mich dem Zauber des Mondlichts nicht lange und nicht vollkommen hingeben konnte, in mir auszubreiten begann, wandte ich meinen Blick vom Fenster ab und sah auf meine Kleine Standuhr, die neben dem Radio auf meiner Kommode aus Kirschbaumholz stand.

Offiziell war es fünf vor sieben. Für mich war es mindestens fünf vor zwölf. Das war klar. Und so wie am Samstagabend leuchtet es mir auch jetzt immer noch ein, wie wichtig es war, diese Zeitverschiebung zu erkennen und zu akzeptieren. Es war höchste Zeit die Situation genau zu prüfen.

Ich ließ meinen Blick zu meinem Wohnzimmerschrank schweifen und musste feststellen, dass einige Dinge fehlten oder nicht mehr an ihrem Platz waren. An der linken Seite des Schrankes hatte ich mein selbstgenähtes Kleid aus blauer Viskose auf einen Bügel gehängt, nachdem ich es am Samstag gegen Mittag gebügelt hatte. Es war verschwunden und zwar mitsamt dem Kleiderbügel. Die dazu passende Handtasche hing allerdings noch am Knauf der linken Schranktür, wo ich sie hingehängt hatte. Auch die Statue einer afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin, die Siegbert von Säbelschaft Anfang Januar angeschleppt hatte, war nicht mehr an ihrem Platz auf dem Schrank. Ich hatte das schwere Teil nicht haben und längst entsorgen wollen. Aber wie entsorgt man Fruchtbarkeitsgöttinnen, von denen man nicht mal weiß aus welchem Material sie sind? Ich hätte sie wohl am Besten meiner Kollegin Claudia gegeben. Die steht auf solche Sachen. Das Fehlen der Sachen war nur scheinbar beiläufig geschehen und von geringer Bedeutung. Das war im Mondlicht klar zu erkennen. Und jetzt kann ich sagen, dass ich das so klar nur im Mondlicht erkennen konnte. Im Schein einer Lampe oder der Sonne wäre ich nicht im Stande gewesen, das, was ich sah einfach nur festzustellen und hinzunehmen, um es später nach und nach zu begreifen. Im Schein des Vollmonds leuchtete mir ein, dass ich alles genau genug erkannte, und wie überflüssig es war, das, was ich klar und deutlich wahrnahm, sofort in allen Einzelheiten zu entschlüsseln. Mir blieb die Zeit nicht dafür. Inzwischen ist es ein ausgewachsener Trost zu wissen, wie sehr mir jedes Detail einleuchtete, sodass ich es mir klar und deutlich vor Augen führen kann, um seine Bedeutung immer wieder neu entschlüsseln zu können.

Schließlich wandte ich meine Aufmerksamkeit den Leuten zu, die wie angewurzelt in meinem Wohnzimmer herum standen. Zwei Polizisten waren da, ein Mann und eine Frau, beide Mitte dreißig, er aschblond und ungefähr 1.75 M groß, sie brünett und fünf oder sechs Zentimeter kleiner als er. Meine Chefin Frau Wagenknecht und meine Nachbarin und Kollegin Claudia, die sich Claudette nennt, waren da und bewegten sich nicht von oder auf der Stelle. Selbst Claudettes Mundwerk stand Gott sei Dank still. Mich erstaunt noch immer wie natürlich dieser Stillstand der vier lebenden Menschen auf mich wirkte.

Vollkommen anders war es, als ich schließlich zu meinem Sofa hinüber sah, das vor dem Fenster stand. Und da lag er. Ich erkannte ihn sofort. Es war Siegbert von Säbelschaft. Ich wusste, dass er es war, obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte und den maßgeschneiderten Anzug, den er trug, noch nie an ihm gesehen hatte. Er lag Bäuchlings auf meinem Sofa. Seine Hände und Unterarme lagen unter seiner Brust. An seinen Händen hätte ich ihn ohnehin eher erkannt als an seinem Gesicht. Ich kann mir besser Hände als Gesichter merken. Einen Kerl, dem man zwei Monate lang zweimal in der Woche als Sexarbeiterin zur Verfügung gestanden hat, und der einem in jeder Minute, in der man mit ihm zu tun hat, nichts als Ärger bereitet hat, den erkennt man nicht nur zu Lebzeiten. Er lag da und bewegte sich nicht. Aber er bewegte sich anders nicht als die anderen Leute, die da waren. Er war tot. Das wusste ich, noch bevor ich seinen eingeschlagenen Hinterkopf gesehen hatte. Als ich schließlich auf seinen Hinterkopf sah, dachte ich: „Da wurde dreimal zugeschlagen mit dem Sockel der Fruchtbarkeitsgöttin!“ Woher ich das so genau wusste, und warum ich jetzt immer noch sicher bin, dass das stimmt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich vermute, aber, dass auch das mit dem Mondlicht, in das der Raum getaucht war, zu tun hat. Ein Hinweis darauf, dass stimmt, was mir eingefallen war, fand ich, als ich meinen Blick von seinem Kopf abwandte und auf den Boden sah. Da lag sie, die Fruchtbarkeitsgöttin aus Afrika. Das schwere buntbemalte Ding lag da und war mit Blut bespritzt.

Ich blickte zum Mond und zum Himmel hinauf. Ich hörte und spürte wie sein Blut zum Himmel schrie. Es war ein Klagelid, das vom Mond hinauf zum Herrn der Welt getragen wurde. Und wo eine Klage ist, da ist auch ein Richter. „Der Herr der Welt im Himmel wird nicht mein Richter. Im Himmel werde ich nicht dafür angeklagt. Auf der Welt wird man mich anklagen!“, dachte ich. Pure Verzweiflung ergriff Besitz von mir. Und auch dieses traurige Lied klang hell hinauf zum Herrn der Welt.

Noch einmal sah ich seinen eingeschlagenen Schädel an, an dem das Blut, das nicht aufhörte zum Himmel zu schreien, aber fast vollständig getrocknet war, klebte.

Wenn mir auch niemand auf der Welt glauben schenken wird, kann ich doch mit Bestimmtheit sagen, dass sein Tot nicht mein Werk ist. Wenn ich auch nicht beweisen können werde, was ich in der Zeit, in der Siegbert von Säbelschaft erschlagen wurde, getan habe, weiß ich doch selbst, dass ich ihn nicht erschlagen habe. Ich behaupte nicht, dass ich nicht töten kann. Man kann mich mit einigen Sachen zur Weißglut treiben, wütend machen und mich in die Wut der Verzweiflung stürzen. Unbändige Wut war am Werk gewesen, als von Säbelschaft kalt gemacht worden war. Doch so wie er da lag strotzten er und alles in seiner Nähe noch von der Feigheit, die die Hauptsache bei dieser Tat gewesen war. Und Feigheit ist überhaupt nicht meine Sache. Mindestens zweimal hatte mich der von Säbelschaft bis aufs Blut gereizt, sich umgedreht und sofort wurde mein Zorn heruntergefahren. Dazu musste ich gar nichts tun. Von kleinauf habe ich das Kämpfen gelernt. Und mir ist es in Fleisch und Blut übergegangen niemanden zu bekämpfen, der am Boden liegt und nicht aus dem Hinterhalt anzugreifen. Und die Zeit, in der dieses hinterhältige Arschloch mich überhaupt bis zur Weißglut hatte treiben können, war vorbei.

Es war an der Zeit mir meine eigene Geschichte klarzumachen, um bei Bedarf immer wieder auf sie zurückgreifen zu können. Und mir fiel Gott sei Dank ein, wie ich mir wichtige Sachen nicht hinter die Ohren sondern ein für alle Mal ins Gedächtnis schreiben kann. Ich bewegte meine linke Hand als würde ich aufschreiben, was ich dachte und gab mir damit die Möglichkeit, was ich schrieb in blauer Schrift vor mein inneres Auge zu führen. Diese Geschichte ist natürlich auch nicht in Stein gemeißelt. Doch ich werde sie so behalten, dass ich sie bei Bedarf abrufen kann, da ich sie sicherlich häufig brauchen werde, nicht, um offiziell brav Rede und Antwort zu stehen, sondern um vor mir selbst immer wieder Rechenschaft ablegen zu können, meinen Standpunkt zu wahren. Als ich mit meiner Geschichte fertig war, sah ich noch einmal zum Himmel. Dann knipste ich das Licht wieder an.

Und jetzt ist es an der Zeit die Kladde zuzuklappen und die Decke über den Kopf zuziehen. Denn es ist kurz nach zwei. Um zehn nach sechs ist schon wecken und die Lebendkontrolle. Und ungefähr vier Stunden Schlaf brauche ich.

Geschlagen mit einem Erschlagenen

0005. Hohlbufg, Samstag, 26. Februar 2000

Es ist immer noch keine Post für mich gekommen. Aber ich habe genug zu lesen. Und inzwischen habe ich einen großen Korb mit Wolle, sehr gute Strumpfwolle ist auch dabe, bekommen. Bei manchen Geschenken fragt man sich besser nicht, woher sie kommen. Jedenfalls hat mir Frau Finke den Korb nach dem Hofgang gegeben.

Aber nachdem schon ein Paar Strümpfe fertig sind und ich zwei Märchen aus tausendundeiner Nacht gelesen habe, ist es jetzt an der Zeit endlich über Siegbert von Säbelschaft zu schreiben. Mit diesem Kerl war ich zu seinen Lebzeiten geschlagen und jetzt, da er tot ist, bin ich erst recht mit ihm geschlagen und nicht nur, weil ich verdächtigt werde, diejenige zu sein, die ihn erschlagen hat. Wenn jemand, mit dem man nicht einfach nur regelmäßig zu tun hat, der einen wirklich was angeht, plötzlich verschwindet oder stirbt, dann ist das immer ein schlagendes Argument dafür, dass man sich mit ihm ganz neu zu befassen hat.

Siegbert von Säbelschaft schlug am 01. Oktober des vergangenen Jahres zum ersten Mal in der Bar des Aphrodite auf. Obwohl er keinen Lärm oder heftigen Luftzug verursachte, als er die Bar betrat, ist aufschlagen das passende Wort. Es gibt eben Menschen, deren Art es einfach ist, aufzuschlagen oder hereinzuplatzen, wenn sie einen Raum betreten. Das hat irgendwas mit dem Platz zu tun, den sie um sich brauchen, mit Verdrängung und Ausstrahlung. Aber natürlich wissen solche Menschen auch, wie sie diesen Effekt noch verstärken können. So war es selbstverständlich kein Zufall, dass Siegbert von Säbelschaft bereits um kurz nach sechs in die Bar kam. Auf diese Weise war sicher gestellt, dass noch nicht viel los war, sodass jeder, der die bar betrat, einfach auffallen musste.

Alle Anwesenden sahen ihn an, als er eintrat. Mein erster Eindruck war, dass er mit seinem blonden Haar, den leuchtend blauen Augen, seinem hellen Gesicht und der art, wie er sich bewegte, ein leuchtendes Beispiel für einen geborenen Blender war und wie gut er es vermochte die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wurde und die Beachtung, die ihm entgegen gebracht wurde, in sich aufzusaugen und sich damit im wahrsten Sinn des Wortes aufpumpen zu können. Schade, dass auf diese Art niemand platzen kann. Denn dann wäre einigen von uns viel erspart geblieben! „Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance!“, so heißt es doch. Aber, was heißt das schon? Denn auch für jeden weiteren Eindruck gibt es keine zweite Chance. Und so war es natürlich auch mit dem zweiten Eindruck, den ich von ihm hatte. Er sah sich in der Bar um. Und wie sein Blick neugierig durch den Raum schweifte, wurde das helle Strahlen, das von ihm ausging, immer wieder durch unterschiedliche dunkle Flecken unterbrochen, von denen man nicht sagen konnte, woher sie kamen, und die man nicht einmal ansatzweise beschreiben konnte. War er mir auf den ersten Eindruck unsympathisch gewesen und hatte mich das, was ich zuerst gesehen hatte, gewarnt, so stellte der zweite Eindruck mein Habachtprogramm auf die höchste Stufe ein.

Siegbert von Säbelschaft kam an die Theke und bestellte bei Sybille einen Bordeaux. Und mit dem Glas in der Hand ging er geradewegs auf den Tisch zu, an dem die Wagenknechts saßen. Das war kein gutes Zeichen. Denn es bedeutete, dass von Säbelschaft auf Empfehlung eines Freiers gekommen war, der den Besuchsservice in Anspruch nahm. Normalerweise bedienen die Huren im Aphrodite ihre Kunden in ihren Apartments. Seit Anfang 1999 räumen die Wagenknechts einigen Kunden jedoch das Recht ein, Frauen dorthin bestellen zu Dürfen, wo sie bedient werden wollen. Bislang geht das noch gut. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es Ärger mit den „freischaffenden Nutten“ geben wird.Außerdem haben die Wagenknechts kein gutes Händchen dafür, wem sie diesen Spezialservice gewähren. Zumindest die Chefin müsste es besser wissen und sich nicht nur auf eine Empfehlung von irgend jemandem verlassen. Sie war ja schließlich auch mal eine von uns. So empfehlen abartige Vögel eben nur andere abartige Vögel. Und der von Säbelschaft sollte sich als der abartigste Vogel von allen herausstellen.

Der dritte Eindruck, den ich von von Säbelschaft hatte, war seine Stimme bei der Bestellung gewesen. Es war die Stimme eines geborenen Intriganten und Verschwörers. Und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er sich zu den Wagenknechts an den Tisch setzte, nachdem er sie kurz begrüßt hatte. „Ich komme auf Empfehlung von Petrus von Pattberg!“, sagte er mit relativ leiser Stimme aber so nachdrücklich, dass es zumindest die meisten Anwesenden nicht überhören konnten, obwohl Musik im Hintergrund lief. Die Gespräche waren ohnehin verstummt, als er hereingekommen war. Beide Wagenknechts nickten ihm zu.

Bevor er weiter sprach, nahm er einen Schluck aus seinem Glas. „Ich brauche ein Täubchen, dass mich dreimal in der Woche in meiner Zweitwohnung besucht! Was absolut Zuverlässiges! Eine mit viel Erfahrung als Sexarbeiterin, die vor nix fies ist! Sie wissen schon, was ich meine!“ Das sagte er immer noch in diesem leisen und nachdrücklichen Ton. Dazu grinste er breit und unverschämt, was seinen jungenhaften und leuchtenden Zügen alles andere als gut zu Gesicht stand. „Um die Bezahlung müssen Sie sich selbstverständlich keine Sorgen machen. ich bin Notar und Anwalt für Wirtschaftsrecht mit eigener Kanzlei und Einkünften aus dem elterlichen Unternehmen.“ Nachdem er das gesagt hatte, flüsterte er den Wagenknechts irgendetwas zu, das nur sie verstehen konnten. Sybille beugte sich zu mir herüber und zischte mir zu: „Scheiße! Jetzt handelt der auch noch Sonderkonditionen aus wie sein Busenfreund, der von Pattberg!“ „Die, die der sich aussucht, muss nicht nur auf der Hut sein, was die Bezahlung betrifft. Der Typ ist ‚ne absolut linke Sau!“, erwiderte ich. Sybille und ich musterten von Säbelschaft noch einmal mit einem langen und skeptischen Blick, bei dem mir auch der teure Rucksack ins Auge fiel, den er mitgebracht hatte. „Früher hatten die Frauen auch in diesem Haus das letzte Wort, was die Freier betraf und die Securities hatten noch mehr Biss und waren richtig gut auf dem Posten!“, meinte Sybille und tiefes Bedauern stand in ihrem Gesicht geschrieben.

Weiter kamen wir nicht. Denn Siegbert von Säbelschaft war aufgestanden und hatte begonnen die Bar zu durchstreifen, um uns nacheinander prüfend anzusehen, welche von uns das Elend ereilen sollte, ihn zumindest in der nächsten Zeit dreimal in der Woche zu bedienen. Er hatte zwei Runden durch die Bar gedreht, als er sich plötzlich neben mich stellte und schmeichelnd fragte: „Guten Abend, wie heißt du denn meine Schöne?“ „Guten Abend Siegbert! Ich bin die Felicitas!“ Er schwang sich auf den leeren Barhocker, der neben meinem stand. Dabei gab er eine äußerst elegante Figur ab. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er sich meine Stimme anders vorgestellt hatte und überrascht war. Dass ich aber auch sehen konnte, das ihm gefiel, was erhörte, veranlasste mich aber nicht meinen Habachtmodus herunterzufahren. „Was magst du trinken, Felicitas?“ „Ein Altbier bitte!“ „Keinen Champagner oder Sekt?“ Ich schüttelte den Kopf. Und da er mich ungläubig ansah, schenkte ich ihm reinen Wein ein und sagte: „Für mich sind Campus und anderer Sekt nur Sprudelwasser mit Alkohol. Ich trinke das Zeug nur, wenn jemand drauf besteht. – Vollkommen überbewertet das Zeug!“ Siegbert grinste und ich konnte ihm ansehen, wie froh er darüber war, dass ich keinen Sekt wollte. „Ein Altbier und ‚nen Whisky!“, rief er Sybille zu.

Als die Getränke vor uns standen, begann er leutselig zu plaudern und mich dabei auszuhorchen. Er sagte, dass mich die Chefin wärmstens empfohlen hatte und wollte wissen, wie lange ich schon als Prostituierte und hier im Aphrodite arbeitete. Das war nichts Ungewöhnliches. aber mir fiel auf, wie ungeduldig er war, und dass ich ihn offensichtlich aus dem Konzept brachte. Es machte den Eindruck als ob er irgendeine festgelegte Vorgehensweise im Umgang mit Huren hatte, die er aber bei mir aus irgendeinem Grund nicht anwenden konnte.

Schließlich gab er die Bemühung wie ein „herkömmlicher“ Freier zu wirken, auf. Und dann wurde sein Verhalten richtig merkwürdig. Er setzte eine geschäftsmäßige Miene auf und erklärte mir in ebenfalls geschäftsmäßigen Ton, wie er weiter vorzugehen gedachte: „Mit uns wird das jetzt folgendermaßen weitergehen. Gleich gehen wir zu dir nach oben. Ich sehe mir immer die Behausungen der Sexarbeiterinnen an, die das Privileg haben für mich arbeiten zu dürfen. Das hat sich als die beste Art herausgestellt, sich über dich und deinesgleichen gründlich zu informieren. Erst, wenn ich gesehen habe, wie du lebst und drauf bist, gebe ich dir den Schlüssel für meine Zweitwohnung, wo du mich dienstags, donnerstags und samstags besuchen darfst und zwar immer um halb sechs. Ich hoffe, du kannst kochen. Denn nach dem Sex und einer kleinen Ruhepause habe ich Hunger und zwar nicht nur auf was zu essen sondern auch auf eine anständige Unterhaltung.“ „Wenn der Kühlschrank was für ‚ne gute Hausmannskost mit mediterranem Einschlag gefüllt ist, kommen wir diesbezüglich auch ins Geschäft.“ „Du gefällst mir immer besser!“, sagte er wieder in diesem ekelhaften schmeichelnden Ton. „Du mir nicht!“, dachte ich sagte aber natürlich nichts. „Da ist noch etwas, dass du wissen musst. Ich bin gegen manche Gummis und/oder Gleitzeug allergisch. aber ich habe immer die passenden Sachen im Haus. Und ich bestehe darauf, dass das genommen wird, was ich habe!“ „Kein Problem!“, erwiderte ich, obwohl mich ein ungutes Gefühl beschlich bei dem, wie er das, was er gesagt hatte, von sich gegeben hatte.

Man kann gegen alles allergisch sein. Und ich hatte mindestens noch zwei Kunden, die bezogen auf die Gummis auf einer bestimmten Marke bestanden. Aber irgendetwas stimmte da nicht. Doch nichts Genaues kann man nicht genau wissen, und weil das so ist, kann man oft auch nichts dagegen tun. Mir blieb nichts weiter übrig als aufmerksam zu sein.

Bei einem weiteren Glas Altbier und einem zweiten Whisky, den Siegbert trank, plauderten wir weiter. Und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich mit einer mir bis dahin unbekannten Art von Misstrauen prüfte. Nach und nach verschwand das Misstrauen. Und an seine stelle trat eine Neugier, die sich merkwürdig steril anfühlte, etwas wie einen professionellen Anstrich hatte als ob er ein Kaufmann, ein Warenprüfer oder ein Wissenschaftler wäre. Und ich begann mir immer mehr wie ein Versuchskaninchen vor. Aber auch das konnte ich nicht genau genug fassen, um mich dagegen wehren zu können.

Schließlich war auch sein Whisky leer. Und mehr für die Wagenknechts bestimmt als für mich sagte er: „Lass uns jetzt zu dir ‚raufgehen!“

Als wir gemeinsam die Bar verließen, schaffte ich es den Anschein zu erwecken, dass alles normal lief wie immer, dass ich mit einem gewöhnlichen Freier zu mir nach oben ging. Ich hatte schon, als Siegbert von Säbelschaft sich neben mich gesetzt hatte, beschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Irgendetwas in mir sagte mir, dass es schlimm werden würde, dass es aber schlimmer sein würde, wenn ich versuchen sollte, ihm auszuweichen und abzuweisen. Körperlich hatte ich nicht die geringste Angst vor ihm. Er mochte sich aufblasen wie er wollte. Er war ungefähr fünfzehn Zentimeter kleiner als ich, ein mickriges Würstchen. Und jetzt musste er erst einmal in die Höhle der Löwin. Das hatte er selbst gewollt. Dann sollte er es auch haben. ASchließlich standen wir vor meiner Wohnungstür, und ich musste einen Augenblick innealten. Denn eine mir unmbekannte Stimme sagte: „Felicitas, du musst es mit ihm aufnehmen. Wenn du das nicht machst, wird es noch viel schlimmer!“ Und unwillkürlich musste ich daran denken, wie mein halber Onkel Edwin früher immer von mir als der Frau für das Grobe und den Storch im Salat geredet hatte. – „Also auf in den Kampf!“

Als ich die Wohnungstür hinter mir schloss, begann von Säbelschaft durch die Zimmer zu schleichen. Bei seinem ersten Rundgang zeigte sich auf seinem Gesicht ein fast ängstlicher Ausdruck. Dann aber änderte sich seine Miene, obwohl er weiterhin übertrieben vorsichtig auftrat. Schließlich begnügte er sich nicht mehr damit herumzulaufen und sich skeptisch umzusehen. Er zog die Schubladen auf und sah hinein. Er öffnete die Türen der Schränke. Er sah sogar in den Kühlschrank und den Backofen. Und dabei sprach er ohne Unterbrechung halblaut mit sich selbst.

„Für so’ne große Frau reicht erstaunlich wenig Platz oder wie? So exotisch und doch so spießig, nicht zu glauben. Nach außen voll die kalte Sophie und so’n warmes Ambiente, unglaublich.“ Und so redete er in einem fort, ohne dass zu hören war, ob ihm die Widersprüche gefielen oder gegen den Strich gingen.

Was macht man, wenn einen so eine Nervensäge heimsucht. Ich jedenfalls legte mich gemütlich auf mein rotes Sofa im Wohnzimmer und tat als ob mich sein Getue überhaupt nicht störte. Und ich bin mir sicher, dass er Mühe hatte, sich von meiner Gelassenheit nicht auf die Palme bringen zu lassen.

Schließlich ging er in die Küche, setzte sich an den Tisch und seufzte: „Jede Andere hätte mir ‚ne Szene gemacht!“ Ich sagte nichts, stand auf und ging ebenfalls in die Küche. „Was ist los mit dir, warum regst du dich nicht auf?“ „Ich reg‘ mich nur sehr selten auf!“, erwiderte ich und sah ihm mit einem prüfenden Blick in die Augen. Heute würde er keinen Sex haben wollen. So viel stand fest. „Kaffee?“ „Wenn’s einer ist, der Tote aufwecken kann, dann ja!“ „Woher soll ich das wissen, ob er das kann. Hab noch keinen Toten hier zu Besuch gehabt, dem ich meinen Kaffee hätte anbieten können!“ Ich grinste, obwohl mir nicht danach zu Mute war, denn ich spürte plötzlich, wie ein kalter Hauch vom Wohnzimmer her in meinen Rücken zog, bis zum Nacken hinauf kroch, wo er so lange saß, bis ich mich in Richtung Kaffeemaschine in Bewegung setzte.

Als ich die Kaffeemaschine anschaltete, sah von Säbelschaft auf seine Armbanduhr und jammerte: „ich hab’ auch Hunger. Krieg’ ich denn hier nichts zu essen?“ „Vom Mittagessen mit Sybille sind noch Kartoffeln da. Wie wär’s denn mit Bratkartoffeln und Rührei?“ „Gibt’s auch den Schafskäse dazu?“ „Der ist für morgen Mittag!“ Ich dachte nicht im Traum daran, ihm eines meiner Lieblingsgerichte aus Kindertagen, Bratkartoffeln, mit Tomate, Rührei und Schafskäse, wie es meine Mamita gemacht hatte, in den gierigen Schlund zu werfen und schon gar nicht in meiner eigenen Wohnung. Zunächst saß er mit beleidigter Miene da. Doch als ich mich ihm gegenüber hinsetzte, um Zwiebeln, Kartoffeln und Tomaten zu schneiden, sah er mich streng an und meinte: „Du bist scheiße frech und unverschämt! Eigentlich müsste man dich erst mal nach Strich und Faden verwimsen!“ Ich hielt seinem Blick stand und gab zurück: „Danke gleichfalls! aber bei dir wird’s wohl nicht mehr helfen, dir den Arsch zu versohlen. Deine Mutter hat dir wohl gar keine Manieren beigebracht, Adel hin oder her!“
Von Säbelschaft zuckte zusammen fing sich aber schnell wieder. Er beobachtete fasziniert, wie ich die Lebensmittel schnitt. Schließlich meinte er mit übertrieben versöhnlichem Ton in der Stimme: „Flink und präzise wie ‚ne Meisterköchin!“

Ich stand auf, gab etwas Fett in die Pfanne und stellte den Herd an. Der Kaffee war fertig, und ich schenkte uns meinen Spezialkaffee aus, von dem ich immerhin wusste, dass er Untote nach durchzechter Nacht oder nach Überarbeitung aufwecken konnte.

„Eins muss ich dir sagen, Felicitas! In manchen Dingen hast du wirklich keine Spur von Kultur. Kaffee in Sammeltassen mit Hundemotiven, das ist wirklich das Letzte!“ Nichts desto trotz nahm er einen großen Schluck aus seiner Tasse und Für einen winzigen Augenblick war ein genießerischer Ausdruck in seinem hellen Gesicht zu sehen. „Naja, ganz ordentlich!“, meinte er schließlich und auf seinem Gesicht war wieder ein sehr skeptischer Ausdruck zu sehen.

Endlich war auch das Essen fertig. Ich gab ihm eine große Portion aus der Pfanne und stellte ihm den Teller hin. Er wartete nicht, bis ich zum Herd gegangen, mir den kläglichen Rest auf einen Teller getan hatte und zum Tisch zurückgekommen war, um eine Kleinigkeit mitzuessen. Als ich ihm wieder gegenüber saß, funkelte Gier in seinen Augen. Und es war klar, dass sich diese nicht nur auf das Essen bezog. „ErzÄhl mir was von dir. Wo kommst du her? Wie lange und warum bist du schon Hure?“

Ich zog die Tischschublade auf und holte das Foto, das Lola im August 1990 am Strand von Katalonien von mir gemacht hat, und von dem ich mehrere Abzüge an verschiedenen Stellen meiner Wohnung liegen hatte, als handfeste Erinnerung an eine der besseren Zeiten. Ich hielt es Siegbert hin. „Was glaubst du, wie alt ich da bin?“, fragte ich ihn. Er zuckte mit den Achseln. „Ich hab’ keinen Bock auf Ratespielchen!“, gab er unwillig und genervt zur Antwort.

„Das ist im August 1990 gemacht worden und zwar von meiner Freundin Lola. Ich war zwölf. Sie hat mich mitgenommen nach Katalonien und später nach Mallorca. Ich musste weg von da, wo ich herkomme. Meine Mamita war Ende Juli überfahren worden. Und bei meinen Verwandten, meiner Geschichte und bei einigen anderen Sachen konnte ich nicht bleiben. Zuerst habe ich als Dienstmädchen in einem großen Hotel gearbeitet. Falsche Papiere hatte ich ja. Das war eine gute Zeit. Ich konnte für mich sorgen, kannte tolle Frauen auf der Straße und wurde nicht von meiner Verwandtschaft oder sonst jemandem genervt oder unterdrückt und verachtet. Ende 1994 wurde Lola schwer krank. Sie war natürlich nicht versichert. Also musste Geld her! Damit Lola eine gute Krebsbehandlung in ‚ner Spezialklinik in Barcelona bekommen konnte, hab‘ ich dann angefangen anschaffen zu gehen!“

„Da hast du dich im wahrsten Sinn des Wortes ganz schön krumm gelegt und das für ‚ne alte, abgewrackte Nutte!“, sagte von Säbelschaft und schickte seinen unverschämten Worten Noch ein kurzes, fettes Ziegenlachen hinterher, das ich in den nächsten Monaten noch häufiger zu hören bekommen sollte. Wenn ihm nichts mehr einfiel, oder wenn er sich nicht mehr zu helfen und zu wehren wusste, schlug Siegbert von Säbelschaft oft mit Spott um sich. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass er mich auch nur ein einziges Mal voll getroffen hat. Mancher dieser Schläge streifte mich zwar aber die meisten gingen an mir vorbei wenn auch nur knapp. Diesmal ging der Schlag so weit ins Aus, dass es mir überhaupt nicht schwer fiel nicht zu reagieren.

„Lola ist nach eineinhalbJahren gestorben. Sie war eine Kämpfernatur und hat sich tapfer geschlagen. Und immerhin konnte sie friedlich sterben! Ende 1996 bin ich wieder nach Deutschland zurückgekommen. Und seit März 1998 arbeite ich hier im Aphrodite!“
„Was ist mit deinem Vater?“
„Ich bin das Produkt einer Vergewaltigung. Mein Erzeuger zog es vor sich mit einer Maske als Täubchen zu tarnen und hat das Glück der Doofen, dass ich genauso aussehe wie meine Mamita und Abuella Isabel. Ansonsten wäre er wohl enttarnt worden. Mehr gibt es über das Arschloch nicht zusagen!“

Meine Worte müssen sehr hart und entschlossen geklungen haben, denn von Säbelschaft sah plötzlich aus wie ein Huhn, wenn es donnert. aber ich setzte nach. „Mehr werde ich dir nicht von mir erzählen und vor allem über meinen Erzeuger werde ich kein weiteres Wort mehr verlieren! Ist das klar?“ Siegbert nickte halbherzig. Aber ich wusste, dass er immer wieder versuchen würde, meiner vollkommen habhaft zu werden, auch über meine Lebensgeschichte.

„Hast du eigentlich einen Künstlernamen?“, fragte er nach einer kurzen Pause. „Nein, eigentlich nicht! Und nenn’ mich bloß nicht Lici! Denk dran, es hat schon Männer gegeben, die Kurtisanen verärgert haben und als Eunuchen ihr Leben beenden mussten!“ Es gelang mir tatsächlich einen scherzhaften Ton der ganz derben Sorte anzuschlagen. Aber ich sah Siegberts Gesicht doch an, dass wenigstens diese Botschaft bei ihm angekommen war. und tatsächlich hat er es nie gewagt, Lici zu mir zu sagen.

Schließlich stand ich auf und räumte das Geschirr in das Spülbecken. Danach ging ich ins Wohnzimmer, griff in mein Bücherregal, nahm Vita brevis von Jostein Garder heraus und hielt es von Säbelschaft hin, der mir gefolgt war und hinter mir stand. „Wenn du willst und es dir nichts ausmacht, einen „gebrauchten Spitznamen“ zu benutzen. Dann nenne mich Floria wie die angebliche Exgeliebte des Augustinus in diesem Buch heißt!“

Von Säbelschaft schlug das Buch auf. „Da ist noch nicht mal ‚ne Widmung drin. Von wem hast du das?“ „Von meinem besten Kunden und Freund. Der heißt Leo!“ „Der Name ist besser für dich als der Offizielle. Das musst du nicht verstehen. Das ist einfach so! Also Floria, da gibt es noch eine Sache, die du wissen musst. Ich bestehe darauf, dass du eher in meiner Zweitwohnung aufschlägst als ich, damit du das Ambiente so herrichten kannst, wie ich es will. Der entsprechende Zettel wird immer am Kühlschrank hängen, klar?“ „Ist gebongt!“

In diesem Augenblick klingelte das Haustelefon. Ich sah auf die Uhr. Es war genau neun Uhr. Ich spürte, dass von Säbelschaft mit den Hufen scharrte und gehen wollte. „Tschüss dann!“, sagte ich und ging ans Telefon in der Küche. Sybille war am Apparat und erinnerte mich an meinen Nächsten Termin um viertel nach neun.

Als ich nach dem Telefonat ins Wohnzimmer zurückkam, war von Säbelschaft verschwunden. Vita Brevis lag auf dem Tisch. Und als ich mich umsah, entdeckte ich die Statue der afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin, die von Säbelschaft auf den Schrank gestellt hatte. Ich hatte ihm keine Beachtung geschenkt, dem Rucksack, den von Säbelschaft bei sich gehabt hatte, aber jetzt wusste ich, wozu er ihn gebraucht hatte. Und jetzt wusste ich auch, dass er mich wirklich als seine Sexarbeiterin bestellt hatte.

Ich Setzte mich auf mein Sofa und sah zur Wohnzimmertür. Ich sah und spürte dort den Geist einer Frau stehen, die einfach dastand und mich mit demselben skeptischen Blick musterte wie Siegbert von Säbelschaft es so häufig tat. Und der Blick war wohl nicht der einzige Grund, warum ich wusste, dass da seine Großmutter stand, obwohl sie sich als sehr junge Frau zeigte. „Freiherrin Ernestine, Franziska, Gertrudes, Hildegunde von Säbelschaft geborene von Kollenberg!“, sagte sie grußlos. „Und was wollen Sie?“ „Ich warne dich! Sei zu meinem Sohn, wie er es will und tu ihm auf keinen Fall irgendetwas an. Denn ich bin auch noch da!“ Und sie war nicht allein. Aber ich merkte auch, dass sie sich nicht näher an mich heranwagte. Auch ich war nicht allein. Der gute Geist von Oma Isabel hielt sie so gut in Schach wie es möglich war. Und sie würde in ihren Bemühungen nicht nachlassen.

Informationen über Felicitas, die ersten sieben Leben eines Pumas findet Ihr im Buchladen von Paula Grimms Schreibwerkstatt.

Fortsetzung von geschlagen mit einem Erschlagenen

0006. Hohlburg, Sonntag 27. Februar 2000

Diese verdammte Schwangerschaft geht mir auf den Geist. Nicht, dass ich mich jeden Morgen übergeben müsste, aber der Energiehaushalt ist durcheinander. Da war mir doch gestern um halb zwei in der Nacht auf einen Schlag die Kraft ausgegangen. Ich bin wirklich geschlagen mit dem, was der von Säbelschaft mit mir gemacht hat. Da ist die Schwangerschaft noch eins der geringsten Übel. Denn die ist in absehbarer Zeit vorbei, was man von seinem Todesfall und auch von den geistigen und seelischen Sachen nicht sagen kann. Und wer weiß, wozu sich dieses ganze Zeug noch auswachsen wird. Aber jetzt geht es erst einmal weiter im Text, bevor mich wieder die Erschöpfung packt, ohne dass ich mein Soll erfüllt habe.

Als ich am folgenden Nachmittag gegen halb drei in die Bar kam, um mit Sybille einen Kaffee zu trinken und ein Bisschen mit ihr zu plaudern, kam die Wagenknecht und überreichte mir einen Schlüsselbund. Am Schlüsselring waren zwei Schlüssel und eine Kette, an der ein viereckiges Kästchen aus durchsichtigem Plastik befestigt war. Das Kästchen enthielt auf der einen Seite das Bild der afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin, wie sie mir von Säbelschaft am vergangenen Abend als Staubfänger hinterlassen hatte und auf der anderen Seite des Kästchens steckte ein Zettel mit der Adresse, Lessingstraße 2. Von Säbelschafts Zweitwohnsitz lag also in der Altstadt von Hohlburg. Ich steckte den Schlüssel in meine Hosentasche. Ohne den Blick von mir abzuwenden, schwang sich die Wagenknecht auf den nächsten Barhocker und meinte in schmeichelndem Ton: „Felicitas, du bist wirklich unser bestes Pferd im Stall!“ „Und das beste Pferd im Stall macht den meisten Mist oder steht mindestens bis zum Bauch im Mist der anderen!“ „Ich weiß, dass du die Außeneinsätze und Hausbesuche nicht magst, aber sie bringen gutes Geld ein.“ Sie lächelte zufrieden. War diese Frau mit den blonden Haaren, dem grauen und dem grünen Auge und den aufgehellten Zähnen jemals eine von uns gewesen? Ich glaubte ihr einfach nicht, dass sie auch drei Jahre lang angeschafft hatte, obwohl sie hübsch und gewandt genug war. „Du und dein Mann, ihr kriegt gutes Geld dafür, dass ihr uns vermittelt. Aber wir kriegen keinen Pfennig mehr, wenn wir ausrücken müssen. Du weißt ganz genau, dass ich mich nicht über die Bezahlung beschwere, weil ich da draußen genau die Arbeit mache, die ich hier auch mache. Und doch hast du mir gerade nur geschmeichelt von wegen das beste Pferd im Stall, um mich zu bestechen. Du wolltest mir ein Bisschen vom Kuchen abgeben, um mich zu korrumpieren!“ „Korrumpieren?“ Die Wagenknecht machte Sybille ein Zeichen, dass sie jetzt auch einen Kaffee haben wollte. „Immer, wenn du bei ‚ner Unterhaltung nicht weiter kommst, und wenn man gar nicht damit rechnet, kommst du mit ‚nem Fremdwort ‚rüber!“ „Na, und?“ „Ich wollte dir doch nur sagen, dass der von Säbelschaft dich auch für was ganz Besonderes hält und sich erkundigt hat, was ist, wenn er dir ‚nen Bonus gibt. Und du weißt, dass der Theo und ich da nicht pingelig sind.“ „Wenn du mir das sagen wolltest, warum eierst du denn dann so ‚rum und sagst das nicht gleich?“ Wir sahen uns lange an, die Sybille und ich. Und wir dachten das Selbe. „Wie gut, dass er sich keine andere ausgesucht hat, der Schmutzpuckel. Dass er gleich bei den Hurenwirten ‚nen Bonus anmeldet, ist echt ’n starkes Stück!“ „Ähm, ähm, ich konnte ja nicht so mit der Tür ins Haus fallen, weil das ja schon echt ungewöhnlich ist, wenn einer das so macht!“ „Menschenskind, wie dumm kann man eigentlich sein? Dass so einer nicht ohne ‚nen miesen Grund zu haben oder aus Berechnung keine Vorschusslorbeeren gibt, musste euch, dem Theo und dir, doch klar sein!“, schaltete sich Sybille mit ihrer angenehm tiefen Stimme ein. Und das Entsetzen stand ihr im Gesicht geschrieben. Die Wagenknecht sah Sybille zornig in die grünbraunen Augen. „Werd‘ du ja nicht frech! Sonst schmeiß‘ ich dich ‚raus!“, fauchte sie musste dann aber den Blick von dem guten Geist des Aphrodite abwenden, weil sie dann doch spürte, dass Sybille recht hatte. Und sie wusste endlich wieder, was sie an dieser ehrlichen Haut hatte. Sybille hätte nicht ein einziges Wort verloren, wenn es nicht richtig und wichtig gewesen wäre. Das wusste die Wagenknecht genau. Eine sehr unangenehme Pause entstand. Und es schien plötzlich mehrere Grad Kälter zu werden, in der Bar. Und die Wagenknecht hielt die Stille dann doch nicht mehr aus. „Du wirst schon mit ihm fertig, Felicitas!“ „Früher oder später vielleicht!“, erwiderte ich resigniert und fügte nach einer kurzen Pause mit fester Stimme hinzu: „Aber eins steht fest! Mit dem mache ich mich nicht gemein, egal, was der mir anbietet!“

An diesem Dienstag betrat ich das Haus in der Lessingstraße genau um vier Uhr. Die Zweitwohnungen Siegbert von Säbelschaft befand sich in der ersten Etage eines dreistöckigen alten Hauses. Die Dreizimmerwohnung mit ihren hohen Decken und Fenstern, den Dielenböden und den teuren Fliesen in bad und Küche war stilvoll mit Antiquitäten und hochwertigen Accessoires eingerichtet worden aber nicht von Siegbert von Säbelschaft. Das spürte ich genau, nachdem ich die Wohnung betreten und die Eingangstür hinter mir zugemacht hatte. Jemand hatte ihm die Wohnung mit allem Drum und Dran eingerichtet. Und sowohl diese Person als auch Siegbert von Säbelschaft wollten, dass jede, die hierher kam, das auf Schritt und Tritt spürte. Als ich das gewahr wurde, musste ich unwillkürlich an Ernestine von Säbelschaft denken, die sich gestern einfach so in meiner Küchentür aufgebaut hatte.

Während ich durch die Wohnung ging, um mich genau aber nicht pedantisch mit dem Ort vertraut zu machen, verstärkte sich das Gefühl, dass es seine Mutter gewesen war, die von Säbelschaft diese Wohnung eingerichtet hatte und hier immer noch wirkmächtig war, noch viel mehr. Der Gedanke, der mir durch den Kopf geschossen war, dass es vielleicht auch seine Frau oder feste Freundin gewesen sein konnte, die ihm dieses Nobelnest für besondere Zwecke eingerichtet haben könnte, schob ich endgültig beiseite. Allerdings zeigte sich Ernestine zumindest an diesem Nachmittag nicht.

Sie ließ sich nicht einmal blicken, als ich in das Arbeitszimmer ging, bei dem ich spürte, dass von Säbelschaft mir den Zutritt verbieten würde, schritt ihr Geist nicht ein. In diesem Zimmer sah ich mich auch nur kurz um. Lediglich den Schreibtisch aus gebeiztem Eichenholz betrachtete ich genauer und länger. An der linken Seite des Möbelstücks waren drei Schubladen und an der rechten gab es eine Tür. Irgendetwas sagte mir, dass die mittlere Schublade das Teil war, dass von Anfang an meine Aufmerksamkeit auf das Möbelstück gelenkt hatte, und ich mir merken musste, sie immer wieder zu betrachten. Diesmal steckte kein Schlüssel im Schloss der Schublade. Meine Aufmerksamkeit war geweckt aber nicht meine Neugier. Denn obwohl ich länger hinsah, spürte ich nicht die geringste Ungeduld in mir aufkommen.

Die Küche war der Hammer. Sie war in einem sehr unangenehmen Sinn das Glanzstück des Hauses. Hier gab es alles, was teuer und glänzend war, manches sogar in doppelter Ausführung. So standen gleich zwei Saftpressen nebeneinander. Beide waren von Ernestine mit einem Schild versehen worden. Auf der rechten stand Obstsaft und auf der linken Presse war in blau auf Gold Gemüsesaft zu lesen. Die Frauen, die hier nach der Sexarbeit kochen mussten, sollten sich in all dem Küchenprunk fehl am Platz und minderwertig fühlen, so viel stand fest. Und um dieser Absicht zumindest einmal zu widersprechen, und weil ich wusste, dass es Siegbert überhaupt nicht recht sein würde, dass ich hier vor getaner Arbeit gemütlich einen Kaffee schlürfte, ging ich zu dem einzigen Gerät, das mir wirklich gut gefiel, dem italienischen Kaffeevollautomaten und machte mir erst mal einen großen schwarzen Kaffee. Damit setzte ich mich an den Küchentisch und trank in aller Ruhe.

Es war viertel nach fünf, als Siegbert von Säbelschaft die Wohnungstür aufschloss. Ich hatte richtig vermutet, dass auch er heute früher kommen würde, um mich gegebenenfalls dabei ertappen zu können, dass ich doch später kommen würde als er. „Felicitas?“, rief er fröhlich. „Ja!“, antwortete ich immer noch in der Küche sitzend mit einer och nicht ganz leeren Kaffeetasse vor mir. Als er in die Küche kam und sah, dass ich Kaffee trank, blitzten seine blauen Augen wütend. Ich trank den letzten Schluck Kaffee, stand auf, brachte die Tasse in die Spülmaschine und trat auf von Säbelschaft zu. Die Gelassenheit, die ich dabei offenbar ausstrahlte, brachte ihn auf die Palme. Aber, als ich ihn ruhig ansprach und damit das erste Wort hatte, fiel sein Zorn in sich zusammen. „Siegbert, du willst, dass ich hier dreimal in der Woche auf dich warte, du willst, dass ich Sexarbeit für dich mache und für dich koche und die Geschichten über deine Geschäfte und dein Frauchen soll ich mir auch anhören, da muss ‚ne Tasse Kaffee im Vorab drin sein!“ „Aber Kaffee ist teuer!“ „Und darum bringe ich auch regelmäßig welchen mit. Da lass‘ ich mich nicht lumpen! Obwohl für jeden, der extra ins Haus kommt, um für einen zu arbeiten, ein Kaffee drin sein sollte!“ Ihm fiel keine Erwiderung ein. Er sah mich wie ein trotziges Kleinkind an. Schließlich drehte er sich um und ging ins Schlafzimmer. Ich folgte ihm. Als ich das Zimmer betrat, stand er unschlüssig vor einer offenen Truhe, die das vollständige Sortiment eines Sexshops zu enthalten schien. Schließlich wandte er sich von der Truhe ab und begann sich auszuziehen. „Mir fällt heute nix ein! Schlag vor, was wir machen. Hilf mir auf die Sprünge!“ Er grinste. An diesem Dienstag half ich ihm dreimal auf die Sprünge. Danach kochte ich Spaghetti Tonno.

Immer wieder kommt mir der Gedanke, dass es gut, richtig und wichtig war, mich Siegbert von Säbelschaft und dem Geist seiner Großmutter nicht geschlagen zu geben, mich selbst so gut wie möglich zu behaupten, mich bestimmten Regeln zu widersetzen und damit ein gutes stück Eigenmächtigkeit zu bewahren. So gewöhnte ich es mir an, immer, wenn ich die Wohnung betrat, den Geist von Ernestine von Säbelschaft, der in den Zimmern wehte, zu begrüßen und mit ihm zu sprechen. Außerdem betrat ich jedes Mal, wenn ich meine Jacke ausgezogen hatte, zuerst das Arbeitszimmer, um für einen langen Augenblick den Schreibtisch anzusehen. Mein Blick ruhte dabei immer auf der mittleren Schublade, ob der Schlüssel nun steckte oder nicht. Und ein viertel Jahr lang traf mich Siegbert von Säbelschaft Dienstags, donnerstags und samstags kaffeetrinkend an. Die Zeiten, die ich mit von Säbelschaft verbringen musste, hielt ich so kurz wie möglich. So sorgte ich dafür, dass die Mahlzeiten, die er nach der Sexarbeit mit mir einnehmen wollte, weitgehend oder vollständig vorbereitet waren, sodass ich das Essen nur noch einmal aufwärmen musste. Er regte sich jedes Mal darüber auf, dass ich seinen Kaffee trank, obwohl ich für Nachschub sorgte und den Kaffeeautomaten gewissenhaft pflegte. Auch, dass ich ihn immer so schnell wie möglich abspeiste, ließ er nicht umkommentiert. „Ich will dieses Fast Food nicht!“, mäkelte er. „Das ist keine Schnellmahlzeit, obwohl ich das Essen nur aufgewärmt habe!“ „Ich will aber keinen aufgewärmten Fraß sondern frisches Essen!“ „Dann musst du in ein Restaurant gehen. Ich hab’ schließlich nicht den ganzen Abend Zeit!“ „Aber ich bezahle doch dafür, dass du hier bist!“ „Andere zahlen auch dafür, dass ich für sie da bin. Und die sind mindestens genauso gute Kunden wie du. Ich werde keinen anderen Freier vernachlässigen wegen dir!“ „Willst du mehr Geld oder was?“ „Das hat nix mit der Bezahlung zu tun. Das hat nur was mit meinen eisernen Prinzipien zu tun!“ „Eiserne Prinzipien!“, schnaubte er verächtlich. „Genau! Ich mache nicht viele Regeln für meine Kunden. Aber die, die ich mache, die gelten, und die setze ich durch!“

Er stellte viele Regeln auf, die vor allem für mich galten. Aber auch Siegbert selbst hatte immerhin einige Angewohnheiten, an die er sich fast immer hielt. So ging er jedes Mal, nach dem wir Sex miteinander gehabt hatten, in sein Arbeitszimmer und machte hinter sich die Tür zu, während ich das Essen fertig machte und den Tisch deckte. Dass er sich über die schnelle Abfertigung ärgerte, lag wohl auch daran, dass er mehr Zeit haben wollte für die Dinge, die er im Arbeitszimmer noch zu tun hatte. Vermutlich tat er im Arbeitszimmer seiner Zweitwohnung irgendwelche Sachen, die er in seiner Firma und zuhause bei seiner Frau nicht erledigen konnte oder wollte. Nur zweimal in den drei Monaten verließ er sein Arbeitszimmer und ging in die Küche, einmal im Dezember und einmal im Januar. Beide Male wartete er bis ich auf die Toilette ging, während das Essen auf dem Herd erwärmt wurde. Und als ich wieder in die Küche kam, stand er vor dem Weinregal und tat so als ob er gerade dabei wäre einen geeigneten Wein zu suchen.

Sowohl im Dezember als auch im Januar war mir nach diesen Treffen mit Siegbert von Säbelschaft zwei Tage richtig schlecht. Was er mir ins Essen getan hat, weiß ich nicht. Aber bei unserem letzten Termin am 15. Februar verstand ich, dass er mir etwas ins Glas oder auf den Teller getan hatte, und warum er meine Verdauung durcheinander gebracht hatte.

Sexuell war Siegbert von Säbelschaft sehr vielseitig. „Ich kenne das Buch der Liebeskunst in- und auswendig!“, behauptete er. Camasutra war neben einigen Büchern zum Wirtschaftsrecht und dem Gesamtwerk von Johannes Mario Simmel die einzige Lektüre in seinem antiken Bücherregal, das weitgehend leer in seinem Wohnzimmer stand. Ich kannte alle Praktiken, die er von mir verlangte. Und es ärgerte ihn, dass es nicht ein einziges Mal vorkam, dass ich etwas nicht kannte und sicher jede Stellung einnahm, die er von mir verlangte. „Das kennst du auch?“ „Natürlich kenne ich das. Das ist mein Beruf!“ „Ich dachte, du bist einfach ‚ne solide Nutte, ganz nullachtfünfzehn!“ Doch da hatte er sich getäuscht. Nie sagte ich etwas dazu, dass er mich für Nullachtfünfzehn hielt. Und da er unbedingt das letzte Wort haben wollte, sagte er mir den Kampf an: „irgendwann kriege ich dich dran, zeig‘ ich dir, wo der Hammer hängt und krieg’ dich klein. Und dann musst du dich geschlagen geben!“

Der Geist seiner Großmutter zeigte sich mir mindestens einmal in der Woche, aller Dings nie, wenn Siegbert dabei war. Oft stand oder saß sie irgendwo und starrte mich an. Doch sie war es, die die Geduld verlor und ihren Blick abwenden musste. Sie versuchte auch, mit mir über die Möbel und die Accessoires zu plaudern. Darauf reagierte ich solange einsilbig, bis sie das Interesse an Small Talk verlor. Dann zog sie sich schmollend zurück, um nach einiger Zeit plötzlich wieder aufzutauchen und mich zu beschimpfen. „Du dreckige Hure, warum tust du nicht genau das, was Siegbert von dir verlangt. Du dummes Ding hast doch ohnehin schon verloren. Dich kriegen wir auch noch klein. Man sollte dich einfach tot schlagen!“

Ich weiß nicht genau, wie ich es schaffte, ihre Schimpftiraden ruhig über mich ergehen zu lassen. Doch es musste etwas damit zu tun haben, dass ich nicht von allen guten Geistern verlassen war. Obwohl ich sie nicht sah, floss mir Ruhe zu, die nur von Salvadora, meinem treuen Krafttier und dem Geist meiner Großmutter zufließen konnten. Und ab Mitte Dezember räumte ich oft von Siegbert und Ernestine, die sich wie trotzige, kleine Kinder, die ihren willen nicht bekommen, auf dem Boden im Arbeitszimmer der Zweitwohnung lagen und wehrlos um sich schlugen und traten. Obwohl das grotesk war und sie dabei so hilflos wirkten wie die kleinen, verwöhnten Kinder, blieb ich auf der Hut und unterschätzte sie nicht. Nicht nur, weil ich deutlich die Kraft sah, die sie hatten.

Morgen muss ich dann endlich erzählen, welchen üblen Plan ich am 15. Februar entdeckte. Die Dinge, die geschehen sind, müssen offen ausgesprochen oder aufgeschrieben werden, damit sie in gewisser Weise erledigt sind, obwohl sie damit natürlich nicht vorbei und bedeutungslos geworden sein werden. Sie werden aber immerhin an Größe verlieren und mir nicht mehr die Sicht auf das Hier, das Jetzt und das Morgen versperren, wie es jetzt noch der Fall ist.
P. S.: Informationen zum ersten Band des Felicitasprojekts gibt es unter

https://www.felicitasbuchbloggerei.de/2017/10/28/felicitas-wie-alles-begann/. Wenn du den Roman, so wie er jetzt ist, von Anfang lesen möchtest und das Projekt genauer kennenlernen möchtest, gehe einfach zur Startseite und Lese von Anfang an.